Kennen Sie FAMS?

14.05.2012

Die meisten Marktforschungsinstitute kennen sie mittlerweile, betrieblichen Marktforschern ist sie schon seltener geläufig und junge Menschen, die es in die Marktforschung zieht, stolpern oft nur zufällig über sie: Die Ausbildung zum Fachangestellten für Markt- und Sozialforschung, kurz: FAMS. Im Herbst 2006 fiel der Startschuss mit 67 Auszubildenden, die bereits zwei Jahre später mit dem Preis der Deutschen Marktforschung kollektiv zur Marktforscherpersönlichkeit des Jahres gekürt wurden. Nach sechs Jahren im Ausbildungskosmos und aktuell 242 Auszubildenden stellt sich nun die Frage: Wie steht es um den jungen Beruf? Ist er zum Fixstern geworden oder eine Sternschnuppe geblieben?

Von Eva Hammächer

Die häufigste Eintrittskarte in die Markt- und Sozialforschung ist ein Studium – meistens der Betriebswirtschaftslehre, der Psychologie oder der Soziologie. Da in Forschungsprojekten jedoch auch klassische Assistententätigkeiten anfallen, die zwar keinen akademischen Hintergrund erfordern, aber durchaus Methodenkenntnisse der empirischen Sozialforschung, sahen die Marktforschungsverbände eine Lücke im Ausbildungskanon, die es zu schließen galt. Nach mehrjähriger intensiver Vorbereitung des ADM in Zusammenarbeit mit der IHK wurde schließlich am 1. August 2006 die neue Ausbildung zum FAMS aus der Taufe gehoben. "Der Ausbildungsberuf ist für die nachhaltige Entwicklung der Markt- und Sozialforschung unverzichtbar.", konstatiert Erich Wiegand, Geschäftsführer des ADM e.V. "Bedingt durch die demografische Entwicklung wird die Konkurrenz der verschiedenen Wirtschaftszweige um qualifizierten Nachwuchs zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor. Das gilt gleichermaßen für die Ausbildung im akademischen Bereich sowie im dualen System.", so Wiegand.

Ökologische Nische zwischen Akademikern und Kaufleuten

Doch was unterscheidet nun einen FAMS vom Hochschulabsolventen oder vom Bürokaufmann? FAMS übernehmen in der Regel die organisatorischen, technischen und administrativen Tätigkeiten im Rahmen der Projektabwicklung. Ihre Aufgaben liegen eher im operativen Bereich, während die Hochschulabsolventen den strategischen Bereich abdecken. Das heißt konkret: Sie beschaffen Daten, bereiten sie auf, werten sie aus und bereiten Berichte und Präsentationen vor. Im Gegensatz zu ihren Kollegen aus anderen Ausbildungszweigen verfügen sie aber über ausgewiesene Statistik- und Methodenkenntnisse und können beispielsweise Fragebögen entwickeln oder mit SPSS umgehen. FAMS findet man in Marktforschungsinstituten oder (bisher seltener) in der betrieblichen Marktforschung. Aber auch Unternehmensberatungen, Werbe- und Media-Agenturen sowie Einrichtungen der empirischen Sozial- und Wirtschaftsforschung bieten den FAMS eine berufliche Heimat.

Gute Aussichten für FAMS

Und was halten die Unternehmen von den FAMS? Die FAMS-Azubis der Beruflichen Medienschule Hamburg-Wandsbek haben hierzu gleich selbst Daten erhoben und sowohl 2008 als auch 2010 Personalentscheider von BVM-Mitgliedsunternehmen zur Ausbildung und den Perspektiven der FAMS befragt. Das Ergebnis: Die Bekanntheit der Ausbildung ist innerhalb von zwei Jahren um 7 Prozent (von 80 auf 87 Prozent) und die Anzahl der ausbildenden Betriebe sogar um 16 Prozent gestiegen (von 25 auf 41 Prozent). Es sind insbesondere große und mittlere Unternehmen, die FAMS ausbilden. Und diejenigen, die selbst ausbilden, sind auch zu 91 Prozent bereit, ausgebildete FAMS einzustellen. Das Fazit der Studie: Die Einstellungsbereitschaft ist insgesamt hoch, denn die FAMS überzeugen durch fundiertes Know-How und einen Praxisvorteil gegenüber Akademikern, die direkt von der Hochschule kommen. Allerdings sind vielen Betrieben die Qualitäten der FAMS ebenso wie das Berufsprofil noch nicht ganz klar. Noch mehr Kommunikation und Aufklärungsarbeit über Einsatzbereiche und das Berufsbild sind daher vonnöten, um den Beruf stärker in der Branche zu etablieren.

