Steuerbelastung in Deutschland

Finanzen

Nicht nur in Wahlkampfzeiten spielt die Frage nach Steuersenkungen oder -erhöhungen eine wichtige Rolle. Auch im Alltag fragen sich viele Deutsche beim Blick auf die Gehaltsabrechnung: Muss das sein? Sind die Abgaben an den Staat nicht viel zu hoch? Manche Studien bestätigen das. Doch es kommt letztlich immer auf die jeweilige Steuerart und die Sozialabgaben an. Ein Überblick.

Steuerformular (Studio v-zwölf, adobe stock) | marktforschung.de

Wie hoch ist die Steuerbelastung der Deutschen? Und auf welche Faktoren kommt es hinsichtlich der unterschiedlichen Steuerarten und -sätze an? (Bild: ©studio v-zwoelf, abode stock)

Sie begleiten uns jeden Tag ‒ ob ganz unmittelbar beim Einkaufen oder im Nachhinein bei der Arbeit: Steuern werden auf fast alle Vorgänge erhoben, bei denen Geld im Spiel ist. Sie sind die wichtigste Einnahmequelle des Staates. Zwar finanziert er damit viele gesellschaftliche Projekte und öffentliche Einrichtungen, von denen letztlich die meisten Bürger profitieren. Doch gerade in Deutschland empfinden viele Beschäftigte und Unternehmer die Steuerlast als zu hoch. Unmut wird immer wieder laut, vor allem, wenn neue Studien den Eindruck bekräftigen und internationale Vergleiche angestellt werden.

Dabei gibt es hierzulande beinahe 40 verschiedene Steuerarten und es ist kaum vorstellbar, dass sie alle grundsätzlich in ihrer Höhe überzogen sind. Zumal ein nicht unbeträchtlicher Teil der Abgabenlast nicht von Steuern, sondern Sozialabgaben herrührt. Schließlich sind von den beruflichen Einkünften Beiträge an staatliche Renten- und Krankenversicherungen abzutreten. Diese belasten zusätzlich zu den eigentlichen Steuern die Deutschen finanziell. Wie stellt sich die Lage also bei den wichtigsten Steuerarten wirklich dar? Und was ist mit der Gesamtbelastung?

Abschläge vom Einkommen mit am höchsten

Was die Abzüge vom Arbeitseinkommen angeht, liegt Deutschland tatsächlich an der Weltspitze, wie eine jährliche Auswertung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigt. So betrug der Belastungssatz für kinderlose Singles im Jahr 2020 durchschnittlich knapp 39 Prozent, womit Deutschland als teuerster Staat auf Platz eins im Vergleich aller 37 OECD-Staaten landet. Davon entfielen rund 19 Prozent dieser Abgaben auf die Einkommensteuer und circa 20 Prozent auf die Sozialabgaben.

Auch Familien mit Kindern werden, entgegen manch landläufiger Meinung, hierzulande stark zur Kasse gebeten ‒ zumindest, wenn beide Elternteile erwerbstätig sind und sie zwei Kinder haben. Dann nämlich betrug die durchschnittliche Belastung in 2020 knapp 30 Prozent, wovon zehn Prozent Einkommensteuer und fast 20 Prozent Sozialversicherungsbeiträge waren. Bei der Belastung dieser Doppelverdiener-Familien mit zwei Kindern belegt Deutschland Rang zwei in der OECD-Tabelle, knapp hinter Belgien, das mit 30,5 Prozent Gesamtabgabenlast führt.

Ebenfalls den zweiten Platz hinter Belgien sichert sich Deutschland in der Betrachtung des von der OECD als „Steuerkeil“ titulierten Arbeitskostenfaktors. Dieser beschreibt die Differenz zwischen den Kosten, die der Arbeitgeber für eine Arbeitskraft bezahlt und dem Verdienst, der dem Arbeitnehmer nach Abzug von Steuern und seinem Sozialabgabenteil übrigbleibt. Gemeint ist also der Keil zwischen dem Bruttogehalt plus Arbeitgeberteil der Sozialabgaben einerseits und dem letztendlichen Nettogehalt. Diese Gesamtbelastungsquote einer Arbeitskraft liegt in Deutschland für kinderlosen Singles bei 49 Prozent. Spitzenreiter Belgien kommt in der OECD-Studie auf 51,5 Prozent.

