Berufliche Neuorientierung: Drum prüfe, wer sich neu binde!

Melanie Schumacher, karriere&perspektiven

Denken Sie montags schon ans Wochenende? Fühlen Sie sich überfordert, nahe am oder gar im Burnout? Langweilt Sie Ihre Arbeit zunehmend? Vermissen Sie Wertschätzung für Ihre Arbeit? Sind Sie häufig unzufrieden und unausgeglichen? Dann sind Sie möglicherweise eine Kandidatin für eine berufliche Neuorientierung. Bevor Sie nun Ihren Job auf der Stelle kündigen, sollten Sie jedoch einige Punkte beachten.

Melanie Schumacher, Karriereberaterin ©karriere&perspektiven

Melanie Schumacher, Karriereberaterin ©karriere&perspektiven

Die Gründe für den Wunsch nach beruflicher Neuorientierung sind vielfältig. Häufig genannt werden die Suche nach neuen Inhalten, Langeweile und Unterforderung, Überforderung bis zum Burnout, unzureichende Entwicklungsmöglichkeiten oder schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf. So geben beispielsweise Jobwechsler in der Marktforschungsbranche als Hauptgründe für aktuelle berufliche Veränderungen den Wunsch nach persönlicher Weiterentwicklung, eine grundsätzliche Veränderung, Unzufriedenheit mit dem Gehalt sowie den Wunsch nach einem Ortswechsel (insbes. Begrenzung des beruflichen Pendelns) an (s. hierzu die aktuelle Leseprobe der Recruiting-Studie von marktforschung.de).

Mitunter machen aber auch äußere Umstände eine berufliche Neuorientierung notwendig. Die Digitalisierung führt zur Vernichtung ganzer Branchen oder Geschäftsmodelle. Mitarbeiter verlieren dadurch Ihre Jobs und ihr Beruf wird nicht mehr nachgefragt. Eine Neuorientierung ist in diesen Fällen unumgänglich. Krankheit, die Pflege von Angehörigen oder auch eine längere Familienphase sind weitere Gründe für einen Neustart. Eher in der Minderheit (obgleich häufig medienwirksam herausgehoben) sind die Menschen, die Ihren beruflichen Traum verwirklichen möchten.

Berufliche Neuorientierung ist ein großer Schritt im Berufsleben, der häufig von Ängsten und Befürchtungen begleitet wird. Es lohnt daher, diesen Prozess sorgsam durchzuführen. Folgende Tipps können erste Anhaltspunkte dafür sein:

1.   Analysieren Sie Ihre Situation

Beginnen Sie den Prozess mit einer umfassenden Zufriedenheitsanalyse, die sowohl Ihre aktuelle Tätigkeit als auch Ihre private Lebenssituation umfasst.

Mögliche Parameter Ihrer Arbeitszufriedenheit können beispielsweise Arbeitsinhalte, Entscheidungs- und Gestaltungsmöglichkeiten, die Vielfalt der Tätigkeiten, Kollegen, Vorgesetzte, Weiterbildungsmöglichkeiten, Karriereoptionen, Gehalt oder auch die Entfernung zum Wohnort sein.

Schauen Sie auch auf Ihre private Lebenssituation. Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Privatleben (Familie, Partnerschaft, Freunde)? Wie ist es um Ihre Gesundheit bestellt? Wie sehen Ihre finanziellen Verhältnisse aus? Was ist Ihnen wichtig im Leben?

Welche Bereiche erleben Sie als zufriedenstellend und wo gibt es Defizite? Welche Bereiche sind für Sie von besonderer Bedeutung und welche Folgen hat dies für eine mögliche berufliche Veränderung?

2.   Lernen Sie sich kennen

Was macht Sie aus? Was genau haben Sie zu bieten? Welche Themen fesseln Sie und was ist Ihnen wichtig? – Eine umfassende Standortbestimmung, in der Sie Ihre Stärken (Kompetenzen und Persönlichkeit), Ihre Interessen sowie Ihre Werte und Motive erheben, ist die unabdingbare Voraussetzung für eine nachhaltige berufliche Neuorientierung.

Aus psychologischen Studien weiß man, dass eine möglichst hohe Übereinstimmung von Begabungen zu den ausgeübten Tätigkeiten langfristig mit beruflicher Zufriedenheit und Erfolg einhergeht. So werden Menschen mit einer praktisch-rechnerischen Begabung tendenziell mit einer Tätigkeit im Rechnungswesen zufrieden sein. Daher ist das "Herzstück" jeder beruflichen Selbsterkundung zunächst die Erhebung der Begabungen und Erfahrungen, die wir im beruflichen Kontext als Kompetenzen (fachliche, methodische, soziale und persönliche) bezeichnen. Analysieren Sie hierzu Ihre bisherigen beruflichen Stationen und beantworten Sie beispielsweise folgende Fragen:

  • Wofür werde ich häufig von Kolleginnen/Vorgesetzten angefragt?
  • Welche Probleme löse ich immer wieder?
  • Was ist mir gelungen (Erfolge)?
  • Was fällt mir leicht?

