Die Expansion der Öffentlichkeit: von der Fremd- zur Selbstaufklärung? Einige vorläufige Überlegungen zu Veränderungen von Journalismus und Meinungsforschung

Das Internet, insbesondere sein neues Gefüge, das sog. soziale Internet oder Web 2.0, hat in den vergangenen fünf Jahren einen beschleunigten Strukturwandel der Öffentlichkeit in Gang gesetzt. Professioneller, redaktionsgebundener Journalismus sieht sich bereits in einer Art Identitätskrise. Auch Meinungsforschung, genau wie unabhängiger Journalismus ein Pfeiler einer offenen, freiheitlich-demokratischen Gesellschaft, sieht sich stellenweise unter Druck. Neue Öffentlichkeitsstrukturen verändern also Journalismus und Meinungsforschung gleichermaßen. Der folgende Beitrag beschreibt zusammenfassend Faktoren des Wandels und resümiert mögliche Konsequenzen.

Dieser Text ist eine Kurzfassung von:
Welker, Martin (2010): Die Expansion der Öffentlichkeit: von der Fremd- zur Selbstaufklärung? Einige vorläufige Überlegungen zu Veränderungen von Journalismus und Meinungsforschung. IN: Amersdorffer, Daniel; Bauhuber, Florian; Egger, Roman; Oellrich, Jens(Hrsg.): Social Web im Tourismus. Strategien - Konzepte - Einsatzfelder.Heidelberg: Springer, ca. 13 Seiten. (Veröffentlichung voraussichtlich im März 2010)

Für eine moderne und demokratische Gesellschaft ist eine transparente Öffentlichkeit von großem Belang. "Öffentlichkeit herstellen" bedeutet zunächst ganz einfach, einen Vorgang oder Informationen mit Hilfe eines Mediums öffentlich zu machen. Journalisten sind diejenigen, die Öffentlichkeit in Redaktionen und Medienunternehmen anhand professioneller Normen und Leitlinien herstellen. Auch andere Berufsgruppen wie PR-Mitarbeiter oder Werber (allgemein: Kommunikatoren) stellen Öffentlichkeit her, allerdings sind es Journalisten, die für sich das Recht in Anspruch nehmen können, im öffentlichen Interesse zu schreiben. Daraus leiten sich die speziellen Rechte und Pflichten für Journalisten ab, die bspw. in den deutschen Landespressegesetzen verankert sind.

Mit der Herstellung von Öffentlichkeit eng verbunden und mit Journalismus funktional verwandt ist Meinungsforschung als ein Teilbereich der Markt- und Sozialforschung. Sie ist für eine freiheitliche und offene Gesellschaft ebenfalls unverzichtbar, weil sie Steuerungs- und Lenkungsinformationen bereitstellt. Damit realisiert Meinungsforschung, ganz ähnlich wie auch Journalismus, gesellschaftliche Selbstbeobachtungsverfahren. Beide Berufsgruppen, Journalisten wie Markt- und Sozialforscher, folgen teilweise ähnlichen Konzepten und Leitlinien, haben ähnliche Kodizes und greifen für die Berufsausbildung auf teilweise kongruente Inhalte in ihren Curricula zurück (vgl. dazu auch Dogan 1998, S. 102f.).

"Der institutionelle Rahmen moderner Demokratien fügt drei Elemente zusammen: die private Autonomie von Bürgern (…); die demokratische Staatsbürgerschaft (…); und eine unabhängige politische Öffentlichkeit, die als Sphäre freier Meinungs- und Willensbildung Staat und Zivilgesellschaft miteinander verbindet" (Habermas 2008, S. 140). Moderne, auf Produktivität und Informationsaustausch beruhende Gesellschaften sind sowohl auf leistungsfähigen Journalismus angewiesen als auch auf eine funktionierende Meinungsforschung. In Gesellschaften, die demokratisch eingeschränkt sind, wie in Diktaturen, können Journalisten nur sehr begrenzt über Vorgänge berichten; Öffentlichkeit wird bewusst beschränkt, um Machtverhältnisse zu sichern und zu konservieren. Mit dieser Beschränkung erkaufen sich Diktatoren allerdings ein verringertes Evolutionsniveau der Gesellschaft (Luhmann 1997, S. 747). In dem Maße, wie der Austausch von Ideen und Argumenten beschnitten wird, verliert die Gesellschaft ihre Diskurs- und Anschlussfähigkeit auch in Bezug zu anderen Staaten. Breite Armut in der Bevölkerung ist nicht selten die Folge. Meinungsforschung, also die Erhebung und Aufbereitung von Einstellungen und Meinungen aus der Bevölkerung, muss in geschlossenen Gesellschaften ebenfalls kontrolliert ablaufen. Letztlich ist sie dort offiziell überflüssig, weil die Herrschenden bereits sowieso glauben alles zu wissen (bzw. dies vorgeben). Die Analyse der Entwicklung der soziologischen Forschung in der DDR zeige, so Kaase (2003), "dass die ungewollte aufklärerische Funktion der Sozialforschung in sozialistischen Staaten von der herrschenden Elite durchaus als gefährlich angesehen wurde. Im Falle der DDR wurde das beim Zentral Komitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) angesiedelte Institut für Meinungsforschung 1978 mit der Begründung wieder geschlossen, es sei sehr wohl denkbar, dass bei Fortexistenz des Instituts dort erzeugte Informationen in die Hände des ‚Klassenfeindes‘ gerieten."