Familien mit einem Verdienenden profitieren

Außerdem ist dem OECD-Bericht zu entnehmen, dass die deutsche Abgabenlast lediglich für solche Familien geringer ist, die über zwei Kinder und nur ein Elternteil verfügen, das ein Arbeitseinkommen hat. Hier beträgt die Durchschnittsbelastung etwa 33 Prozent, womit Deutschland in diesem Ranking immerhin „nur“ auf Rang neun landet. Jedoch sind auch das noch knapp zehn Prozent mehr Belastung als im OECD-Durchschnitt. Dass Alleinverdiener-Familien in Deutschland nicht ganz so viel an den Staat abgeben müssen, liegt laut OECD-Steuerexperten am Ehegatten-Splitting für diese Gruppe. Dabei werden die Einkünfte der Eheleute addiert und durch zwei geteilt, wodurch jede Seite theoretisch die Hälfte der Gesamtsumme versteuert. Das hat, wenn nur einer der beiden Ehepartner über ein Einkommen verfügt, einen großen Steuervorteil. Ebenso verhält es sich, wenn beide Seiten unterschiedlich viel verdienen. Der anfallende Steuersatz fällt dann deutlich geringer aus als wenn beide Eheleute eine separate Steuerveranlagung machen würden.

junger Mann mit einem Taschenrechner (Bild: ©WavebreakmediaMirco, adobe stock) | marktforschung.de

Familien, die nur über ein Arbeitseinkommen verfügen, haben steuerliche Vorteile. (Bild: ©WavebreakmediaMirco, adobe stock)

Unternehmen fordern Entlastung

Neben der Einkommensbesteuerung von Einzelpersonen ist die Unternehmensbesteuerung die wichtigste Einnahmequelle des Staates auf der Ebene der direkten Steuern. Sie setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: Zum einen aus der Gewerbesteuer, die von jedem Unternehmen mit einem jährlichen Gewinn von über 24.500 Euro bezahlt werden muss. Hinzu kommt für Kapitalgesellschaften die Körperschaftsteuer, die 15 Prozent des zu versteuernden Einkommens beträgt. In Kombination kommen diese beiden Komponenten der Unternehmensbesteuerung meistens auf um die 30 Prozent Abgabenlast, was speziell vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) immer wieder kritisiert wird. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit tatsächlich weit vorne.

In den meisten Erhebungen landen weltweit nur wenige Industriestaaten bei über 30 Prozent Unternehmenssteuer, wobei die Vergleiche aufgrund unterschiedlicher Zusammensetzungen der Unternehmensbelastungen meist schwierig sind. Noch bis 2018 fielen etwa in Frankreich 32 Prozent an, doch bis 2022 soll der Wert auf rund 26 Prozent gesenkt werden. Entsprechend lautet eine Forderung des BDI, in Deutschland 25 Prozent nicht zu überschreiten, um Investitionen am hiesigen Wirtschaftsstandort attraktiver zu machen. Zugleich wird die Abschaffung des Solidaritätszuschlags gefordert, der 2021 für die meisten Privatpersonen auf die Einkommensteuer entfiel, für Unternehmen aber nach wie vor 5,5 Prozent von der Körperschaftsteuer beträgt.

Kapitalerträge im Mittelfeld besteuert

Ein weiterer großer Faktor der direkten Besteuerung ist in Deutschland die Abgabe auf Kapitalerträge. Wer Gewinne, Ausschüttungen oder Zinsen auf Investments ‒ etwa Wertpapiere oder Festgeld ‒ realisiert, muss davon 25 Prozent Abgeltungssteuer bezahlen. Hinzu kommt wiederum der Solidaritätszuschlag von 5,5 Prozent und etwaige Kirchensteuer. Diese Belastung fällt allerdings erst dann an, wenn mit den Gewinnen ein jährlicher Freibetrag von 801 Euro für Singles oder 1602 Euro für Ehepaare in gemeinsamer Steuerveranlagung überschritten wird. Zudem ist seit geraumer Zeit immer wieder in der Diskussion, die Freibeträge in Zukunft zu erhöhen, um mehr Deutsche vor allem zu Investitionen am Aktienmarkt zu ermuntern. Was einen internationalen Vergleich angeht, ist dieser zwar aufgrund unterschiedlicher Freibeträge und Schwerpunkte der Kapitalbesteuerung schwierig. Es zeigt sich jedoch in den meisten Vergleichsversuchen, dass Deutschland mit seinem pauschalen Satz von 25 Prozent, zumindest in Europa, etwa im Mittelfeld landet.