Ergänzen Sie Ihre Selbsteinschätzung unbedingt um den Blick von außen, also um das Fremdbild. Bitten Sie Freunde, (Ex-)Kollegen oder Vorgesetzte, Kunden etc. um Feedback zu Ihren Stärken. Sie werden staunen, welchen Motivationsschub ein konstruktives Feedback bei Ihnen auslösen kann.

Zusätzliche Erkenntnisse zur eigenen Persönlichkeit können Sie durch psychologische Tests gewinnen (z.B. Bochumer Inventar zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung (BIP)).

Viele Menschen ziehen große Motivation aus den Themen/Interessen bzw. Tätigkeiten, mit denen Sie sich beruflich beschäftigen. Daher sollten Sie sich auch im Rahmen Ihrer beruflichen Standortbestimmung intensiv damit auseinandersetzen. Fragen Sie sich beispielsweise, bei welcher Beschäftigung Sie alles um sich herum vergessen oder mit welchen Themen Sie sich in Ihren letzten Tätigkeiten liebend gerne auseinander gesetzt haben. Manchmal ist auch ein Blick zurück in die Kindheit und Jugend hilfreich, wenn Sie sich Ihrer ersten Berufswünsche oder früheren Freizeitbeschäftigungen erinnern.

Ein weiterer wichtiger Baustein sind Ihre Werte und Motive. Individuell bedeutsame Werte sind häufig wenig bewusst. Allerdings gewinnen Sie an Relevanz, wenn Sie nicht mehr verwirklicht werden können. Eine Klientin war jahrelang sehr zufrieden mit Ihrem Arbeitsplatz. Dann veränderte sich die wirtschaftliche Situation und Sie war gezwungen, erheblich mehr zu arbeiten. Dadurch konnte Sie sich nicht mehr wie vorher um Ihre Familie und Ihre Freunde kümmern. Im Coaching wurde ihr bewusst, dass Familie/Freunde in Ihrer Wertehierarchie sehr weit oben stehen. Dieser Wert stand nun (erstmals) im Konflikt zu den Gegebenheiten am Arbeitsplatz. Die Lösung dieses Wertekonflikts bestand letzten Endes in einem Wechsel des Arbeitgebers.

3.   Entwickeln Sie Ihre Optionen

Aus der Zusammenschau Ihrer Standortanalyse mit Ihren Stärken, Motiven und Werten sowie Ihren Interessen entwickeln Sie nun Ideen für Ihre konkrete berufliche Neuorientierung. Diese Ideen erweitern Sie im Anschluss durch Recherche. Neben der Internetrecherche z.B. in Stellenbörsen, sozialen Netzwerken oder Berufsdatenbanken kommt den sogenannten Informational Interviews eine wichtige Rolle zu. Bitten Sie Menschen, die eine Tätigkeit ausüben, die Sie interessiert, um ein kurzes Informationsgespräch.

4.   Klären Sie Ihre Ziele

Wie möchten Sie in der Zukunft leben? Was gibt Ihrem Leben Sinn? Was sollte nicht passieren? Reisen Sie in Gedanken fünf bis zehn Jahre in die Zukunft. Spielen Sie dann einen fiktiven Arbeitstag in Ihrem zukünftigen Leben möglichst detailliert durch. Mit dieser Technik lassen Sie ein möglichst konkretes Zielbild entstehen, das wiederum starke motivationale Kraft entwickelt.

5.   Machen Sie den Realitätscheck

Sie befinden sich nun möglicherweise in der "Honey-Moon-Phase" der beruflichen Neuorientierung – voller Motivation und Tatendrang. Bevor Sie nun Ihren alten Job kündigen, sollten Sie Anforderungen, Chancen, Risiken und mögliche Nachteile abwägen. Folgende Fragen können Sie dabei unterstützen: Bringe ich die Kompetenzen für die neue Tätigkeit mit und falls dies nicht der Fall sein sollte, kann ich diese durch Weiterbildung erwerben? Wie ist die Bewerbersituation? Was bedeutet die Neuorientierung für meine Familie/Partner/Freunde?

