Hartmut Scheffler: "Die Umstrukturierungsmaßnahmen und der Stellenabbau aktuell haben nur noch in geringem Umfang mit der Übernahme durch WPP und dem Merger mit Research International zu tun"

Hartmut Scheffler, TNS Infratest

Hartmut Scheffler, TNS Infratest

In der vergangenen Woche hat TNS Infratest Planungen zum Abbau von Personal an den Standorten in Deutschland bekannt gegeben. Zu den Hintergründen äußert sich Hartmut Scheffler, Managing Director bei TNS Infratest, im Interview mit marktforschung.de. 

marktforschung.de: Wie viele Beschäftigte hat TNS Infratest derzeit in Deutschland?

Hartmut Scheffler: TNS Infratest hat ohne Praktikanten, Mitarbeitern in Elternzeit und Minijobber zurzeit etwa 1.100 Mitarbeiter in Deutschland an den Standorten München, Bielefeld, Hamburg, Wetzlar, Berlin, Frankfurt (M.). 

marktforschung.de: TNS hat den Abbau von Personal angekündigt. Können Sie schon sagen, in welchem Umfang dies sein wird und welche Unternehmensbereiche schwerpunktmäßig betroffen sind?

Hartmut Scheffler: Anlass für die Personalmaßnahmen ist neben dem Umsatzrückgang durch die Wirtschaftskrise vor allem auch unsere Meinung, dass sich die Aufgabenfelder für Marktforschung und Marktforschungsinstitute schon signifikant geändert haben und weiter ändern werden. Onlineforschung wird zunehmen, kleinteilige, auch qualitative Forschung wird zunehmen und einige der aktuellen Aufgaben der Marktforschungsinstitute werden in den Unternehmen selbst durchgeführt oder sind als Daten frei verfügbar - z. B. über Google etc.

Der Umfang der Datenerhebung wird deshalb langsam abnehmen, und dies hat natürlich auf ein Full-Service-Institut mit allen Erhebungsvarianten wie TNS Infratest Auswirkungen. Wir sind uns also sicher, dass wir eine umfassende Umstrukturierung vornehmen sollten und dass diese zu Personalabbau führen wird. Zum Umfang dieses Abbaus gibt es natürlich erste Annahmen. Wir werden aber die Details in umfassenden Diskussionen in den nächsten Monaten mit den Abteilungen und Betriebsratsgremien quantitativ wie qualitativ erarbeiten. Wir werden uns dabei die notwendige Zeit lassen und gehen davon aus, dass die gesamte Umsetzung bis in das Jahr 2011 dauern wird.

marktforschung.de: Im quartalsweise von marktforschung.de durchgeführten "Stimmungsbarometer in der Marktforschung" stehen die Zeichen auf Erholung – die Mehrheit der befragten Institutsleiter will den Personalbestand konstant halten oder sogar ausbauen, gleichzeitig wird die Entwicklung der Geschäftslage von einer Vielzahl der Unternehmen deutlich positiv bewertet. Wie ist vor diesem Hintergrund der in Ihrem Hause geplante Personalabbau einzuordnen?

Hartmut Scheffler: Ich halte diese Einschätzung vor allem aufgrund der von mir bereits erwähnten neuen und geänderten Herausforderungen bzw. Anforderungen an Marktforschungsinstitute für nicht richtig und zu optimistisch. Dies schließt natürlich nicht aus, dass insbesondere bei kleinen, in Wachstumsnischen platzierten Unternehmen oder auch bei dem einen oder anderen größeren Unternehmen diese positive Wende eintreten wird.

Insgesamt teilen wir aber diesen Optimismus nicht. Gleichzeitig haben wir nach dem sehr guten Jahr 2008 in 2009  bisher – abgesehen von Konsequenzen aus der Integration von RI – weitestgehend auf Anpassungen verzichtet, während andere Institute schon in hohem Maße Kurzarbeit eingesetzt haben und Personalmaßnahmen ergriffen haben. Wenn Sie so wollen "ziehen wir nach".  

marktforschung.de: Ist der Stellenabbau eher eine Folge der Konzentrationsprozesse der letzten Jahre – Übernahme durch WPP, Merger mit Research International – oder liegt die Ursache vorwiegend in der Finanz- und Wirtschaftskrise?

Hartmut Scheffler: Die Umstrukturierungsmaßnahmen und der Stellenabbau aktuell haben nur noch in geringem Umfang mit der Übernahme durch WPP und dem Merger mit Research International zu tun. Die durch diese Integration sinnvollen und notwendigen Maßnahmen haben wir im Laufe des Jahres 2009 bereits ergriffen. Jetzt geht es in der Reihenfolge erstrangig um Umstrukturierungsmaßnahmen aufgrund unserer Einschätzungen von Herausforderungen und Aufgaben der Institutsmarktforschung in Zukunft einerseits und andererseits um die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise, deren Ende wir - was Volumina für die Marktforschungsindustrie betrifft - nicht in 2010 und noch nicht zwingend in 2011 sehen. Wir meinen, dass die Talsohle erreicht ist, jetzt aber auf niedrigerem Niveau maximal eine langsame Konsolidierung eintritt. 

Was sehr häufig vergessen wurde: 2009 war das erste Jahr seit Jahrzehnten, in dem die Entwicklung der Marktforschungsbranche nicht die Entwicklung des Bruttosozialproduktes in der Bundesrepublik Deutschland "geschlagen" hat, sondern schlechter abgeschnitten hat als die Gesamtwirtschaft. Dies ist nicht begründet in einer besonderen Krise der Marktforschung, sondern in den von mir mehrfach erwähnten Veränderungen der Aufgaben der Marktforschungsinstitute, der Branche.

marktforschung.de: TNS Infratest hat sich bisher nicht nur als eines der führenden Marktforschungsinstitute in der Branche positioniert, sondern auch als ein besonders attraktiver Arbeitgeber. Wie werden Sie vor diesem Hintergrund die angekündigten betriebsbedingten Kündigungen umsetzen?

Hartmut Scheffler: Wir werden dies in bestmöglicher Weise sozialverträglich tun, indem wir die Möglichkeiten der Teilzeitarbeit, einvernehmliche Aufhebungsverträge, denkbare Verlängerungen von Elternzeit usw. ausschöpfen. Dies und die Vorgehensweise bei dann noch notwendigen betriebsbedingten Kündigungen werden wir in enger Zusammenarbeit mit den Betriebsratsgremien umsetzen.

marktforschung.de: Herr Scheffler, herzlichen Dank für das Gespräch und die ausführlichen Informationen zu diesem sensiblen Thema!

 

Weitere Informationen zum Unternehmen auf marktforschung.de:

EXKLUSIV

Kantar GmbH

München

Kantar GmbH

950

"Kantar ist eines der weltweit führenden Unternehmen für Data Science, Insights und Consulting. Kantar versteht wie kaum ein…

Diskutieren Sie mit!     

Noch keine Kommentare zu diesem Artikel. Machen Sie gerne den Anfang!

Um unsere Kommentarfunktion nutzen zu können müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Weitere Highlights auf marktforschung.de