Deutsche Umsatzsteuer für EU-Verhältnisse niedrig

Vielfach gilt der Unmut deutscher Steuerzahler und Unternehmer auch der Umsatzsteuer, die im Allgemeinen gerne als Mehrwertsteuer bezeichnet wird und zu den indirekten Steuern gehört. Sie liegt hierzulande bei 19 Prozent für den Kauf der meisten Konsumgüter und Dienstleistungen. Ausgenommen sind Grundnahrungsmittel, Bücher und Zeitungen sowie Angebote im künstlerischen oder bildungsnahen Bereich. Hier fallen nur sieben Prozent an. Unternehmer können auf alle Anschaffungen gezahlte Umsatzsteuer als Vorsteuer geltend machen und sie sich beim Finanzamt sogar zurückholen.

In der Europäischen Union gilt derzeit ein Regelsteuersatz von mindestens 15 Prozent für die Umsatzbesteuerung, den die Mitgliedsstaaten nicht unterschreiten, aber durchaus überschreiten dürfen. Von dieser Erlaubnis machen ausnahmslos alle Länder Gebrauch und so zeigt sich, dass Deutschland mit seinen vier Prozent über Regelsatz tatsächlich zu den EU-Staaten mit der niedrigsten Umsatzsteuer zählt. Lediglich die beiden ohnehin als Steuerparadiese geltenden Länder Zypern und Luxemburg liegen mit 18 bzw. 17 Prozent noch unterhalb des deutschen Satzes. Was Luxemburg angeht, existieren sogar vier Steuersätze bei der Umsatzbesteuerung, zu denen neben dem normalen 17-Prozent-Satz noch eine mittlerer und zwei vergünstigte Sätze zählen. Deutlich über dem EU-Regelsatz liegen zum Beispiel folgende Mitgliedsstaaten:

  • Ungarn: 27 Prozent
  • Kroatien, Dänemark, Schweden: 25 Prozent
  • Finnland: 24 Prozent
  • Griechenland, Polen, Portugal, Irland: 23 Prozent

Weitere Abgaben und ihre Auswirkungen

Im Schatten der aufgeführten großen Hauptsteuern finden sich noch viele scheinbar kleinere Steuerarten, die für jeden Steuerzahlen individuell anders ins Gewicht fallen und schwer zu vergleichen sind. Zum Beispiel bezahlen die immer noch zahlreichen Besitzer eines Autos mit Verbrennungsmotor die Kfz-Steuer, welche jedoch je nach Automodell unterschiedlich hoch ausfällt. Hubraum, Abgasnorm und CO2-Ausstoß spielen dabei eine Rolle. Während reine Elektroautos im Sinne des Klimaschutzes von der Politik mit einem Wegfall der Kfz-Steuer gefördert werden, sind bei Verbrennern immer höhere Aufschläge für den Kohlendioxid-Ausstoß fällig. Die seit Jahresbeginn eingeführte CO2-Steuer auf Kraft- und Heizstoffe treibt die Preise für Diesel und Benzin oder Erdgas und Heizöl in die Höhe.

Der Bund der Steuerzahler Deutschland kritisiert diese Nebenbelastung in Kombination mit den ohnehin schon hohen Einkommensteuern und Sozialabgaben. Besonders betroffen sei der Mittelstand. Nach einer umfragebasierten Prognose, die das Deutsche Steuerzahlerinstitut errechnet hat, bleiben einem durchschnittlichen Arbeitnehmer-Haushalt hierzulande von einem Euro Verdienst nur gut 47 Cent übrig. Dies führe zu einer Einkommensbelastungsquote von knapp 53 Prozent für 2021. Wie ein Blick in die Wahlprogramme der großen Parteien zur anstehenden Bundestagswahl zeigt, ist sich die Politik zumindest in einem Punkt einig: In Deutschland sollen vor allem kleine und mittlere Einkommen steuerlich entlastet werden.

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