Geeignete Bewerber sind Mangelware

Zum gleichen Ergebnis kommt auch Lisa Kilberth, Director Human Resources des Marktforschungsinstituts YouGov: "Wir haben bisher nur sehr gute Erfahrungen mit unseren FAMS gemacht. Sie haben ein sehr breites und gutes Knowhow und sind sehr engagiert. In unserem Unternehmen füllen sie perfekt die Lücke zwischen Akademikern und Aushilfen ohne Ausbildung. Wir bilden die Leute aus, um sie später zu übernehmen." Das Hauptproblem liege aber darin, überhaupt geeignete Bewerber zu finden. "Man wird nicht unbedingt erschlagen mit Bewerbungen", so Kilberth. "Der Beruf ist einfach noch nicht bekannt genug. Die Bewerber stoßen entweder zufällig darauf, oder wenn sie eine sehr gute Beratung bei der Arbeitsagentur bekommen. Man müsste den Beruf noch stärker bewerben, damit beispielsweise auch die betrieblichen Marktforscher davon erfahren, denn dort scheint der Beruf noch gar nicht angekommen zu sein."

Diese Erfahrung bestätigt auch Dr. Gaby Wiegran, Vorstand des Marktforschungsinstituts Vocatus in Gröbenzell bei München: "Wir haben für 2011 keine FAMS bekommen, obwohl wir mit bundesweiten Anzeigen gesucht haben, und voraussichtlich werden wir auch für 2012 wieder keine finden. Eigentlich würden wir gerne zwei oder drei FAMS ausbilden." Das Problem speziell in München: Die Auszubildenden müssen zum Berufskolleg in Nürnberg, was laut Wiegran die Bewerbersuche nicht unbedingt erleichtert. Auch Wiegran sieht darüber hinaus ein Problem in der mangelnden Bekanntheit der Ausbildung, das jedoch kaum durch die Unternehmen alleine gelöst werden kann: "Das einzelne Unternehmen hat nicht genügend Marketingmittel, um den Beruf bekannt zu machen. Von daher gibt es wenige Bewerbungen und noch weniger gute Bewerbungen. Die Abkürzung FAMS ist auch nicht gerade hilfreich, um das Image des Ausbildungsberufs zu fördern."

Auf dem Weg in die Öffentlichkeit – goFAMS!

Im Großraum Berlin kam die Ausbildung anfangs nur sehr stockend in Gang. Um dort die Bekanntheit und Akzeptanz zu steigern, wurde im Frühjahr 2009 das Jobstarter Projekt "goFAMS" gestartet. Das Ergebnis: Durch viel Aufklärungsarbeit und intensive Unterstützung der Unternehmen bei der Bewerbersuche und Ausbildungsorganisation konnten 35 zusätzliche Ausbildungsplätze bis zum Projektende im Februar 2012 geschaffen und ein Bachelor-Studiengang "Applied Social Research" ins Leben gerufen werden, der im Herbst 2012 an der Steinbeis-Hochschule in Berlin beginnen wird. Ungewöhnlich in Berlin war, dass bis 2011 die meisten ausbildenden Unternehmen nicht aus dem Bereich der Markt- und Sozialforschung kamen. Michael Dormin, stellvertretender Vorstandsvorsitzender von "goFAMS", sieht dies in Vorbehalten innerhalb der Marktforschungsbranche gegenüber Nicht-Akademikern begründet. Im Jahr 2011 konnte dieses Verhältnis in Berlin allerdings erstmals umgekehrt werden in 70 % Unternehmen aus der Markt- und Sozialforschung und 30 % Unternehmen aus anderen Bereichen. Nicht zuletzt auch durch die erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit von "goFAMS".

