Normal ist das nicht: Studienwahl unter Corona-Bedingungen

Ralf Weinen, A&B One Kommunikationsagentur

COVID-19 verändert die Perspektiven für Abiturient*innen, den Studienbetrieb und auch die Möglichkeiten im Hochschulmarketing dramatisch. Hochschulen müssen sich auf ein verändertes Mindset ihrer Zielgruppe einstellen, meint Ralf Weinen, Leiter des qualitativen Forschungsteams der Agentur A&B One.

Ralf Weinen, A&B One

Die Studien- oder Berufswahl ist für junge Menschen eine echte Lebensentscheidung. Und die Hochschulen investieren viel in Information und Beratung: Auf ihren Websites, über Social Media, durch Hochschultage und persönliche Beratung. Seit COVID-19 ist auch hier nichts mehr normal: Die Alternativen zum Studieren sind rar, die Kommunikation verlagert sich ins "Virtuelle" und die Lehre bleibt wohl (vorwiegend) digital. 

Im Auftrag der Initiative "Pack Dein Studium.", mit der das Sächsische Wissenschaftsministerium und die sächsischen Hochschulen über Studienmöglichkeiten im Freistaat informieren, haben wir die coronabedingten Veränderungen in der Studiumsplanung qualitativ untersucht: Durch zwei Fokusgruppen mit Abiturient*innen und neun qualitative Interviews mit Expert*innen aus den Hochschulen. 

Neuer Pragmatismus bei der Qual der (Studien-)Wahl

Die Abiturient*innen aus dem Corona-Jahrgang unterscheiden sich auffallend von vergleichbaren Fokusgruppen, die wir in den letzten Jahren durchgeführt haben. Die früher üblichen Selbstfindungsprobleme sind in den Hintergrund getreten, und die jungen Erwachsenen wirken in ihrer Berufsorientierung eher unaufgeregt, bodenständig und realistisch. Sie müssen offenbar nicht (mehr) alles haben oder werden und folgen stattdessen Neigungen oder Talenten, die sie schon früh für sich entdeckt haben: "So bin ich halt". Breit angelegte, bewährte und "klassische" Studiengänge sind attraktiv, die früher beliebte Spezialisierung wird mit Skepsis betrachtet. 

Grafik A&B One Studiumsplanung im New Normal
An die Stelle von Lebensträumen trifft bei den "Corona-Abiturienten" manchmal ein extrem reduzierter Pragmatismus. (Grafik: A&B One)

Ernsthaftigkeit und Bodenständigkeit sind ohnehin typische Eigenschaften der Generation, die durch Corona nochmal verstärkt werden. Das Corona-Abi wirkt nach: Viele Abiturient*innen fühlten sich im Homeschooling und mit ihrer Unsicherheit bezüglich der Abiturprüfungen ziemlich allein gelassen. Am Ende stand die Erfahrung, dass man es doch irgendwie (und alleine) geschafft hat. Verunsicherungen und Verlusterfahrungen werden kaum eingestanden: Die Stufe 12 hatte ja Glück im Unglück und darf sich nicht zu laut beschweren. Wenn große Pläne geplatzt sind (z. B. Auslandsjahre), wirken die Befragten auffällig verschlossen. Sie treten dann auch untereinander kaum in Kontakt, verfolgen pragmatisch ihre (neu gefassten) Pläne und verhalten sich nach dem Motto "Augen zu und durch". An die Stelle von Lebensträumen trifft manchmal ein extrem reduzierter Pragmatismus. In krisenhaften Zeiten gilt es unterzukommen, und das Gros will nach den quälenden Einschränkungen keinesfalls weiter "herumlungern". Ein Studium gilt als sichere, oft als die einzige Wahl. 

Informationsverhalten und das digitale Semester

Die Abiturient*innen neigen im Social Distancing zu einer verstärkten Selbständigkeit - die nicht immer zielführend ist. Die Bereitschaft, Beratung zu suchen, ist eher gering, trotz der vielen Fragen in unsicheren Zeiten. Die Gesamtstimmung ist gedrückt: Das Studium verspricht dieses Jahr nicht den großen Aufbruch; das neue "Studentenleben" wird sich (wenn überhaupt) nur eingeschränkt realisieren. Es wirkt unpassend, wenn zu sehr dafür oder damit geworben wird. Erfahrung, Sicherheit und Bewährtes sind wichtiger geworden als Innovation und Spezialisierung, auch bei der Bewertung von Hochschulen. Alarmismus herrscht zuweilen mit Blick auf Details, weil sich viele Regeln kurzfristig ändern und die Angst groß ist, etwas zu verpassen. 

