"Auch ein Geschäftsführer kann viel von einem Trainee lernen"

Olaf Marx, Happy Thinking People

Die Anforderungen für einen erfolgreichen Marktforscher wandeln sich beständig. Auf welche Kompetenzen es in Zukunft ankommt, spielt im Personalwesen eine entscheidende Rolle. Wir haben mit Olaf Marx, Head of Human Relations bei Happy Thinking People, darüber gesprochen und darüber hinaus erfahren, was auch Geschäftsführer von Neulingen lernen können.

Olaf Marx (Bild: Happy Thinking People)

Olaf Marx (Bild: Happy Thinking People)

marktforschung.de: Herr Marx, seit einigen Jahren sind Sie bei Happy Thinking People für den Bereich Human Relations zuständig. Um die Frage unseres aktuellen marktforschung.dossiers aufzugreifen: Skills der Zukunft – was wird in den nächsten Jahren in unserer Branche zunehmend gefragt sein? 

Olaf Marx: Für das People Understanding in der Zukunft wird aus meiner Sicht eine Fähigkeit zur maßgeblichen Schlüsselkompetenz: unterschiedlichste qualitative und quantitative Daten verstehen und verknüpfen zu können. 

Hierfür braucht es eine umfassende und datenübergreifende Verstehens- und Analysefähigkeit, die nicht in einem Qual vs. Quant oder Offline vs. Online-Silodenken verhaftet bleibt. Das heißt der Forscher von morgen, bzw. eigentlich schon von heute, muss in der Lage sein, qualitative Insights aus z.B. Ethnographie und Semiotik, quantitative Daten aus Trackings und Befragungen,  Social Media Analysen oder auch Resultate aus impliziten Erhebungen wie Eye Tracking und Assoziationstests zu einem erkenntnisbringenden Ganzen zusammenführen zu können.

marktforschung.de: Das klingt, als würden neben der Datenerhebung auch die Ergebnisse immer komplexer. Wie müssen sich Marktforscher hier aufstellen?

Olaf Marx: Die  verständliche Vermittlung von komplexen Ergebnissen wird von zentraler Bedeutung sein. Niemand hat heutzutage mehr Zeit und Lust, sich im komplexen Alltag und angesichts eines zunehmenden Informations-Overloads durch schwer verdauliche Dokumente zu wälzen. Skills hinsichtlich der prägnanten und unterhaltsamen Aufbereitung und Visualisierung von Inhalten werden daher immer wichtiger. Alternative Berichts- und Präsentationsformate wie interaktive Infografiken und -poster, Video-Dokus, Zielgruppenmagazine und andere kreative Ansätze, um Inhalte prägnant zu kommunizieren, sind daher auch in unserem Unternehmen bereits heute schon eher Regel als Ausnahme. 

Diese Art der Wissensaufbereitung und -vermittlung spiegelt aber auch eine weitere immer wichtiger werdende Kompetenz wieder – dem Kunden dabei zu helfen, die neuen Erkenntnisse in Aktivitäten und Entwicklungsprozesse zu übersetzen bzw. gewinnbringend in sein Unternehmen einzubringen. 

marktforschung.de: Und neben den fachlichen Kompetenzen. Was müssen die Marktforscher von heute und morgen mitbringen?

Olaf Marx: Interkulturelle Kompetenzen, Empathie, Sensibilität und Offenheit für andere Lebensentwürfe und Ambiguitätstoleranz fallen mir dazu ein. Gerade in Zeiten, die von wiedererstarkenden kulturellen Grenzziehungen einerseits und der Auflösung binärer Definitionen andererseits geprägt sind. Diversity gab es bei Happy Thinking People, wie sicher in vielen anderen Unternehmen, schon als es den Begriff so noch gar nicht gab. Wir sind seit jeher eine bunt gemischte Crew mit sehr individuellen Persönlichkeiten und unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. Eine derartige Personalstruktur hilft, vorurteilsfreier zu denken – eine wichtige Eigenschaft bei internationaler Forschung rund um den Globus. 

marktforschung.de: Im Moment ist in Personalabteilungen der Generationen-Shift in aller Munde. Welche neuen Fähigkeiten bringen die Millennials in die Arbeitswelt und vor welche Herausforderungen werden Arbeitgeber gestellt?

Olaf Marx: Der Generationen-Shift beschäftigt uns tatsächlich schon seit langem – sowohl in Bezug auf uns selbst als auch dadurch, dass wir für einige unserer Kunden Studien zur Gen Y und Z durchgeführt haben. Darunter interessanterweise auch Studien zum Thema Employer Branding und Führungsmodelle, beauftragt von den HR-Abteilungen unserer Kunden.

Auch wenn man vorsichtig sein muss, eine ganze Alterskohorte über einen Kamm scheren zu wollen – wir sehen, dass die jüngeren Generationen gleichzeitig pragmatisch und anspruchsvoll sind: sie wollen genau wissen, warum sie was lernen sollen und sind es gewohnt, das Lernen auch in die eigene Hand zu nehmen. Sie agieren viel stärker nach individuell definierten ethischen Gesichtspunkten und erwarten von einem Unternehmen, dass es Position zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen einnimmt. 

