Prof. Ragna Seidler-de Alwis, TH Köln Information Professionals als Marktforscher

Welche Aufgabenbereiche beackern eigentlich Information Professionals, und welche Kompetenzen braucht es dafür – heute und morgen? TH-Köln Professorin Ragna Seidler-de Alwis mit einem Blick auf den Status quo und die Zukunft.

Daten Informationen (Bild: picture alliance / Zoonar | Alexander Limbach)

Information Professionals als Marktforscher sind somit Multitasker: Sie sind Analysten, Research Spezialisten und Wettbewerbsexperten zugleich. (Bild: picture alliance / Zoonar | Alexander Limbach)

Einleitung

Bedingt durch den technologischen, wirtschaftlichen und auch gesellschaftlichen Wandel, wie z.B. Globalisierung, Digitalisierung und weltweite Vernetzung, verändern sich Berufsbilder stetig. So ist auch das Berufsbild des Information Professionals davon betroffen. Die Berufsbezeichnungen für diese Berufsgruppe sind vielfältig und teilweise auch branchen- und einsatzbezogen, sie reichen von Marktforscher, Informationsvermittler, Information Researcher, Informationsspezialist bis zum Wissensmanager oder Research Analyst und einige andere mehr. Dieser Beitrag soll die Aufgabenbereiche, Kompetenzen und Trends von Information Professionals als Marktforscher darlegen.

Information Professionals setzen sich immer mit Daten, Informationen und Wissen auseinander und in der Regel überführen sie Daten in Informationen und Wissen. Stetig wachsende Datenmengen, eingebunden in verschiedenste Sekundärquellen, die zunehmende Informationsflut einschließlich ihrer Metadaten, sowie die große Bandbreite an Medienformaten führt dazu, dass die Tätigkeitsfelder des Information Professionals als Marktforscher sehr vielfältig sind.  

Akutelle Aufgabenbereiche & Kompetenzen

In der Literatur gibt es keine einfache und eindeutige Definition des Information Professionals und der Begriff wird teilweise sehr weit gefasst. Der „Information Professional“ ist eher ein begriffliches Konglomerat, das verschiedene Berufsgruppen umfasst, die auf Grund von wachsender Informationsflut, Digitalisierung und anderer Faktoren wichtig geworden sind (Knoll, 2016, S. 2). Jörs (2016), Hakansson & Nelke (2015, S. 67-68) und Seidler-de Alwis (2014) beschreiben den Information Professional als eine Person, mit der Befähigung zur Analyse, Bewertung, Aufbereitung und Visualisierung von Daten und Informationen, d.h. Informationen richtig bewerten und Informationsgehalt korrekt einschätzen zu können und als Grundlage für Entscheidungen auszuwerten, also wertschöpfende Tätigkeiten, die den Kunden Mehrwert liefern. Wiedeking (2019, S. 72) charakterisiert Information Professionals als Sekundärmarktforscher, die sich taktischen und strategischen Fragestellungen widmen und professionell verarbeitete Informationen an Kunden liefern. Diese Information Professionals sind in der Regel für interne als auch externe Kunden und Klienten von Unternehmen und Organisationen tätig. Information Professionals als Marktforscher sind somit Multitasker: Sie sind Analysten, Research Spezialisten und Wettbewerbsexperten zugleich, d.h. sie durchdringen Unternehmen und Märkte mittels externer Informationsquellen.

Information Professionals als Marktforscher haben entsprechend ihrer Spezialisierung unterschiedliche, aber auch weitreichende Tätigkeiten und Verantwortlichkeiten, woraus sich verschiedene Fähigkeiten und Kompetenzen ableiten. Die Aufgabenbereiche umfassen sowohl Informationssuche, Daten- und Informationsanalyse als auch deren Aufbereitung. Information Professionals als Marktforscher arbeiten mit Daten und Fakten in unterschiedlichen Formaten, wie z.B. Pressedaten, Statistiken, Kunden- oder Forschungsdaten, Videos, Audiodateien etc., die sowohl aus internen wie auch aus externen Quellen stammen können. Diese zu beschaffen, auszuwerten und zielgruppenspezifisch aufzubereiten, ist ein elementarer Aufgabenbereich. Eine professionelle Markt- und Wettbewerbsanalyse und gut aufbereitete Informationen sind essentiell für den Wettbewerbserfolg in Unternehmen und Organisationen (Kroll, 2016, S. 2-3).