Eine demokratisch legitimierte Willensbildung in einer zunehmend komplexeren Gesellschaft kann als das gemeinsame funktionale Band von Journalismus und Meinungsforschung identifiziert werden. Dabei geht es im Kern um Aufklärung. Beide Berufsgruppen entfalten mit ihrer Arbeit im besten Falle aufklärerische Wirkung. Journalisten, indem sie recherchieren und Einzelfälle beleuchten, Meinungsforscher, indem sie Daten erheben, um dann die erfassten Fälle zu aggregieren und damit für nachvollziehbare und transparente gesellschaftliche Selbstbeobachtung sorgen. Beide Berufsgruppen sind eng mit öffentlicher Meinung verbunden, weil sie entweder direkt öffentliche Meinung erzeugen (Journalisten) oder ihre Ergebnisse die öffentliche Meinung in aggregierter Form anzeigen (Meinungsforscher) und falls diese Ergebnisse veröffentlicht werden, wiederum rekursiv die öffentliche Meinung beeinflussen können. Öffentlichkeit kann als gesellschaftlicher Kommunikationsraum beschrieben werden, in dem diese Akteure politische Fragen vor einem Publikum diskutieren (Gerhards 2007a, S. 185). 'Politisch' ist dabei gleichzusetzen mit 'gesellschaftlich relevant'. Diese Öffentlichkeit hat sich in den vergangenen Jahren stark ausgedehnt.

Die Funktionen von Journalismus und Meinungsforschung werden nun mit dem neuen Internet (Schmidt 2009) keineswegs obsolet, aber sie wandeln sich aber durch veränderte Strukturen, mit denen Öffentlichkeit heute hergestellt werden kann. Beide Berufe müssen deshalb ihre Instrumente ergänzen und zwar aufgrund folgender Faktoren

Modifizierende, strukturbildende Faktoren

Hier sollen die wichtigsten strukturbildenden Faktoren des Internet dargestellt werden. Jedes Begriffspaar bezeichnet dabei zwei Seiten einer Medaille: die Seite des einzelnen Nutzers und die Seite des Zusammenspiels aller Nutzer (Schenk, Taddicken, Welker 2008, S. 247ff.).

Koorientierung und „kollektive Intelligenz“

Die Prinzipien „Weisheit der Massen“ (Surowiecki 2004; Howe 2008) bzw. „kollektive Intelligenz“ (Tapscott, Williams 2006) bezeichnen die systemtheoretisch begründete Vorstellung, dass eine Gruppe von Individuen ein Problem gemeinsam besser lösen kann als das Individuum selbst. Begründet durch Einzelhandeln, das sich begrenzt an anderen Individuen ausrichtet, entsteht im Zusammenspiel eine kollektive Lösung.

Partizipation und Dynamisierung

Für den Nutzer heißt Partizipation im Web 2.0 in erster Linie tätige Teilhabe am Produktionsprozess von Informationen, was im Ideal und letztlich zur Teilhabe an gesellschaftlicher Öffentlichkeit führen soll. „Crowdsourcing“ (Howe 2008, S. 133) integriert den Nutzer in den Rechercheprozess, indem Nutzer Journalisten neue Informationen beschaffen. Beim „Co-creation“ nimmt der Konsument am Produktverbesserungsprozess teil.

Interaktion/Kommunikation und Interaktivität

Die Nutzer traditioneller Massenmedien sind i.d.R. als disperses Publikum voneinander isoliert. Interaktive Kommunikation in der massenmedialen Presse und im Rundfunk bleibt bei inszenierten Anlässen wenigen Akteuren vorbehalten, die Nutzer von Massenmedien können immer nur partiell integriert werden. Dagegen verfügen Internetnutzer über einen direkten Rückkanal.