6.   Wie viel Neues darf es sein?

Welche Strategie verfolgen Sie für Ihre berufliche Neuorientierung? Sind Sie die Neuorientiererin, die den radikalen beruflichen Wechsel vollzieht, nach dem Motto "von der Unternehmensberaterin zur Yogalehrerin"? Oder finden Sie sich eher in der Gruppe der beruflichen Neuorientierer, die vermeintlich geringere berufliche Veränderungen vollzieht. Die Bandbreite beruflicher Veränderung ist groß: Vom Jobenrichment (z.B. durch die Übernahme zusätzlicher Aufgaben oder Projekte) oder einer Reduzierung der Arbeitszeit und der Aufnahme eines Nebenjobs bzw. eines Hobbys, über den internen Wechsel in eine andere Abteilung, zum Wechsel des Arbeitgebers, bis zum Neustart in einer anderen Tätigkeit oder Branche als Quereinsteiger. Das Ergebnis ist sehr individuell und sowohl von Ihnen als auch von den Gegebenheiten am Arbeitsmarkt abhängig.

7.   In die Umsetzung kommen

Nicht jeder Wechselwillige setzt sein berufliches Veränderungsvorhaben auch tatsächlich um. Was bei vielen als fester Vorsatz zur radikalen Veränderung beginnt, endet mitunter in einem "Weiter so". Das hat neurobiologisch betrachtet gute Gründe. Denn wir setzen unsere durch bewusstes Denken hergeleiteten Ziele, hier also die berufliche Veränderung, erst um, wenn auch unser "Bauchgefühl", also unser (unbewusstes) Erfahrungsgedächtnis, damit im Einklang ist. Da die Mechanismen des Erfahrungsgedächtnisses aber dazu tendieren, Gewohntes zu belohnen, kann Veränderung nur gelingen, wenn die Anreize zum Wechsel bzw. der Leidensdruck in der aktuellen Situation sehr groß sind. So berichten mir Coachees häufig, dass Sie sich "immer mal wieder" mit einem Jobwechsel beschäftigt hätten, aber erst der stressbedingte Zusammenbruch dazu geführt habe, den Prozess der Neuorientierung tatsächlich durchzuführen.

Drei Beispiele:

Frau S. (48 Jahre): Frau S. langweilt sich in Ihrer Tätigkeit in einer kleinen Makleragentur. Im Rahmen des Neuorientierungsprozesses entdeckt sie, dass Sie ein bislang eher wenig nachgefragtes Talent hat, Wissen weiterzugeben. Da Sie als Alleinerziehende aber die Nähe zum Wohnort und das sichere Gehalt schätzt und die Arbeit grundsätzlich Spaß macht, entscheidet Sie sich für eine Weiterbildung zur betrieblichen Ausbilderin. Wenig später schließt Sie eine Trainerausbildung an, die es ihr ermöglicht, im Nebenjob Trainings für eine Weiterbildungsinstitution durchzuführen.

Herr O. (52 Jahre): Nach einem Burnout war sich Herr O. sicher, dass er seine Führungsposition in der Gastronomiebranche nicht mehr aufnehmen kann. Im Rahmen seiner Neuorientierung entdeckte er seine Stärken "Kommunizieren" und "Verhandeln". Da er sich immer auch sehr für die Produkte seiner Lieferanten interessierte, wechselte er in den Vertrieb für gehobene Gastronomieprodukte. Nebenbei hat er eine Weiterbildung zum Betriebswirt begonnen.

Herr A. (30 Jahre): Herr A. hat ein Design-Studium absolviert und danach einen "Brot-und-Butter-Job" im Marketing einer großen Immobilienagentur angenommen. Nach fast zwei Jahren hält er es nicht mehr aus: seine Arbeit bietet keine Entwicklungsmöglichkeiten und er empfindet Sie als wenig sinnstiftend. Im Coaching stellt sich heraus, dass Herr A. nach wie vor großes Interesse am Thema "Design" hat und sich zudem für "Nachhaltigkeit" interessiert. Er führt Gespräche mit Menschen aus beiden Bereichen und beginnt eine Weiterbildung im Online-Marketing. Schließlich wechselt er in den Marketingbereich eines großen Einzelhandelsunternehmens im Bereich Bio-Produkte. Hier findet er eine Tätigkeit, die mit seinen Interessen und Werten harmoniert.

Zur Autorin

Melanie Schumacher ist Diplom-Kauffrau und Expertin für berufliche Neuorientierung. Die zertifizierte Karriereberaterin unterstützt mit ihrer Bonner Beratung karriere&perspektiven Unternehmen sowie Fach- und Führungskräfte rund um Themen der beruflichen Veränderung. Sie hält Vorträge, leitet Workshops und schreibt BLOG-Beiträge. Ihr Schwerpunktthema ist die berufliche Neuorientierung in der Lebensmitte (40+).

Veröffentlicht am: 31.08.2018

 

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