Daraus leitet sich die Frage ab, welche Kompetenzen Information Professionals als Marktforscher benötigen, um erfolgreich und professionell im beruflichen Umfeld Mehrwert zu schaffen. In der wissenschaftlichen Literatur existiert eine Vielzahl von Definitionen des Begriffes Kompetenz, ein Konsens darüber ist bislang weder in Politik noch Wissenschaft erreicht worden. Als gemeinsamer Nenner gilt, dass der Kompetenzbegriff die Dimension des selbstorganisierten und kreativen Handelns betont und er neben den Fähigkeiten im engeren Sinne auch Werte und Haltungen miteinbezieht. Kompetentes Handeln beruht auf der Mobilisierung von Wissen, von kognitiven und praktischen Fähigkeiten sowie sozialen Aspekten wie Haltungen, Werten und Motivation (North et al. 2018, S. 35-36). North, Reinhardt und Sieber-Suter (2018, S. 38) unterscheiden zwischen fachlichen, methodischen, sozialen und personalen Kompetenzen. Die fachlichen und methodischen Kompetenzen werden häufig mit den beruflichen Kompetenzen gleichgesetzt. Information Professionals, zu deren fachlichen Kompetenzen ein fundiertes Faktenwissen und fachspezifisches Know-how gehört, d.h. ein hohes Maß an fachlichem Detailwissen der jeweiligen Industrie oder Branche, das sie und ihn befähigt, Produkt-, Markt- und Wettbewerbsinformationen analysieren zu können. Dieses Detailwissen kann durch ein Fachstudium oder durch langjährige Berufstätigkeit in einer spezifischen Branche oder Industrie gewonnen werden (Greer et al. 2013, S. 143).

Kernkompetenz des Information Professionals als Marktforscher sollte eine ausgereifte Quellenkenntnis sein, d.h. auch die Qualität von Quellen überprüfen und bewerten zu können und diese in der Recherche richtig einzusetzen. Zu den Recherchediensten gehören Unternehmensanalysen, Produkt- und Markenrecherchen, Personenrecherchen, Marktanalysen und Länderanalysen etc., die nur mit einer ausgereiften Urteilsfähigkeit bezüglich Qualität und Informationstiefe von Quellen gelingen kann. Zu dieser Quellenkenntnis gehört auch die entsprechende Nutzung von Datenbanken, Suchmaschinen und anderen Informationsmitteln (Hakansson & Nelke, 2015, S.67-68). Die Explosion von Informationsquellen hat dazu geführt, dass Information Professionals aufgefordert sind, schneller und effektiver valide und zuverlässige Informationen und Analysen aus einer größeren Anzahl vertrauenswürdiger Quellen zu extrahieren (LexisNexis, 2014, S.25). Statistikkenntnisse und weitreichende Kenntnisse in der Anwendung relevanter Software sind für das Datenmonitoring, die Datenaufbereitung und Datenvisualisierung der Rechercheergebnisse und Analysen unerlässlich. Da Information Professionals als Marktforscher häufig in einem internationalen Berufsumfeld tätig sind, sind Fremdsprachenkenntnisse eine gängige Anforderung im beruflichen Umfeld (Knoll, 2016, S. 7).  Zu den Methodenkompetenzen des Information Professionals zählt insbesondere, strukturiert und analytisch denken und handeln zu können und problemlösungsorientiert zu arbeiten. Eine weitere wichtige Methodenkompetenz im Alltag des Information Professionals ist Projektmanagement, da häufig mehrere Projekte mit verschiedenen Teammitgliedern gleichzeitig koordiniert werden müssen. Bei der Aufbereitung von Daten und Informationen und deren Visualisierung ist entsprechende Methodenkompetenz mit IT-Tools gefragt (Knoll, 2016, S. 8).

Die sozialen und personalen Kompetenzen sind eng und untrennbar an die Persönlichkeit des Information Professional gekoppelt. Die soziale Kompetenz steht im Zusammenhang mit der Bereitschaft einer Person, soziale Beziehungen aufzubauen und zu gestalten (North et al. 2018, S. 64). Beim Information Professional als Marktforscher sollte die Bereitschaft gegeben sein, Beziehungen zu Kunden aufzubauen und kundenorientiert zu arbeiten, d.h. kreativ und flexibel zu agieren. Dies umfasst Qualitäten wie Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit und interkulturelle Kompetenz, die Offenheit und Neugier unabdingbar macht (Hakansson & Nelke, S. 2015, S. 65-66).  

Trends & zukünftige Anforderungen

Die Digitalisierung und zahlreiche technologische Fortschritte, aber auch die Menge und Komplexität von Daten und Informationen und die zunehmende Differenziertheit von Wissensgebieten sind ein mächtiger Treiber von Veränderungen und werden in Zukunft einen großen Einfluss auf die Anforderungen an Information Professionals als Marktforscher haben. Nicht alle angeführten Qualifikationsmerkmale können und müssen in einer Person vollständig vorhanden sein, aber es braucht vermehrt Kompetenzen im Bereich IT und Kommunikationstechnologie, um Informations- und Datenmanagement auf dem neuesten Stand zu halten. Insofern müssen konstante Weiterbildung und lebenslanges Lernen eine Selbstverständlichkeit sein. Information Professionals als Marktforscher qualifizieren sich nicht nur über den Studienabschluss und Weiterbildungsmaßnahmen, zusätzlich gewinnen nicht-formale Bildungsleistungen an Bedeutung, vor allem im persönlichen und sozialen Bereich (North et al. 2018, S. 11-12).