Authentizität und virtuelle Gemeinschaft

Nutzer sind heute viel eher bereit, Persönliches und Privates öffentlich zu machen. Der Gewinn von Authentizität in den praktizierten Ausdrucksformen (bspw. in Blogtexten) wird zwar mit einem Verlust an Privatheit bezahlt. Dennoch führt dieses Verhalten auf der aggregierten Anwendungsebene zu vielfältigen Formen virtueller Gemeinschaften, die letztlich nur deshalb zustande kommen können, weil Nutzer Informationen über sich oder andere preisgeben.

Selektion und Aggregation, Rekombination

Selektion heißt für den Nutzer nicht nur bei der Rezeption auszuwählen, sondern auch bei der Bearbeitung von Inhalten eine aktive Rolle einnehmen zu können. Auf der Seite der Anwendung spiegelt sich Selektion u.a. in den sogenannten „Mashups“ wieder, also in neuen Anwendungen, die durch Rekombination bereits vorhandener Anwendungen entstehen.

Individualisierung und Long Tail-Angebote

Wie zahlreiche Forschungsergebnisse bereits im Zusammenhang mit Massenmedien gezeigt haben, suchen Mediennutzer individuelle Bedürfnisbefriedigung. Nun können Nutzungsweisen und gesuchte Gratifikationen noch individueller ausfallen als dies bislang bereits der Fall war (Howe 2008, S. 138). Auf Seiten des Angebots heißt das, dass selbst jedes noch so spezielle Angebot auch auf Nachfrage treffen kann – über moderne Suchtechnik werden diese Angebote vom Nutzer gefunden.

Alle hier genannten Faktoren verleihen der Struktur von Öffentlichkeit eine neue Form. Welche Schlussfolgerungen daraus abzuleiten sind, fasst der folgende Absatz zusammen.

Journalismus und Meinungsforschung unter veränderten Strukturen

Neben den professionellen Journalismus treten im Internet neue Akteure wie Laien (Bürger, Leser etc.) sowie Institutionen und Firmen, die sich mit ihren Kommunikationsangeboten direkt an alle Nutzer wenden, ohne von Journalisten und Redaktionen zuvor gefiltert worden zu sein. Andererseits nehmen partizipative Formen und Formate im klassischen Journalismus zu. Lesern, Hörern und Zuschauern werden im Internet mehr Mitwirkungsmöglichkeiten eingeräumt. Konzepte wie Civic oder Civil Journalism, Bürgerjournalismus oder in der boulevardesken Variante des Leserreporters werden aus passiven Rezipienten aktive Nutzer. Sog. „Crowdsourcing“ beteiligt den Leser aber nicht nur bei der Berichterstattung, sondern auch an Recherche von Themen und Stoffen. Ohne diese Konzepte normativ zu bewerten oder den Erfolg im einzelnen empirisch nachzuprüfen, kann hier festgestellt werden, dass sich allein durch deren Existenz die Produktion und Struktur von Öffentlichkeit und damit auch Öffentlichkeit selbst zu verändern beginnt.

Nun sind nicht alle Themen, die im Internet diskutiert werden, als politisch und gesellschaftlich relevant im oben definierten Sinne einzustufen. Viele Beiträge von Nutzern beziehen sich auf Privates, das dennoch öffentlich gemacht wird. Dies reicht vom Foto der letzten Party über Kommentare auf Seiten von Freunden bis hin zu persönliche Seiten im Netz. Andererseits gibt es zahlreiche Plattformen, die eben doch Öffentlichkeit zu relevanten Fragen herstellen: Insbesondere Seiten von Vereinen oder Nicht-Regierungsorganisationen, Weblogs freier Journalisten oder Autorenkollektive äußern sich zu den täglichen Fragen der Gesellschaft bzw. lassen ihre Nutzer über diese diskutieren. Dies geschieht in einem Ausmaß, das vor 20 Jahren noch undenkbar gewesen wäre. So können auch die Äußerungen von Stammtischen, die zu massenmedialen Zeiten noch im privaten Bereich getagt hatten, plötzlich öffentlich werden.

