Schlechte Führungskräfte verursachen Verluste von 105 Milliarden Euro jährlich

Gallup

23.03.2017

Der Anteil von Arbeitnehmern, die eine hohe emotionale Bindung zu ihrem Arbeitgeber haben, stagniert laut Engagement Index 2016 von Gallup bei 15 Prozent. Ebenso viele Arbeitnehmer haben innerlich gekündigt – und das mit weitreichenden Folgen für die Unternehmen.

Schlechte Führungskräfte verursachen Verluste von 105 Milliarden Euro jährlich (Bild: contrastwerkstatt - fotolia.com)

Schlechte Führungskräfte verursachen Verluste von 105 Milliarden Euro jährlich (Bild: contrastwerkstatt - fotolia.com)

Die überwiegende Mehrheit der Beschäftigten (70 Prozent) sind emotional gering gebunden und machen lediglich Dienst nach Vorschrift. Die Untersuchung belegt auch: Wie lange Mitarbeiter im Unternehmen bleiben und wie produktiv sie in dieser Zeit sind, hängt in erster Linie vom Führungsverhalten des direkten Vorgesetzten ab. Nach Gallup-Berechnungen kostet die innere Kündigung aufgrund schlechter Führung die deutsche Volkswirtschaft insgesamt bis zu 105 Milliarden Euro jährlich. 

Die deutschen Arbeitnehmer sind zwar zufrieden mit sich und ihrem Leben, sie bewerten die ökonomische Lage positiv und sorgen sich kaum um ihren Arbeitsplatz. Auch die Arbeitseinstellung ist positiv: 77 Prozent würden selbst dann weiterarbeiten, wenn sie nicht auf das Geld angewiesen wären (2010: 70 Prozent). Dennoch ist die Mehrheit der Mitarbeiter emotional kaum an ihren Arbeitgeber gebunden. Das wirkt sich direkt auf Wettbewerbsfaktoren wie Fehlzeiten, Produktivität, Rentabilität, Qualität und Kundenbindung aus. Denn Arbeitnehmer, die sich emotional nicht an ihren Arbeitgeber gebunden fühlen, zeigen nicht nur weniger Eigeninitiative, Leistungsbereitschaft und Verantwortungsbewusstsein – sie schweigen zudem häufiger zu Fehlentwicklungen. Laut Engagement Index hat jeder dritte Mitarbeiter in den vergangenen zwölf Monaten gegenüber seinem Vorgesetzten mindestens einmal schwere Bedenken für sich behalten  − bei den Mitarbeitern ohne emotionale Bindung schwieg sogar fast jeder Zweite (45 Prozent).

Geringe emotionale Bindung sorgt für hohe Fluktuation

Laut Gallup beabsichtigen 84 Prozent der emotional Gebundenen, aber nur 31 Prozent der nicht gebundenen Mitarbeiter in drei Jahren noch bei ihrer jetzigen Firma zu sein − jeder Dritte von ihnen ist bereits heute aktiv auf Jobsuche. Fast zwei Drittel der Befragten rechnen sich gute bis sehr gute Chancen aus, schnell einen neuen Arbeitsplatz zu finden, sollten sie heute ihren Job verlieren. Dazu passt, dass 16 Prozent der Beschäftigten im vergangenen Jahr Angebote von Headhuntern erhalten haben (2010: 12 Prozent).

Im Schnitt bleibt eine vakante Stelle derzeit 98 Tage unbesetzt, 35 Tage mehr als 2007. Viele Firmen unternehmen zwar große Anstrengungen um Mitarbeiter zu halten und zu binden, doch sie setzen laut Gallup offenbar nicht an den richtigen Hebeln an. So ist etwa "die Möglichkeit, das zu tun, was man richtig gut kann" fünfmal wichtiger als das Gehalt. Entscheidend sind außerdem Dinge wie Führungsqualität, eine herausfordernde, abwechslungsreiche und als sinnvoll empfundene Tätigkeit und die Kollegen. 

Führungskräfte sind sich ihrer Defizite nicht bewusst

In puncto Führungsqualität klaffen die Wünsche der Mitarbeiter und die Wirklichkeit in deutschen Unternehmen besonders weit auseinander. Insgesamt sagt gerade einmal jeder fünfte Arbeitnehmer (21 Prozent) "die Führung, die ich bei der Arbeit erlebe, motiviert mich, hervorragende Arbeit zu leisten". Bei den hoch gebundenen sind es 66 Prozent, bei den Arbeitnehmern mit geringer oder ganz ohne Bindung nur 15 bzw. drei Prozent. Fast jeder fünfte Mitarbeiter (18 Prozent) hat in den vergangenen zwölf Monaten wegen seines direkten Vorgesetzten daran gedacht zu kündigen − in der Gruppe derer, die innerlich gekündigt haben sogar fast jeder Zweite (45 Prozent). Zwei von drei Arbeitnehmern (69 Prozent) hatten im Lauf ihres Arbeitslebens mindestens einmal einen schlechten Vorgesetzten. Doch die Chefs selbst sind sich ihrer Defizite nicht bewusst − 97 Prozent halten sich selbst für eine gute Führungskraft. Dazu passt auch, dass 2016 nur 40 Prozent der Führungskräfte eine Weiterbildung besucht haben, um den Umgang mit ihren Mitarbeitern zu verbessern.

Feedback vielfach Fehlanzeige

Nachholbedarf haben Führungskräfte hierzulande vor allem auch, wenn es um Feedback geht. Gallup-Untersuchungen belegen, dass der kontinuierliche Dialog zwischen Führungskraft und Mitarbeiter einer der wichtigsten Hebel ist, um die emotionale Bindung am Arbeitsplatz zu erhöhen. Doch laut aktuellem Engagement Index hat nur gut jeder zweite Mitarbeiter (56 Prozent) in den vergangenen zwölf Monaten überhaupt einmal mit seinem Vorgesetzten über seine Leistungen gesprochen. Nur 14 Prozent der Mitarbeiter berichten von einem kontinuierlichen Austausch mit dem Vorgesetzten über das Jahr hinweg. Und selbst dort, wo sie stattfinden, verfehlen Mitarbeitergespräche oft ihr Ziel, die Arbeitsleistung nachhaltig zu verbessern. Nur knapp vier von zehn Beschäftigten (38 Prozent) stimmen der Aussage "die Rückmeldung, die ich zu meiner Arbeit bekomme, hilft mir, meine Arbeit besser zu machen" ohne Wenn und Aber zu. 

Zur Studie:

Seit dem Jahr 2001 erstellt Gallup jährlich, anhand von zwölf Fragen zum Arbeitsplatz und -umfeld, den sogenannten Q12, den Engagement Index für Deutschland. Die Studie gibt Auskunft darüber, wie hoch der Grad der emotionalen Bindung von Mitarbeitern und damit das Engagement und die Motivation bei der Arbeit ist. Für die jüngste Untersuchung wurden insgesamt 1.413 zufällig ausgewählte Arbeitnehmer ab 18 Jahren in zwei Erhebungswellen zwischen dem 24. Februar und 24. März 2016 sowie dem 31. Oktober und 3. Dezember 2016 telefonisch interviewt. 

 

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