Neben ihren fachlichen und akademischen Kompetenzen werden Information Professionals in Zukunft immer mehr an ihren persönlichen Netzwerkfähigkeiten und einem ausgeprägten ethischen und juristischen Verständnis gemessen werden. Neben vielen Sekundärquellen, wie Datenbanken, Studien, Statistiken etc. liefern persönliche Kontakte, interne wie externe, oft wichtige Informationen. Diese Kontakte lassen sich mit einer ausgeprägten Netzwerk- und Kommunikationsfähigkeit gut pflegen. Ein interdisziplinäres und diverses Umfeld verlangt zudem nach interkulturellen Kompetenzen (Wiedeking, 2019, S. 77-80).  

Fazit

Die Auswahl der richtigen Quellen und deren Relevanzbewertung werden gerade im Zeitalter der „fake news“ weiterhin eine elementare Anforderung an den Information Professional sein, so auch das Filtern, Strukturieren und Analysieren aus einer großen Bandbreite von Quellen, damit die Ergebnisse zu zielführenden und angemessenen Handlungsempfehlungen und zur validen Entscheidungsfindung dienen können.

Die größere Verfügbarkeit von internen wie externen akkumulierten Daten machen umfangreiche Datenanalysen zu einem weiteren möglichen Einsatzfeld von Information Professionals. Diese datengetriebenen Aufgaben verlangen nach einem souveränen Umgang mit Technologien wie Machine Learning und Künstlicher Intelligenz (KI). In Zukunft werden aber nicht nur strukturierte Daten für die Entscheidungsfindung zu Grunde gelegt werden. Die Einbindung von unstrukturierten Echtzeitdaten können zusätzlich mit Hilfe von Algorithmen einbezogen, ausgewertet und analysiert werden, wozu vermehrt Programmierkenntnisse und Datenanalysetechniken erforderlich sein werden. Trotz dieses neuen datengetriebenen Zeitalters ist es wichtig darzulegen, dass Daten nicht mit Wissen gleichzusetzen sind. Effektive strategische Handlungsempfehlungen und das Erkennen von größeren Zusammenhängen können nur mit analytischen Fähigkeiten und Detailwissen zu einer Branche, einem Markt oder ganz allgemein dem zugrundeliegenden Themenbereich gegeben werden.  

Über Prof. Ragna Seidler-de Alwis:

Ragna Seidler de Alwis, TH-Koeln (Bild:Ragna Seidler de Alwis)
Prof. Ragna Seidler-de Alwis, MBA ist seit 2003 als Professorin am Institut für Informationswissenschaft der TH-Köln mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsinformationen und Market Intelligence tätig. Nach dem Studium in Köln und in England arbeitete sie über 10 Jahre für ein internationales Beratungsunternehmen in Düsseldorf und London als Leiterin des ‚Information Research Centers’ und später als Beraterin. Ihr bisheriges Engagement und ihr besonderes Interesse in der Forschung gilt dem Wissensmanagement, den Wirtschaftsinformationen (Recherche) und den Bereichen Markt-und Wettbewerbsanalyse & Business Intelligence und Entrepreneurship / Start-up Kultur. 

Literaturverzeichnis 

  • Greer, R., Grover, R. & Fowler, S. (2013). Introduction to the Library and Information Professions. 2. Ed. Santa Barbara (u.a.): Libraries Unlimited.
  • Hakansson, C. & Nelke, M. (2015). Competitive Intelligence for Information Professionals. Amsterdam u.a.: Elsevier. 
  • Jörs, B. (2016). Alleinstellungsmerkmal: Den Information Professional für morgen qualifizieren. Abgerufen von www.infobroker.de/podcast/alleinstellungsmerkmal-den-information-professional-fuer-morgen-qualifizieren/ (Abrufdatum 7.1.22) 
  • Knoll, A. (2016). Kompetenzprofil von Information Professionals in Unternehmen. Young Information Scientist 1 (2016), S. 1-11 
  • LexisNexis (2014). The Past, Present and Future of Information Management Report. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Informationsmanagement: Von der physischen zur digitalen Informationswelt –wie die Datenrevolution Wettbewerbsvorteile ermöglicht. www.lexisnexis.de/whitepaper/past-present-future-report-deutsch.pdf (Abrufdatum 7.1.22) 
  • North, K., Reinhardt, K., Sieber-Suter, B. (2018). Kompetenzmanagement in der Praxis: Mitarbeiterkompetenzen systematisch identifizieren nutzen und entwickeln. 3. Aufl. Wiesbaden: Springer Gabler, 2018. Doi: 10.1007/978-3-658-16872-8 
  • Seidler-de Alwis, R. (2014). Neue Berufsfelder für Information Professionals. Abgerufen von www.lexisnexis.de/blog/recherche/berufsfelder-information-professionals (Abrufdatum 7.1.22)  
  • Wiedeking, S. M. (2019).  Intelligence Professionals weisen den Weg in die Zukunft. Keller, B. et al. (Hrsg.), Zukunft der Marktforschung, 2. Aufl. Wiesbaden: Springer Gabler, S. 71-83. doi.org/10.1007/978-3-658-25449-0_5
 

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  1. Penny Crossland am 31.01.2022
    This is an excellent summary of the range of competencies required to be a successful information professional, and the article demonstrates well the need for continuous professional development. It is also a useful guide to those wanting to enter the profession as to the range of sectors where the skills of information professionals are and will be in demand.

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