Dirk Ziems, concept m Die WM in Katar: Das Schuldverstrickungs-Experiment

Die Deutschen reagieren laut einer Studie von concept m sehr zwiespältig auf die WM in Katar: Sie ist ein ethisch-kompromittiertes Produkt - wie Textilien aus Kinderarbeit. Der Wunsch, die WM einfach zu boykottieren ringt mit dem Wunsch nach Zerstreuung und Ablenkung in schweren Krisenzeiten. Welche Seite überwiegt, ist aktuell noch völlig offen. Viele wünschen sich gar, dass Deutschland früh ausscheidet, um aus dem Gewissenskonflikt herauszukommen.

Nicht nur der Rauch des Feuerwerks scheint über den Stadien der Fussball-WM in Katar zu schweben. Die WM trägt viel Ballast. concept m hat dazu eine tiefenpychologische Studie durchgeführt. (Bild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Natacha Pisarenko) 

Seit Wochen wird die heute startende WM in Katar von Negativberichterstattung überschattet: Korrupte WM-Vergabe, Sklavenhaltung der Stadion-Bauarbeiter, sonstige Menschenrechtsverletzungen – das sind nur einige der Schlagzeilen. Wie sich das auf die Deutschen aktuell auswirkt, verfolgt concept m kontinuierlich in dem tiefenpsychologischen Panel Deutschland-Psychogramm. 

Das Weltfußball-System steht vor dem Kollaps 

Ergebnis der Tiefeninterviews vor dem heutigen WM-Start: Die Freude auf die WM wird von einem Schuldverstrickungsdrama verleidet. Es ist ein offenes Experiment, ob die mit der Katar verbundenen ethischen und moralischen Betroffenheiten überhaupt noch einmal im Verlaufe der WM durch das Fußball-Fieber relativiert und verdrängt werden können. Das ganze durchkommerzialisierte Weltfußball-System steht vor dem Kollaps.

Keine Ablenkung durch Brot und Spiele 

Psychologisch gesehen ringen aktuell zwei Bild-Komplexe um die Vorherrschaft im Bewusstsein der Deutschen: Das Fußball-Spiel als wohlverdiente Zerstreuung vs. der Fußball-Kommerz als ethisch-bedenkliches Konsumprodukt. Bisher folgten alle Weltmeisterschaften dem erst genannten Bildkomplex: Inmitten der Härten des Lebens öffnet sich im WM-Sommer das Eskapismus-Ventil der schönsten Nebensache der Welt. Die Öffentlichkeit wird gebannt und im besten Fall berauscht (WM-Sieg in Brasilien), wenn sie den Schicksalsspielen ihrer Mannschaft um den Ball folgt – mit dem Nebeneffekt der Vereinigung der Nation als Schicksalsgemeinschaft.  

Die Ablenkung durch Brot und Spiele war eigentlich wohl selten so passend und erstrebenswert wie in diesem Krisenwinter mit Krieg, Inflation und drohendem Energiekollaps.  

Aber schon die Tatsache, dass die WM in die frühen Wintermonate verlegt wurde, wird vom Publikum als Störung erlebt. Mit Public-Viewing und Gartenfestlaune gehört die WM einfach in den Sommer.

Der eigentliche Bruch mit der positiven WM-Vorfreude kommt damit auf, was man als Diesel-Gate des Weltfußballs bezeichnen kann.  

Schluss mit lustig ist jetzt, weil – ähnlich wie bei der Diesel-Abgas-Schummelei der Auto-Industrie – der Betrug schon lange offensichtlich vor aller Augen lag.  

Die Kommerzialisierung des Fußballs mit Milliarden-Budget, unfassbaren Spielergehältern und einem Medienzirkus in Extradimensionen ist längst zu einer „Kommodifizierung des Fußballs“ übergegangen (Zitat von Christoph Biermann). Fußball ist für alle sichtbar vollkommen zu einer reinen Ware geworden.  

Und damit ist das Konsumprodukt Fußball vonseiten der Konsumenten mit ähnlichen ethischen Taburegeln besetzt wie beispielsweise Textilprodukte, die mit Kinderarbeit hergestellt werden.  

Die Folge: Den WM-Stars wie Christiano Ronaldo aus Portugal droht ein ähnlicher Boykott wie dem Chlor-Hühnchen aus den USA.  

So wie man Abstand zu dem Ölmulti sucht, der mit der havarierten Ölplattform ganze Meere verseucht hat, sucht man Abstand zu der WM, die tausende Zwangsarbeiter auf dem Gewissen hat.

Die Lösung des Konflikts: Frühes Ausscheiden der deutschen Elf 

Die WM liegt damit im allgemeinen Trend des sich wandelnden Konsumentenbewusstseins: Konsum ist politischer geworden. Den Konsumenten und Konsumentinnen ist bewusst, dass sie mit ihren Konsumentscheidungen Verantwortung übernehmen bzw. zumindest Zeichen setzen. Das heißt nicht, dass sie sich ausschließlich und andauernd mit Moral auseinandersetzen wollen. Es gibt auch die „Forgiveness-Faktoren“ – z. B. beim Fast-Fashion-Kauf oder klimaschädlichem Mallorca-Trip, mit dem man sich sorglos ein wenig verwöhnen will.  

Auf ein ähnliches Schuldverstrickungsdrama läuft es jetzt bei der Katar-WM hinaus. Unsere Tiefeninterviews zeigen bislang, dass es in dem Drama aktuell noch offen ist, ob das Bild der wohlverdienten Zerstreuung oder das Bild des ethisch-bedenklichen Konsumprodukts überwiegt.  

Interessanter Befund aus den Interviews:  

Insgeheim hoffen viele, dass die deutsche Mannschaft schon in der Vorrunde ausscheidet. Damit würde sich der Konflikt, soll ich zuschauen oder nicht, elegant von allein erledigen. 

 

Über die Person

managing partner - concept m

Dirk Ziems ist Managing Partner bei concept m research + consulting. An der Hochschule für Technik und Wirtschaft, Berlin, der Berlin School of Law und Economics, der International Film School Cologne und der Privaten Fachhochschule für Wirtschaft in Göttingen hält Ziems zusätzlich Vorträge und übernimmt Lehraufträge.

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