Die Sinnhaftigkeit der Arbeit, die Arbeitsatmosphäre, der Umgang miteinander, Selbstbestimmung und die Möglichkeit, immer wieder etwas Neues zu lernen sind für die jüngeren Generationen Hygienefaktoren. Und es gibt ganz klar eine größere Bereitschaft weiterzuziehen, wenn die genannten Parameter nicht stimmen oder sich woanders Chancen bieten, die eine sinnvollere Tätigkeit versprechen.

marktforschung.de: Sehen Sie auch Unterschiede zwischen den „Generationen“ auch beim Recruiting?

Olaf Marx: In Bewerbungsgesprächen rangieren Fragen, die sich die Generation X vor 15, 20 Jahren in einem solchen Gespräch nicht gewagt hätte zu fragen, ganz weit oben – etwa:  „Bietet ihr euren Mitarbeitern auch ein Sabbatical an – und ab wann?“ Gott sei Dank bieten wir Sabbaticals schon seit Beginn der 2000er Jahre an  – ursprünglich für langjährige Mitarbeiter. Seit mehreren Jahren sind Sabbaticals jetzt aber schon Teil unseres allgemeinen Mitarbeiter-Pakets und  können auch von Junioren bereits nach wenigen Jahren Unternehmenszugehörigkeit realisiert werden. Denn: Warum sollten wir einer engagierten Junior-Kollegin nicht etwas ermöglichen, was sie motiviert zurückkehren lässt und damit auch für uns als Unternehmen einen Mehrwert schafft? 

Spannend ist es bei uns zu sehen, wie die verschiedenen Generationen zusammenarbeiten. Natürlich gibt es, wie überall, Reibungspunkte – aber in der Summe schaffen wir es, glaube ich, ganz gut, dass die Kolleginnen und Kollegen der unterschiedlichen Generationen sich eher gegenseitig inspirieren und unterstützen, als sich in sinnlosen Generationskonflikten aufzureiben.

marktforschung.de: Herr Marx, wie motivieren Sie Ihre Mitarbeiter bei Happy Thinking People? 

Olaf Marx: In erster Linie sollten Mitarbeiter nach wie vor über die Arbeit an sich motiviert sein – also intrinsisch. Eine Tischtennisplatte und Freibier am Freitag sind natürlich eine feine Sache – aber wenn das Grundsätzliche fehlt, werden derartige Incentives langfristig eine Mitarbeiterfluktuation nicht verhindern können.

Benefits für unsere Mitarbeiter haben wir anders ausformuliert: Kultur des Vertrauens, Transparenz, weitestgehende Übertragung von Eigenverantwortung, individuelle Befähigung, kontinuierlicher Wissenstransfer, flexible Arbeitsmodelle, Sabbaticals usw.  

Für viele unserer Mitarbeiter sind zum Beispiel auch globale Projekte auf allen Kontinenten eine große Motivation und bieten die Chance, in andere Kulturen abzutauchen und als kultureller Übersetzer aktiv zu werden. 

marktforschung.de: Und wie sollten sich Arbeitgeber auf die sicherverändernde Arbeitswelt anpassen?

Olaf Marx: Es wird immer wichtiger, sich auf verschiedene persönliche Verhältnisse einzulassen– durch Home Office-Lösungen und flexible Arbeits- und Arbeitszeitmodelle, die weiter gehen als der Gesetzgeber es fordert. Zum Beispiel haben wir viele Mitarbeiter, die problemlos von Vollzeit zu Teilzeit und wieder in Vollzeit wechseln. So wie ein Mitarbeiter von uns, der derzeit auf 80 Prozent reduziert hat, um nebenbei Musik zu produzieren – aber in Kürze auch wieder voll arbeiten will. Flexible Modelle sind natürlich immer eine Herausforderung.

Auch das Weiterbildungsprogramm muss angepasst werden: Wir haben das interne Trainingsprogramm auf unterschiedlichste Bedürfnisse maßgeschneidert  – nach den Wünschen unserer Mitarbeiter, im Abgleich mit den Bedürfnissen unserer Kunden und den veränderten Anforderungen des Marktes.

Und: Trainingseinheiten finden bei uns nicht nur top down, sondern auch bottom up statt – denn insbesondere wenn wir von den nächsten Generationen sprechen, wird eines immer wichtiger: Einbezug und Vertrauen. Und ja: Auch ein Geschäftsführer kann viel von einem Trainee lernen. 

marktforschung.de: Und wie sieht der Alltag bei Happy Thinking People aus?

Olaf Marx: Auf einen typischen Tag hofft man hier eher vergeblich. Eines ist sicher: Es ist nie langweilig. Erst kürzlich sagte eine Kollegin aus Mumbai, die uns hier in Berlin im Rahmen eines Austauschprogrammes unterstützt hat: The best part is, it’s never boring working here at Happy Thinking People - almost every day is a nice surprise. Dieses Gefühl können sicher viele Marktforscher gut nachvollziehen.

Am Ende sind es, wie so oft,  vor allem auch die zwischenmenschlichen Kompetenzen, die uns ausmachen und hier zählen. Wir unterstützen uns abteilungsübergreifend auch bei Tätigkeiten, die nicht zum wesentlichen Arbeitsbereich gehören. Trotz mehrerer Standorte und trotz der Größe sind wir immer noch eine große Familie. Wie überall gibt es auch hier mal Zoff – und anschließend darf sich wieder vertragen werden.

marktforschung.de: Vielen Dank Herr Marx, dass Sie sich die Zeit genommen haben. 

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