Munkes Mind Bahnfahren bildet – und entschleunigt in bewegten Zeiten

Wenn einer eine Reise tut… unser Kolumnist Jörg Munkes von der GIM kommt zwar nicht immer pünktlich ans Ziel, aber mitunter zu neuen Einsichten.

Nicht nur Warnstreiks machen Bahnreisen zu einer schwer planbaren Herausforderung. Dr. Jörg Munkes zieht daraus seine Schlüsse, genießt aber auch die Entschleunigung. (Bild: picture alliance / Zoonar | Matej Kastelic)

Ich wollte diese Kolumne auf dem Weg zu einem Kunden schreiben. Im Zug. Eigentlich… unterwegs per Bahn war ich zwar, nur habe ich es nicht zum Kundentermin geschafft. Lediglich mit zwei Stunden Puffer, bei einer planmäßig vierstündigen Fahrt, da war ich vielleicht etwas leichtsinnig.

Gleichwohl: Wenn die technische Störung am Zug auf eine Weichenstörung trifft, gefolgt von der Umleitung auf die langsamere Nebenstrecke, dann muss man leider auf halber Strecke umkehren.

Und übrigens: Es war mein erster verpasster Kundentermin nach 20 Jahren in der Marktforschung. Aber abgesehen davon leite ich für mich zwei Erkenntnisse daraus ab:

  1. Qualität macht etwas mit Menschen
  2. (Fahr-)pläne und Planbarkeit sind verschiedene Dinge

Fehlende Qualität – und die Verkettung von „Ereignissen“ auf dieser Bahnfahrt sind aus meiner Sicht nicht nur Pech – macht etwas mit Menschen. Bei Kunden und Kundinnen ist Verärgerung erwartbar; die Reaktionen, die ich heute beobachten konnte, hatten aber auch schon viel von erfüllter Erwartung getreu dem Motto „war doch klar, dass wieder was passiert“.

Diese Resignation zeigt sich dann auch bei den Mitarbeitenden und raubt diesen vermutlich auch den letzten Rest an Motivation.

Der Zug kann noch so modern und gemütlich sein, wenn er mit zwei Stunden Verspätung fährt, liefert mir das keinen Mehrwert.

Daten sind unser Fundament

Auf unsere Branche übertragen ist Datenqualität für mich unsere Pünktlichkeit.

Um in der Analogie zu bleiben, nutzt das beste Storytelling in Berichten, das schönste Dashboard und die selbstbewussteste Beratung nichts, wenn die Datenqualität nicht stimmt.

Denn das Fundament ist nicht stabil, auf dem das „Gebäude“ steht. Hierbei beziehe ich mich in Hinblick auf Qualität nicht nur auf die Befragten, sondern auch auf die Befragung.

Gerade in Online-Befragungen sind nicht nur unmotivierte Befragte, Click-Farms oder Bots eine Herausforderung, sondern auch handwerklich schlechte Fragebögen – oder solche, die nicht spezifisch auf die Fragestellung zugeschnitten sind beziehungsweise einem nicht oder nur mäßig validierten Standard folgen. Am Ende leiden also Kunden, Dienstleistende und Befragte gleichermaßen bzw. andersherum erzählt: Alle profitieren von guter Qualität!

Fehlende Planbarkeit ist auch so ein Phänomen, das uns zunehmend begleitet. VUCA-Welt und Unknown Unknowns ist ja alles schön und gut, aber irgendwie fehlt noch grundsätzlich die Stabilität im System: Es sind doch aktuell nicht die singulären Ereignisse (wie eine Pandemie), die einen erschüttern. Ich habe vielmehr den Eindruck, dass das System noch sehr stark in Bewegung ist und daher Prognosen so extrem schwer sind.

Kleine Spitze:

Prognosen von Wirtschaftsweisen sind dann am präzisesten, wenn die Wirtschaft stabil über mehrere Jahre wächst, schrumpft oder stagniert - aber eben nur eines davon.

Bewegende Zeiten – außer bei der Bahn

Bild: picture alliance / Jochen Eckel | Jochen Eckel

Und hätten uns Corona und Energiekrise nicht schon genug in Bewegung gebracht, so beschleunigt Künstliche Intelligenz noch mehr – und vielleicht schüttelt sie uns ja auch noch durch? In der Branche konnte man die fehlende Planbarkeit oder Vorhersagbarkeit schön im Frühjahr beobachten, als bei vielen Instituten die Auftragseingänge schwächelten – nur um sich dann wieder im Herbst zu erholen. In diesem Fall konnte man es nicht nur nicht vorhersagen, sondern es fehlt auch eine plausible Erklärung. Auch das lässt sich selbstverständlich andersherum erzählen: Aus Disruptionen und Veränderungen ergeben sich auch immer wieder neue Chancen.

Kurz vor Weihnachten und Jahresende sollte ich jetzt vermutlich etwas Erbauliches schreiben. Wie wäre es mit:

Wenn wir uns auf unsere Stärken besinnen und die Chancen nutzen, dann wird auch 2024 ein sehr gutes Jahr – wenn auch vielleicht kein planbares oder ruhiges Jahr“.

Und ob die Bahn wieder pünktlicher wird, das steht noch in den Sternen. Die Wahrheit liegt dann auf der Schiene.

 

Über die Person

Dr. Jörg Munkes ist Geschäftsführer bei der GIM in Heidelberg, wo er seit knapp 20 Jahren tätig ist. Als promovierter Sozial- und Persönlichkeitspsychologe hat er die Entwicklung der quantitativen Forschung des Full-Service-Instituts über viele Jahre geprägt und dabei ein Faible für psychografische Zielgruppen-, Werte- und Markenforschung entwickelt. Als GIM-Geschäftsführer ist er unter anderem für das Business Development verantwortlich und gleichzeitig ein von Natur aus neugieriger Mensch –... mehr

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