Interview mit Martin Martin von der Seven.One Entertainment Group „Wer nicht bewusst alle einschließt, schließt unbewusst immer jemanden aus“ 

Martin Martin arbeitet als Senior Research Manager bei Seven.One. Bereits während seines Studiums wurde bei ihm Multiple Sklerose (MS) diagnostiziert, was dazu führte, dass er seit vielen Jahren im Rollstuhl sitzt. marktforschung.de sprach mit ihm über seinen Werdegang in der Marktforschung, wie seine Behinderung seinen Arbeitsalltag beeinflusst und warum die Abwesenheit von Stufen nicht gleichbedeutend mit Inklusion ist.

Menschen mit Behinderungen können selbst in einem hoch innovativem Umfeld noch Impulse geben und Firmen dazu bewegen sich divers und inklusiv aufzustellen. (Bild: Martin Martin)

Wie lief Dein Werdegang bislang in der Marktforschung? 

Martin Martin: Inzwischen bin ich seit mehr als zwanzig Jahren bei ProSieben Sat.1 beschäftigt. Schon als Student konnte ich das Unternehmen als Praktikant und Werkstudent kennenlernen. In meinem ersten Job nach dem Studium arbeitete ich bei einer Firma, die auf Basis von Einschaltquoten Fernsehproduktionen beraten hat. Als es die Möglichkeit gab, wieder zurück zu ProSiebenSat.1 zu kommen, habe ich das Angebot sehr gerne angenommen, weil mich der tolle Zusammenhalt und die innovativen Forschungsansätze in den Bereichen Werbewirkung und Medienforschung begeistert haben.  

Neben dem Teamspirit und den spannenden Projekten schätze ich den Freiraum, eigene Ideen einzubringen und umzusetzen. Mein persönliches Highlight: Die Entwicklung einer Umfragesoftware für HbbTV gemeinsam mit Rogator.de und die Auszeichnung dafür mit dem Innovationspreis des BVM. 

Am Anfang Deiner Marktforschungskarriere musstest Du noch nicht im Rollstuhl sitzen. Wann wurdest Du krank? Was hat das geändert? 

Martin Martin: Schon im Studium wurde bei mir Multiple Sklerose (MS) diagnostiziert. MS ist eine Autoimmunerkrankung, bei der die Leitfähigkeit der Nervenbahnen eingeschränkt wird, da der Körper die „Isolation“ der Nervenleitungen angreift. Die Verläufe dieser Krankheit sind sehr unterschiedlich. Seit diesem Zeitpunkt lebe ich damit, dass meine Zukunft nur schwer vorhersagbar ist. Mit dieser Unsicherheit musste ich leben lernen. Als zunehmend die Gehfähigkeit nachgelassen hat, war ich irgendwann soweit, dass ich mir einen Rollstuhl organisiert habe. Im Gegensatz zur Außenwelt, die den Rollstuhl als Einschränkung sieht, bedeutet er für mich Freiheit. Mit ihm komme ich durch die Welt - außer Stufen oder kaputte Aufzüge halten mich auf. 

Welche Auswirkung hat Deine Behinderung auf Deinen Arbeitsalltag? 

Martin Martin: Als Rollstuhlfahrer bleibt man leichter im Gedächtnis, man fällt auf. Wer mich kennt, weiß dass ich damit aber sehr gut leben kann. Manchmal aber ist das auch ein Nachteil: Ich kann mich in keiner Situation „verstecken“ und in der Masse mitlaufen. 

Und natürlich ist die Planung von Dienstreisen aufwändiger geworden. Egal ob Flug oder Zug: Ich muss zusätzlich Hilfsdienste wie etwa die Einstiegshilfe im Zug oder beim Flugzeug rechtzeitig – meist mindestens zwei Tage vor Reisebeginn - organisieren. Bei Hotels muss ich klären, ob das Zimmer für mich benutzbar ist. Oft lasse ich mir Fotos von den Zimmern schicken, um wirklich sicher zu gehen. Und auch bei Kundenterminen frage ich zunächst nach der Barrierefreiheit. Insgesamt erfahre ich dabei sehr viel Unterstützung und Interesse. Oft bin ich der Erste, der die Geschäftspartner mit dem Thema Barrierefreiheit konfrontiert. Corona hat aber auch mir gezeigt, dass ich nicht überall persönlich anwesend sein muss und ich wäge noch stärker ab, ob sich der Aufwand für die Dienstreise lohnt. 

Was sind die größten Schwierigkeiten und Herausforderungen in Deiner täglichen Arbeit? Inwiefern unterscheiden sich Deine Heraufforderungen von Deinen Kollegen und Kolleginnen ohne körperliche Einschränkung? 

Martin Martin: Ich bringe gerne neue Perspektiven in unsere Prozesse mit ein.  

Durch meine Behinderung bin ich auch im Alltag permanent auf der Suche nach alternativen Wegen, auf denen ich zum Ziel kommen kann, gerade dann, wenn die Umgebung nicht für mich optimal gestaltet ist.  

Dieses Mindset übertrage ich auch auf die Arbeit. Auch in einem hoch innovativen Umfeld können Menschen mit Behinderungen immer noch neue Impulse geben. Gerade deswegen ist es auch für Firmen von Vorteil, wenn die Belegschaft divers und inklusiv aufgestellt ist. 

