Lieber mal liegen bleiben: Lesung mit Stephan Grünewald

28.02.2013

Stephan Grünewald, rheingold Institut

Köln (marktforschung.de) - Glaubt man Stephan Grünewald, ist der deutsche Arbeitnehmer im Jahr 2013 nicht zu beneiden: Angesichts der andauernden Eurokrise bläuen ihm die Medien ständig ein, dass wirtschaftlicher Aufstieg zwangsläufig etwas mit Entbehrungen zu tun haben müsse. Und wie rasant es mit den Lebensplänen ganzer Volkswirtschaften bergab gehen kann, demonstrieren täglich die Nachrichten aus Griechenland, Spanien und Italien. Anstrengung ohne Unterlass scheint der einzige Ausweg.

Dennoch, so resümiert der rheingold-Geschäftsführer am Dienstag in der Kölner Stadtbibliothek während der ersten öffentlichen Lesung seines Buches "Die erschöpfte Gesellschaft", befinde sich das Land in einer Zeitenwende. "Es geht nicht mehr so weiter", fasst der Autor ein Gefühl zusammen, das sich in der Mitte der deutschen Bevölkerung breitgemacht hat – nicht mehr so weiter mit unseren Wertvorstellungen von Arbeit beziehungsweise dessen, was uns täglich in die Büros treibt.

"Wir laufen Gefahr, in einen Verausgabungswettbewerb zu geraten", warnt der Geschäftsführer des Rheingold-Instituts. Wer sich etwa wegen eines akuten Burnouts krankschreiben lasse, komme in den Genuss höchster gesellschaftlicher Anerkennung für seine aufopferungsvollen Anstrengungen. Weniger respektiert werde dagegen jemand, der die gestiegene Arbeitsplatzsicherheit für mehr Freiräume nutzt und seltener im Büro erscheint. Im Zuge der Finanzkrise ab 2009 hätten die Controller in zahlreichen Unternehmen das Regiment übernommen – und das räche sich nun im wirtschaftlichen Aufschwung: Unrast und Betriebsamkeit sind zur alternativlosen Norm geworden.

Es ist ein trostloses Bild, das Grünewald zeichnet, doch der Autor gehört nicht den Populisten und Schaumschlägern der Bestsellerlisten, die mit Tiraden gegen Wirtschaft und Politik zu punkten versuchen. Die schonungslose Analyse des gegenwärtigen Zustands nutzt der Psychologe Grünewald für einen Appell: "Ich versuche eine Lanze dafür zu brechen, dass wir uns wieder mehr mit den eigenen Träumen befassen. Träume geben uns die Möglichkeit, aus dem alternativlosen Weiter-So auszutreten." Das eigentliche Wagnis eines Arbeitnehmers bestehe darin, auf seine Lebensträume zu hören, anstatt täglich neue Höchstleistungen von sich zu verlangen.

"Gefahrvolles Träumen" nennt Grünewald das. Denn wer sich in kreative, träumerische und leidenschaftliche Phasen begebe, sei in wiederkehrenden Abständen mit Selbstzweifeln und der Angst vor dem Scheitern konfrontiert. Er müsse Verantwortung für sich und seine Lebenszeit übernehmen. Viel leichter sei es da, nur das zu tun, was der Chef vorschreibt. Den Grad der absoluten Erschöpfung erreiche die deutsche Gesellschaft schließlich durch ihren Perfektionsanspruch. Früher habe der Mensch von der Erwartung gezehrt, nach dem Tod im Paradies zu landen. "Diese Paradiesvorstellungen waren früher mit dem Jenseits verknüpft, doch heute ist das glücksmaximierte Leben zum Diesseitsanspruch geworden", spottet Grünewald in seinem Vortrag. Der moderne Mensch will alles auf einmal, und zwar sofort: Job, Karriere, Familie, Sex und Selbstverwirklichung. "Erwartungssicherheit" nennt Grünewald dieses paradoxe Wunschdiktat.

Doch wie gelingt die Flucht aus der Erschöpfung, aus der "Traumfeindlichkeit" des Alltags? Grünewald überrascht mit simplen Anregungen, fordert neue "Dehnungsfugen" in unserem Leben – Dinge, die uns Raum geben für neue Träume. "Mal eine halbe Stunde länger dösen oder ausgiebiger duschen", rät der Autor. Schließlich habe man unter der Dusche keine Ablenkung zu befürchten und sei mit seinen Gedanken konfrontiert. Auch sei es ratsam, einen bewussten Rhythmus der Wochentage zu leben und mehr auf seine Gemütslage zu achten. Wer selbst am Sonntag an die Arbeit denke und E-Mails schreibe, steuere geradewegs auf das Burnout zu: "Der Sonntag stellt uns die Frage, ob wir zur Ruhe kommen können."

Große Erfindungen seien nicht im Hamsterrad entstanden, warnt der Autor. Beim Publikum hinterlässt der vorlaute Duktus Grünewalds nachdenkliche Gesichter. Eine Zuhöherin beklagt sich in der Fragerunde über ihren stressigen Arbeitsalltag im Krankenhaus. Grünewald tut in dieser Situation das, was Psychologen am besten können: Zuhören. Werde der Druck zu groß, so sein Tipp an die erschöpfte Arbeitnehmerin, sei auch die Kündigung ein Zeichen von Selbstbewusstsein.

ng

Mehr zu diesem Thema lesen Sie auch in unserem Interview mit Stephan Grünewald

 

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