Ausbildungszahlen im kritischen Schwellenbereich

Auch Dormin sieht das Problem der mangelnden Bekanntheit der FAMS-Ausbildung: "Die Institute kennen den Beruf relativ gut, bei den betrieblichen Marktforschern ist er allerdings noch etwas unbekannter. Viele Unternehmen trauen sich aber auch nicht auszubilden, weil sie denken, sie könnten die Azubis nicht beschäftigen oder weil sie nicht wissen, wie sie die Ausbildung installieren sollen." Das größte Problem sei aber, dass die Bewerber die Ausbildung nicht kennen: "Die Ausbildungszahlen haben sich zwar mittlerweile stabilisiert, bewegen sich aber immer noch in einem kritischen Schwellenbereich: Die meisten Klassen liegen unterhalb der Schülerzahlen, die von den Berufsschulen vorgesehen sind. Es besteht also immer noch das Risiko, dass Schulstellen geschlossen oder zusammen gelegt werden." Und das wäre für Dormin ein verheerendes Signal.

FAMS in die betriebliche Marktforschung

Das Dilemma kleiner Klassen sieht Dr. Jörg Maas, Bildungsgangleiter der FAMS am Joseph-DuMont-Berufskolleg in Köln, allerdings nicht unbedingt als FAMS-spezifisches, sondern eher als ein soziodemografisches und als ein typisches Problem eines ausgefallenen Ausbildungsberufs. Zudem nimmt der Wettbewerb zwischen den Bildungseinrichtungen im dualen und Hochschul-Bereich (Stichwort: Bachelor-Studiengänge) gegenwärtig spürbar zu: „Wir werden uns in den kommenden Jahren vermehrt um ausreichend Schüler bemühen müssen. Der Knackpunkt ist aber, dass die Ausbildung auch bei den betrieblichen Marktforschern ankommen muss, deshalb geht es nur sehr langsam mit den Azubi-Zahlen bergauf.", so Maas. Doch wenn die Bewerber fehlen? "Man muss sich die Frage stellen, ob es immer unbedingt Abiturienten oder Studienabbrecher sein müssen.", merkt Maas kritisch an (96 Prozent der FAMS haben Abitur). "Auch ein guter Realschüler ist der anspruchsvollen Ausbildung durchaus gewachsen." Inhaltlich sei in der Ausbildung in den letzten Jahren einiges passiert: So wurden beispielsweise auch qualitative Methoden oder Social Media Forschung in den Ausbildungs- und Prüfungskatalog aufgenommen. Für Maas hat sich der Beruf über die Jahre etabliert und an Profil gewonnen. Die Arbeitszufriedenheit der Azubis sei zudem sehr hoch.

Dies bestätigt auch Verena Klette, die ihre FAMS-Ausbildung bei Vocatus absolviert und 2011 als bundesweit beste Auszubildende abgeschlossen hat. Sie ist auf der Suche nach einem Praktikum in der Marktforschung rein zufällig auf die FAMS-Ausbildung gestoßen. Im Rückblick ist sie damit sehr zufrieden: "Ich habe in der Ausbildung vieles gelernt, was sehr hilfreich bei der täglichen Arbeit als Marktforscher war. Im Prinzip wird einem in der Berufsschule alles Wichtige beigebracht, um im Betrieb gut mitarbeiten zu können.", unterstreicht Klette. Und dies gilt es noch möglichst vielen Unternehmen und Instituten zu vermitteln, damit die Antwort auf die Frage „Kennen Sie FAMS?“ immer häufiger lautet „FAMS? Klar, kenne ich!“

 

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