Aus diesem Grund, eben „angesichts der elektronischen Kommunikationsrevolution“ (Habermas 2008, S. 143) rückt das deliberative Paradigma als das plausibelste Modell von Öffentlichkeit wieder in den Mittelpunkt. „Das deliberative Modell begreift die politische Öffentlichkeit als Resonanzboden für das Aufspüren gesamtgesellschaftlicher Probleme“ (Habermas 2008, S. 144). Dass dieses Modell auch die praktische Meinungsforschung verändern kann, beschreibt Surowiecki (2004, S. 260) in seinem Bericht über die neue Methode der deliberativen Meinungsbefragung, bei der normale Bürger sich ein Wochenende über aktuelle politische Fragen informieren und anschließend darüber diskutieren. Alsdann werden sie von Meinungsforschern befragt: „The idea behind deliberative polls (…) is that political debate should not be, and doesn’t need to be, confined to experts and policy elites.“

Tabelle Fachartikel Welker
Tabelle: Parallele Entwicklung von Journalismus und Meinungsforschung

Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Da Nutzer nun an einem veränderten Öffentlichkeitsmodell geschult sind, können die Forscher auch in geschlossenen Umgebungen neue, insbesondere qualitative Instrumente einsetzen. In solche Umgebungen können vom Forschungsinstitut ausgewählte Teilnehmer eingeladen werden, um bestimmte Fragen und Themen zu diskutieren (Scholz 2008). Die klassische Gruppendiskussion erhält damit ein neues Gefüge und eine neue Dynamik, u.a. auch deshalb, weil sich per Web 2.0 mehrere qualitative Forschungsinstrumente sinnvoll verbinden lassen. Weblogs, Tagebuchstudien oder von Nutzern erstellte Tag Clouds (Begriffswolken) können sinnvoll miteinander kombiniert werden (Bortner 2008; Gadeib 2009). Zur klassischen Umfrageforschung, die sicher auch in Zukunft mittels repräsentativen Stichproben die öffentliche Meinung abbildet, treten nun eine ganze Reihe weiterer Methoden und Instrumente hinzu, die bislang – unter massenmedialen Bedingungen – unbekannt waren.

Die Chancen dieser neuen Methoden liegen sicher in der Erfassung der thematischen Breite von Statements und ihrer Authentizität, der allgemeinen Zugänglichkeit der Äußerungen, der teilweise hohen Fallzahlen und der schnellen Reaktionen. Die Grenzen liegen in der Verallgemeinerbarkeit, der Unspezifität und in der teilweise schwierigen und aufwändigen Auswertung. Zudem gibt es noch einen Mangel an Forschungsstandards (Schenk, Taddicken, Welker 2008, S. 260; Wadlinger 2007).

Bibliografie

Bortner, B. (2008): Will Web 2.0 Transform Market Research?

Internetquelle: www.forrester.com/Research/Document/Excerpt/0,7211,44159,00.html (gesehen am 08.06.2009).

 

Dogan, M. (1998): Political Science and the Other Social Sciences. IN: Goodin, R. E., Klingemann, H.-D. (Hg.): A New Handbook of Political Science. Oxford, New York, S. 97-132.

Gadeib, A. (2009): Spurensuche. Marktforschung im Web 2.0. IN: Research & Results, 1/2009, S. 30-31.

Gerhards, J. (2007a): Öffentlichkeit. IN: Fuchs, D., Roller, E. (Hg.): Lexikon Politik. Stuttgart, S. 185-188.

Habermas, J. (2008): Hat die Demokratie noch eine epistemische Dimension? Empirische Forschung und normative Theorie. IN: Ach, Europa. Frankfurt am Main, S. 138-191.

Howe, J. (2008): Crowdsourcing. New York.

Kaase, M. (2003): Meinungsforschung. IN: Andersen, Uwe/Woyke, Wichard (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 5. Auflage.

Luhmann, N. (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt.

Schenk, M., Taddicken, M., Welker, M. (2008): Web 2.0 als Chance für die Markt- und Sozialforschung? IN: Zerfaß, A., Welker, M., Schmidt, J. (Hg.): Kommunikation, Partizipation und Wirkungen im Social Web. Grundlagen und Methoden: Von der Gesellschaft zum Individuum (Neue Schriften zur Online-Forschung Band 2). Köln, S. 243-266.

Schmidt, J. (2009): Das neue Netz. Merkmale, Praktiken und Folgen des Web 2.0. Konstanz.

Scholz, J. (2008): Forschen mit dem Web 2.0 – eher Pflicht als Kür. IN: Zerfaß, A., Welker, M., Schmidt, J (Hg.): Kommunikation, Partizipation und Wirkungen im Social Web. Grundlagen und Methoden: Von der Gesellschaft zum Individuum (Neue Schriften zur Online-Forschung Band 2). Köln, S. 229-242.

Surowiecki, J. (2004): The Wisdom of Crowds. New York.

Tapscott, D., Williams, A. D. (2006): Wikinomics. How mass collaboration changes everything. New York.

Wadlinger, C. (2007): Von der Datenquelle zur digitalen Couch. IN: Compact (Forschung & Consulting), 4-5/2007, S. 8-9.

 

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