Weltoffenheit und Abenteuerlust: Wie gerne reist die ältere Generation?

Dr. Martin Schultze, Rochus Winkler & Lars Greif, concept m

Das Interesse am Reisen und Entdecken neuer Orte steigt. Vor allem auch bei der Generation 50 plus gewinnt die Vielfalt an Erlebnis-Angeboten zunehmend an Bedeutung. Die Vermarktung sollte daher nicht nur auf jüngere Zielgruppen beschränkt werden, raten Dr. Martin Schultze, Rochus Winkler und Lars Greif von concept m.

Den Deutschen wird vieles nachgesagt, Experimentierfreude und Weltoffenheit gehören aber nicht unbedingt dazu, so zumindest das gängige Klischee. Viele dieser stereotypischen Vorstellungen über uns Deutsche stammen aus vergangenen Dekaden, halten sich aber hartnäckig. Auf der anderen Seite lieben die Deutschen ihren Urlaub und verreisen gerne in ferne Länder. Laut dem Bundesverband für deutsche Tourismuswirtschaft (BTW) bleibt die Prognose für den deutschen Tourismus positiv, Klimadebatte hin oder her. Wie weltoffen ist also ein Volk, dass es so oft in die Ferne zieht?

Reisebereitschaft steigt bei Generation 50+ 

Die Untersuchungen zeigen, dass nicht nur etwa 96 Prozent aller Befragten jährlich verreisen, sondern, dass Deutsche ab 50 Jahren sogar etwas häufiger im Jahr verreisen: So verreisen 65 Prozent der Personen unter 50 dreimal im Jahr und mehr, bei den 50-Jährigen und Älteren liegt dieser Anteil bei 75 Prozent. Dies hängt sicher damit zusammen, dass die finanziellen Möglichkeiten im Alter für die meisten Menschen in der Regel steigen. Bei vielen Familien verlassen die Kinder das Elternhaus, Kredite werden beglichen und die langjährige Berufstätigkeit bringt höhere Gehälter und eventuell mehr Zeit fürs Reisen ein. Interessant ist dabei, dass sich Männer und Frauen innerhalb der älteren Generation hinsichtlich ihrer Einstellungen, die mit häufigem Reisen eher assoziiert sind, recht deutlich unterscheiden.

Offenheit gegenüber neuen Menschen und Kulturen nach Geschlechtern 

Neues auszuprobieren bei älteren Frauen stärker ausgeprägt

Bei der Frage nach der Offenheit gegenüber neuen Menschen und Kulturen lässt sich erkennen, dass vor allem Frauen sehr weltoffen sind. 72 Prozent der Frauen ab 50 Jahren geben an, eher oder sehr weltoffen zu sein (jeweils Top-2-Werte auf einer 5er-Skala), während es bei den Männern nur 59 Prozent sind.

Auch die Freude am Probieren neuer Dinge ist bei den Frauen wesentlich höher als bei ihren männlichen Pendants. 71 Prozent der Frauen geben in ihrer Selbsteinschätzung an, gerne neue Dinge auszuprobieren, bei Männern liegt dieser Wert bei lediglich 56 Prozent. Schließlich sind Frauen ab 50 auch abenteuerlustiger und geben an, gerne neue Erfahrungen machen zu wollen, lieber als Männer ab 50. Allerdings zeichnet sich generell ab, dass dieser Drang - verglichen mit den anderen beiden Indikatoren - insgesamt weniger Zustimmung erfährt. Nur etwa 51 Prozent der Frauen ab 50 und nur 35 Prozent der Männer ab 50 antworten hier entsprechend zustimmend.

Es scheint viele Frauen zu geben, die in ihrer zweiten Lebenshälfte noch immer nach neuen Abenteuern suchen oder sich neu erfinden wollen. Eine Eigenschaft, die weitaus weniger prävalent bei älteren Männern ausgeprägt zu sein scheint. Der zunehmend verstärkte Fokus auf Individualisierung könnte hier durchaus einen geschlechterspezifischen Erklärungsansatz bieten. Das alte Rollenbild "Frau" als ausschließlich Hausfrau und Mutter wird zunehmend abgelöst bzw. ergänzt durch das der eben auch erfolgreichen, berufstätigen und unabhängigen Frau. Diese Mehrfachrollenerwartungen können deshalb durchaus zu einem Hinterfragen der eigenen Rolle und Lebensziele führen.

Handlungsempfehlung: Neue Zielgruppendefinierung

Mit der Individualisierung gewinnt diese Thematik noch stärker an Relevanz. Zusätzlich gibt es durch die zunehmende Globalisierung viel mehr Möglichkeiten als noch vor 30 Jahren. Das Angebot an Reise- und Urlaubszielen, an exotischen Produkten und Erlebnissen ist groß. Diese Vorteile der Globalisierung und des westlichen Wohlstands ermöglichen einen Lifestyle, wie es ihn früher nicht gab und der noch reizvoller für Menschen ist, die damit noch nicht aufgewachsen sind. Es könnte also für diese Generation auch als ein Nachholen der Jugend zu verstehen sein, welche durch weniger Möglichkeiten und ein strukturiertes und restriktiveres Erwachsenwerden - gerade für Frauen - geprägt war.

Für Marken kann diese Betrachtungsweise durchaus hilfreich sein. Wir erkennen eine sehr aktive ältere Gruppe von Frauen, die sich entgegen der Klischees für neue Dinge begeistern lässt und experimentierfreudig scheint. Gerade die Vermarktung von Trendprodukten sollte daher nicht nur auf jüngere Zielgruppen beschränkt werden. Vor allem Produkte, die mit Selbstfindung, Selbstexpression und Authentizität werben, zielen vorrangig auf sehr junge Verbraucherinnen und Verbraucher ab. Der Selbstfindungsprozess bzw. der Drang danach, sich neu zu erfinden, wird primär als ein "coming of age" vermarktet, obwohl diese Sehnsucht sich auch bei älteren Menschen findet. Trends können also nicht nur junge Leute setzen!

Zur Studie: Grundlage der Untersuchung von concept m. ist eine Studie zu Lifestyle-Welten, an der 1.000 Menschen deutschlandweit über ein Online-Access-Panel teilnahmen. Neben der Frage zur Häufigkeit der jährlichen Urlaube, wurden die Teilnehmer auch zu ihrer Weltoffenheit und ihrer allgemeinen Offenheit gegenüber neuen Dingen befragt.

Zu den Autoren

Dr. Martin Schultze ist Research Director bei concept m research + consulting in Köln und Lehrbeauftragter an der Europäischen Medien- und Business-Akademie in Düsseldorf. Lars Greif studiert Angewandte Psychologie im 5. Semester an der Hochschule Döpfer. Seit September 2019 unterstützt er die Abteilung für quantitative Marktforschung bei concept m als Praktikant. Rochus Winkler ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von concept m.

Veröffentlicht am: 17.02.2020

 

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