Grafik A&B One Studiumsplanung im New Normal
Digitale Lehre und virtuelle Informationstage treffen nicht wirklich auf Begeisterung bei den Studiumsanwärter*innen (Grafik: A&B One)

Das Thema "digitale Lehre" ist da und bedeutsam, auch wenn es nicht immer zum Thema gemacht wird. Die Befragten wissen um die Problematik, wollen sich aber nicht "verrückt machen" lassen. Sie betonen ihre Einsicht in die Notwendigkeit und dass sie sich mit digitaler Lehre arrangieren können. Dies ist auch Ausweis ihrer Kompetenz als "Digital Natives". Keine Präsenz wird dennoch als herber Verlust von Studien- und Lebensqualität erlebt: Von Austausch, Gemeinschaft, Aufbruch und Selbständigkeit. Die Stimmung reicht von Duldsamkeit bis zum Galgenhumor. Wichtig ist, dass die Hochschulen transparent über die (vorläufigen) Planungen für das Wintersemester informieren: Direkt auf den Landingpages für die Studiumsplanung. 

Digitale Informations- und Beratungsformate

Die Akteur*innen an den Hochschulen schildern uns den Shutdown auch als Zeit mit vielen konstruktiven Veränderungen: Es entstand Freiraum für Innovation, Improvisation und digitale Evolution. Der Fokus lag oft darauf, kurzfristig ausfallende Präsenzformate digital zu kompensieren, vor allem durch virtuelle Hochschultage und die Umstellung der Beratung auf Web-Meetings bzw. Online-Workshops. In diesem Zuge wurden oft auch die Bewegtbildangebote der Hochschulen massiv ausgebaut. 

In den Fokusgruppen zeigt sich, dass der Digitalisierungsschub von den "Digital Natives" sehr differenziert, in Teilen auch distanziert betrachtet wird. 

  • Der Trend zum Bewegtbild wird sehr begrüßt: Videos sind anschaulich und bequem. Sie haben aber Kehrseiten, weil man dem Bilderstrom passiv ausgeliefert bleibt. Das "nervt" beim Absurfen vieler Websites und vieles geht besser im Text. Die Abiturient*innen wollen keineswegs nur "konsumieren", und sie regen Alternativen an, die mehr Selbstbestimmung erlauben (Bildergalerie, Podcasts, Street-View-Formate).
  • Beim sogenannten "Web-Seminar" erwarten viele Befragte einen (langen) Live-Vortrag mit Chat-Möglichkeit - und erleben dies wie ein Video, dem man lange passiv folgen muss. Dabei sinken die Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, Fragen zu stellen. Für die Erstinformation werden kurze, vorproduzierte Videos bevorzugt. Echte Online-Workshops zu Beratungsthemen (Studienwahl, Studienstart) werden gut angenommen. 
  • Das Angebot digitaler Hochschultage ist nicht immer bekannt; es wurde genutzt, wenn ein Besuch konkret geplant war. Viele Befragte können es sich schwer vorstellen, über Stunden hinweg dem Streaming zu folgen. Fraglich ist auch, warum Information und Beratung auf einen Tag verknappt werden, wenn die Angebote ohnehin nur digital zugänglich sind. 
  • Digitale Bildungsmessen wirken wenig überzeugend: Eher langweilig und nicht vergleichbar mit dem Erlebnis vor Ort. Auch der Nutzen ist fraglich, soweit die Messe nur Informationen bündelt, die ohnehin im Internet abrufbar sind: Man könnte genauso gut "surfen". 

Die Analyse der Einzelmaßnahmen zeigt insgesamt, dass die vielen neuen digitalen Formate, die im Shutdown oft als improvisierte Behelfslösungen entstanden sind, nun reflektiert, überarbeitet und als dauerhafte Innovation implementiert werden müssen. Das präsentische Original (z. B. der Hochschultag) muss nicht "virtuell" kopiert, sondern transformiert werden: gemäß den eigenen Regeln, Chancen und Grenzen der digitalen Realität. 

Zur Studie

Im Rahmen der Studie wurden zwei Fokusgruppen mit Studiumsplaner*innen aus dem Abiturjahrgang 2020 (Dresden) und neun Expert*inneninterviews mit Verantwortlichen für Studierendenmarketing und -beratung an sächsischen Hochschulen durchgeführt. 

Die Pilotstudie wurde beauftragt von der Initiative "Pack dein Studium. Am besten in Sachsen.", mit der das Sächsische Wissenschaftsministerium und die sächsischen Hochschulen über die Studienmöglichkeiten im Freistaat informieren. 

Den Studienbericht erhalten Sie hier zum Download 

Über den Autor:

Ralf Weinen, A&B One
Ralf Weinen, A&B One
Ralf Weinen verantwortet das Angebot für Markt- und Sozialforschung der Kommunikationsagentur A&B One. Der Diplom Psychologe hat an der Universität Köln morphologische Wirkungsforschung studiert und ist seit über 25 Jahren qualitativ forschend tätig. Zu seinen Kund*innen zählen namhafte Unternehmen u. a. aus den Branchen Food, Konsumgüter, Finanzdienstleistungen, ITK, Handel und B2B, sowie viele gesellschaftliche und politische Organisationen.

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Veröffentlicht am: 02.11.2020

 

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