Erstes Barcamp zum Thema Nethnography fand in Köln statt

Erstes Barcamp zum Thema Nethnography in der IHK in Köln (Foto: Klaus Jannowitz)

Von Holger Geißler

Köln - Am vergangenen Freitag fand im Rahmen der Kölner Internetwoche das weltweit erste Barcamp zum Thema Nethnography in der IHK in Köln statt. Wem jetzt der Begriff Barcamp unbekannt ist, dem sei erklärt, dass sich darunter eine Art ungezwungene Konferenz verbirgt. Die Agenda entwickelt sich spontan nach den Interessen der Teilnehmer, jeder stellt vor, was er diskutieren und präsentieren möchte.

Ganz so ungezwungen ging es allerdings unter den fast 60 Teilnehmern, die sich zusammensetzten aus Forschern & Studenten, Kommunikationsberatern, Marktforschungsinstituten wie der GIM, Ifak oder Software-Herstellern wie Globalpark, dann doch nicht zu - dafür war der Veranstaltungsort zu gediegen und das Wireless Lan der IHK zu schwach auf der Brust. Es gab eine vorab festgelegte Agenda und sogar eine live zugeschaltete Keynote von Robert Kozinets, einem der Begründer der Nethnography.

Unter Nethnography versteht man sozusagen Ethnografische Forschung im WorldWideWeb, d.h. man ergründet - ähnlich wie Ethnologen fremde Völker erforschen - den Internetnutzer in seiner natürlichen Umgebung. In seinem Einführungsreferat führte Klaus Jannowitz, neben Wolfgang Drews von der Uni Trier und Steffen Hück von Hyve Veranstalter des Nethnocamp, in die Geschichte und das Wesen der Nethnography ein. Nethnography verhält sich zu Social Media Monitoring etwa so, wie qualitative zu quantitativer Marktforschung. Der Forscher begibt sich ins Netz und sucht in Foren, Blogs und Sozialen Netzwerken nach Content, um diesen dann entsprechend qualitativ auszuwerten. Heftig diskutiert wurden verschiedene Fragen:

  • Darf man das Gefundene einfach im Rahmen der Forschung als Daten analysieren, ohne das Einverständnis des Urhebers einzuholen?
  • Ist das Verhalten der Internetnutzer in Blogs und Foren tatsächlich "natürlicher" und "unbeeinflusster" als das Verhalten von Befragten im Rahmen von Tiefeninterviews und Gruppendiskussionen?

Auch die Frage nach Metainformationen zur Stichprobenbeschreibung wurde angesprochen, da im Netz oftmals unklar bleibt, wer genau hinter dem entsprechenden Content steht.

Die Art der Diskussion erinnerte dabei an die Ursprünge der Online-Forschung als man sich noch die Köpfe heiss redete, was denn nun online alles nicht geht und ob man online jemals repräsentativ arbeiten könne. Wie damals wurde auch am Freitag zunächst versucht, die neue Methode Nethnographie mit bestehenden Methoden zu vergleichen. Leider geriet dabei etwas in den Hintergrund, was den das besondere und einzigartige an dem Ansatz ist.

Einen hochinteressanten Vergleich verschiedener Social Media Monitoring Tools präsentierte Stephanie Aßmann von der Hochschule Darmstadt. Sie testete im Rahmen ihrer Abschlußarbeit vier unterschiedliche Tools und fand spannende Unterschiede zwischen den Ergebnissen der verschiedenen Monitorings. Auffällig war z.B. dass ein Blog-Eintrag von den Codern des gleichen Anbieters einmal neutral und einmal positiv geratet wurde. Auch die Menge der Informationen, die die verschiedenen Tools für das Monitoring nutzen, war recht unterschiedlich. "Cognita" fand z.B. kaum Blog-Einträge, dafür fand "Alterian" nur wenige Tweets, hatte dafür aber einen hohen Anteil an Spam in der Analyse. Testsieger in ihrem Test was der Mediendienst "Ausschnitt". Man sollte sich als Unternehmen also sehr intensiv mit der Frage nach der richtigen Software auseinandersetzen, wenn man ins Social Media Monitoring einsteigen möchte.

Insgesamt war das erste Nethnocamp ein spannendes Event, das Lust auf weitere Vertiefung und Diskussionen - z.B. im Rahmen der nächsten GOR - gemacht hat. Es bleibt abzuwarten, welchen Stellenwert die Nethnographie im Kanon der Marktforschung bekommen wird. Oder um es mit den Worten von Dr. Otto Hellwig, Geschäftsführer von Respondi zu sagen: "Die Marktforschung wird tun, was sie immer tut: Die Dinge für ihre Zwecke vergewaltigen."

Veröffentlicht am: 20.09.2010

 

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