Wir bilden in unserer Forschungsarbeit die gesamte Gesellschaft ab. Ich arbeite in der Abteilung Advertising & Media Research. Durch die repräsentative Auswahl der Zielgruppe in den verschiedenen Studien stellen wir sicher, dass die Ergebnisse für alle Gültigkeit haben. Ich bringe die Barrierefreiheit etwa beim Usability-Test neuer Apps von Anfang an mit ein, das spart späteren Anpassungsaufwand. Neben des Effekts, dass wir niemanden ausschließen, werden die Anwendungen dadurch oft auch für Menschen ohne Einschränkungen besser nutzbar. 

Inwieweit unterscheidet sich die Ausstattung an Deinem Arbeitsplatz? 

Martin Martin: Zunächst hatte ich wirklich Glück, dass unser Bürogebäude in dieser Hinsicht bereits gut ausgestattet war, etwa was Behindertentoiletten angeht. Gerade am Anfang meiner Erkrankung, hätte es mich sicher überfordert, Gespräche darüber zu führen und notwendige Umbaumaßnahmen zu fordern. Meine Kollegen und Kolleginnen wie auch die Firma unterstützen mich immer dann, wenn es notwendig ist. Mittlerweile bin ich so gefestigt, dass ich auch alle Bedürfnisse gut ansprechen kann. Gerade bei MS ist das sehr wichtig, denn nicht jeder Tag ist gleich. Einmal freue ich mich, wenn ich geschoben werde – ein anderes Mal will ich das lieber selbst machen. Diese Unterschiedlichkeiten müssen aber meine Kollegen und Kolleginnen genauso wie ich aushalten. 

Weil ich aber weiß, wie schwierig das Artikulieren der eigenen Bedürfnisse auch für Betroffene sein kann, engagiere ich mich beruflich und privat für Barrierefreiheit. Meine Frau macht sich immer lustig, dass ich am Welttoilettentag Geburtstag habe und mit jedem über Toiletten rede. 

Du arbeitest als Medienforscher für die Seven.One Entertainment Group. Wie weit ist das Thema Inklusion bei Deinem Arbeitgeber? 

Martin Martin: In unserer Unternehmensgruppe wird schon lange unkompliziert mit den verschiedenen Einzelfällen umgegangen. Wenn es besondere Bedürfnisse gibt, kann man das immer äußern und es werden gemeinsam passende Lösungen gefunden. Seit letztem Jahr haben wir konzernweit eine Inklusionsvereinbarung getroffen, die hierfür Rahmenbedingungen vorgibt. So ist die Straße für andere Betroffene geebnet. 

Du engagierst Dich auch in der Schwerbehindertenvertretung Deines Arbeitgebers? Wie kann man sich das genau vorstellen? 

Martin Martin: Gemeinsam mit unserer Inklusionsbeauftragten arbeiten wir jeden Tag daran, noch besser zu werden. Im Kleinen wird den Kollegen und Kolleginnen pragmatisch geholfen. Jetzt geht es darum, das Thema nach vorne gerichtet übergreifend zu regeln. Beim Neubau unserer Firmenzentrale etwa wird Barrierefreiheit von Anfang an mitgedacht.  

Es geht uns auch darum klarzumachen, dass Barrierefreiheit nicht nur die Abwesenheit von Stufen ist, sondern dass dabei alle möglichen Einschränkungen bedacht werden sollten. Auch diejenigen, die die man nicht direkt sehen kann.  

Nahezu jeder Mensch ist im Laufe seines Lebens irgendwann von Einschränkungen betroffen. Das kann kurzfristig z.B. wegen einer Augen OP sein, mittelfristig oder eben langfristig. Je besser wir alle einschränkenden Situationen mitdenken, desto inklusiver und bunter wird die Arbeitswelt. 

Was steht aus Deiner Wahrnehmung gelebter Inklusion in der Markt- und Medienforschung noch im Weg? 

Martin Martin: Ich habe im Austausch mit einem Geschäftspartner zu dem Thema folgenden Satz gelernt:  „Wer nicht bewusst alle einschließt, schließt unbewusst immer jemanden aus.“  

Ich finde dieses Motto beschreibt es gut. Zunächst sollten die angewandten Methoden auch für Menschen mit Einschränkungen funktionieren. Das beginnt bei so grundlegenden Voraussetzungen wie barrierefreien Studios, in die jeder Proband eingeladen werden kann, geht über Online-Anwendungen, die zum Beispiel auch für Screenreader nutzbar sein müssen und umfasst letztlich auch Grundlagenstudien, um die Ergebnisse im Kontext richtig zu interpretieren. 

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Über die Person

Senior Research Manager - Seven.One

Martin Martin studierte Kommunikationswissenschaften (ZW) an der LMU München. Nach dem (Wieder-)Einstieg bei ProSiebenSat.1 2002 zunächst in der Mediaplanungsabteilung wechselte er später in die Abteilung Advertising & Media Research. Für die Entwicklung einer Umfragesoftware auf HbbTV Geräten zusammen mit Rogator.de wurde er mit dem BVM Innovationspreis ausgezeichnet. Seit 2021 ist er auch gewähltes Mitglied der Schwerbehindertenvertretung bei der ProSiebenSat.1 Media SE.

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