Wahlbarometer 2.0: Von grenzenlosem Jubel und grenzenlosem Grauen - Eine Nachbetrachtung der Bundestagswahl im Web 2.0

Mannheim - Die Bundestagswahl ist vorbei. Das Leben ändert sich vollkommen. Alles wird anders und das Web 2.0 hat es kommen sehen. Naja, wollen wir nicht übertreiben und stattdessen einen analytischen Blick auf die Geschehnisse vor und nach der Wahl im politischen Web werfen. Die Forscher von Q | Agentur für Forschung und linkfluence bedienen sich dabei zwei unterschiedlicher Perspektiven. Betrachtet wird der Debattenanteil von vier Spitzenpolitikern in Blogs und Social Media (siehe Grafik 1) und in den professionellen Onlinemedien (siehe Grafik 2) zu drei unterschiedlichen Meßpunkten (28.9./21.9./14.9). 

Betrachten wir den Debattenanteil der politischen Blogs und Social Media (siehe Grafik 1) fällt auf, dass Angela Merkel und Guido Westerwelle nach der Bundestagswahl am stärksten in den politischen Blogs besprochen werden. Seit Mai dieses Jahres gab es dort nur nach dem Kanzlerduell anzahlmäßig mehr Beiträge über Angela Merkel.

Guido Westerwelle steigert im September seinen Debattenanteil von 4% auf 20,5% bzw. 17,8% und ist damit einer der Gewinner in der Schlussphase des Web 2.0-Wahlkampfs. Natürlich handelt es sich nicht ausschließlich um positive Beiträge, aber er hat es zumindest geschafft, sich und seine Themen auf dem Weg zur Wahlentscheidung stärker ins Gespräch zu bringen. Ähnliches lässt sich auch bei den Nennungen in den professionellen Onlinemedien sehen (siehe Grafik 2).

 

(Grafik 1: Debattenanteil in Blogs und Social Media)

Bei Frank-Walter Steinmeier sieht das Bild ganz anders aus. Der Debattenanteil geht in den politischen Blogs in den letzten Wochen stark zurück. Fast scheint es, als habe man ihn im politischen Web abgeschrieben. Bei den professionellen Onlinemedien ist der Verlauf gerade umgekehrt. Während er in den letzten Wochen vor der Wahl von den professionellen Medien geradezu ignoriert wurde, stürzt man sich direkt nach der Wahl auf den Verlierer, der das desaströse Abschneiden als Spitzenkandidat mit zu verantworten hat.

 

(Grafik 2: Debattenanteil in professionellen Online-Medien)

Die Befindlichkeiten der unterschiedlichen politischen Communities nach der Wahl

Die Konservative Community: Nicht nur Jubel, Trubel Heiterkeit

Wen wundert's, die konservative Community ist zufrieden mit dem Wahlergebnis. Die CDU (z.B. Ortsverbände) und die Junge Union sind in Jubellaune. Das zeigen ihre Beiträge und Kommentare im Web. Dennoch herrscht keine ungebremste Euphorie. Denn obwohl die CDU/CSU die stärkste Fraktion im Bundestag stellt, lässt sich das eigentlich schwache prozentuale Abschneiden nicht übersehen und wird entsprechend kommentiert: "FDP sichert Merkel den Wahlsieg", "Westerwelle als Kanzlerinnen-Macher". Einflußreiche Blogs wie z.B. der "Sprengsatz" geben zu bedenken: "Die CDU ist als Volkspartei zwar noch nicht auf der Intensivstation wie die SPD, aber sie ist auf dem Weg ins Krankenhaus."

Die Sozialdemokratische Community: Wunden lecken und radikale Forderungen der Jusos

Die Kommentare in den sozialdemokratischen Blogs bewegen sich zwischen Schockstarre und trotzigen Forderungen nach Erneuerung. Vor allem die Juso-Organisationen und Juso-nahen Blogs erhöhen den Druck. Vieles liest sich wie eine basisdemokratische Forderung nach Erneuerung – inhaltlich wie personell. Der Kater nach der Wahl ist riesig und einige Äußerungen entsprechend heftig: Von Forderungen wie "kein Stein darf mehr auf dem anderen bleiben" über "Schluß mit weiter so" bis hin zur Feststellung, dass die SPD keine Volkspartei mehr sei, ist alles dabei. Trotzdem sehen nur wenige in diesem Moment die Oppositionsrolle als wirkliche Chance zu Erneuerung. Das zeigt, wie groß die Unsicherheiten noch sind.

Die Liberale Community: Jubeln und Seitenhiebe auf die SPD

In der liberalen Community gibt es zwei Lager: Jubler und Mahner. Die Jubler freuen sich über einen historischen Sieg und das Ende der ungeliebten Oppositionsrolle. Sie feiern die FDP als starke Kraft der Mitte und fordern ein selbstbewusstes Auftreten und Eintreten für freiheitlich-liberale Politik und Grundsätze. Die Mahner sehen die FDP vor allem unter Erfolgsdruck. Sie spüren die großen Erwartungen und mahnen, dass die FDP erst noch zeigen muss, ob sie den Erwartungen und eigenen Wahlversprechen gerecht wird. Die FDP sei zum Erfolg verdammt.

Einige Seitenhiebe erlaubt man sich nach langem Wahlkampf aber doch. Mit hämischen Seitenhieben in Richtung SPD lässt sich nach der Entscheidung Dampf ablassen. Vor allem der minutenlange Jubel nach dem Auftritt von Steinmeier und Müntefering im Willy-Brandt-Haus nach der Wahl sorgt für fassungsloses Kopfschütteln.

Die Grüne Community: You win some and you lose some

Ähnlich wie in der linken, gibt es auch in der grünen Community eine Mischung aus Katzenjammer, Ernüchterung und Freude sowie Dankbarkeit. Eigentlich wollte man ja Schwarz-Gelb verhindern. Das hat definitiv nicht geklappt. Aber man hat das beste Ergebnis bei einer Bundestagswahl eingefahren –Grund zum Feiern. Dennoch fürchtet man in der grünen Community vor allem eines: Schwarz-Gelb wird versuchen, den Atomausstieg hinauszuzögern oder gar in Frage zu stellen.

Zwei andere Themen beschäftigen die grüne Community und werden auch noch längere Zeit auf der Agenda bleiben: Das schwache Abschneiden der SPD (man verliert einen potenziellen Koalitionspartner) und die geringe Wahlbeteiligung haben strategische Bedeutung und müssen als epochale Veränderung der deutschen politischen Landschaft gelten..

Die Linke Community: Nach der Freude folgt die Angst

Auch bei den linken Blogs herrscht eine gemischte Stimmung. Die Gefühlslagen wechseln zwischen blankem Entsetzen über die schwarz-gelbe Regierung und Freude über das sehr gute Abschneiden der Linken. Viele hatten es geahnt, aber das deutliche Ergebnis lässt die linke Community nun das Schlimmste befürchten. Der Blog "Heftklammer" fasst die Stimmung wie folgt zusammen: 'Es ist alles so gekommen, wie es zu erwarten war, nur noch schlimmer.' Man zeigt sich jedoch kämpferisch und verspricht Gegenwehr. Deutschland müsse sich unter der neuen Regierung warm anziehen und man sieht sich und die Linke vor der fundamentalen Aufgabe, die Opposition zu führen (weil man es der SPD nicht zutraut), denn Deutschland brauche eine soziale Politik.

Die Rechte Community: Stimmung im Keller

Keine Feierstimmung herrscht dagegen bei den Kommentatoren in der rechten Blogosphäre. Einhellig wird das schlechte Abschneiden auf Bundesebene, aber auch die Abwahl der DVU in Brandenburg bemängelt. Die Rechte hat auf ein 'nationales Parteien-Wunder' gehofft, aber dies ist nicht eingetreten. Jetzt herrscht Katzenjammer und es kommt zur Generalanklage: Die Schuld des miserablen Abschneiden würden vor allem die "Systemmedien" tragen, die massiv die nationale Opposition bekämpfen würde. Einziger Lichtblick ist da die Abstrafung der 'Sozis'. Ihr historische Tief lenkt etwas von den eigenen Wunden ab.

Die Satire-Community: Es will keine rechte Freude aufkommen

In der Satire Community beherrschen vor allem zwei Themen die Berichterstattung zum Wahlausgang. Zum einen ist man schockiert über das schlechte Abschneiden der SPD, zum anderen lässt man sich über das neue Führungs-Duo Merkel/Westerwelle aus. Die SPD wird aufgefordert sich selbst zu erneuern und nicht die Fehler oder Schuld bei anderen wie z.B. der Linken zu suchen. Angela Merkel dagegen wird als "Kanzlerin von Guidos Gnaden" oder als Frau 'Westermerkel' tituliert. Die Anspielungen deuten ihre Entmachtung durch den smarten Guido Westerwelle an und weisen auf die zu erwartenden Stolpersteine und Grabenkämpfe bei den Koalitionsverhandlungen und der gemeinsamen Regierungsarbeit hin. An Futter für die Satire wird es vermutlich nicht mangeln.

Die Politisch Neutrale Community: Kritische Nachbetrachtung

In der politisch-neutralen Community sieht man das Wahlergebnis analytisch und in großen Teilen sehr kritisch. Drei große Themen stehen im Mittelpunkt: Das katastrophale Abschneiden der SPD, die starke Rolle der FDP und die geringe Wahlbeteiligung. Bei letzterer spricht man von einer historischen Dimension, denn die Nichtwähler würden theoretisch fast die stärkste Fraktion im deutschen Bundestag bilden. Der SPD attestiert man riesige Probleme, die aber allesamt hausgemacht seien. Die Partei leide unter einer konzeptionellen und personellen Überalterung. Dass nun "Münte vom Hof gejagt worden ist", sei nur verständlich.

Der Wahlsieg von Merkel mit Hilfe der FDP wird teilweise äußerst bissig kommentiert ('neo-liberale Westerwelle überrollt Deutschland').Stimmen werden laut, die einen Sozialabbau und die Verzögerung des Atomausstiegs kommen sehen. Dagegen sieht man schon den Widerstand, aber auch so manche Auseinandersetzung im neuen Koalitionslager voraus. Während die einen also noch feiern, sieht man hier schon die Zukunft: Es wird sicher kein leichter Gang für die CDU und Angela Merkel.

Zur Analyse: 

Mit linkfluence® segmentiert und analysiert Q | Agentur für Forschung (www.teamq.de) das deutsche Internet. Im Wahljahr 2009 widmen sie sich neben anderen Märkten auch dem politischen Leben im Internet. Aus hunderttausenden deutschen Webpräsenzen haben sie zunächst das "politische Web" herausgearbeitet (www.wahlradar.de). Es umfasst die rund 3000 wichtigsten Blogs und Sites, die sich mit dem politischen Leben in Deutschland und der Welt beschäftigen. Zusätzlich haben sie in diesem thematisch abgegrenzten Segment des Internets die Sub-Communities identifiziert und ihre Einflussstärke vermessen. Auf dieser Grundlage analysieren sie laufend, welche Themen wo eine Rolle spielen und wie sie diskutiert werden.

Quelle: Q | Agentur für Forschung

 

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