Die junge Elite Chinas im Trend des Neo-Traditionalismus

Blog aus China

10.08.2017

In den bisherigen Beiträgen habe ich meist geschildert, dass chinesische Konsumenten in vielerlei Hinsicht sehr modern sind und sehr schnell neue globale Trends adaptieren. Heute möchte ich über den Gegentrend berichten: die zunehmende Rückbesinnung auf unsere eigenen chinesischen Werte und unsere traditionelle Kultur.

(Bild: Daylight Entertainment, der Produzent von “Ode to Joy”)

(Bild: Daylight Entertainment, der Produzent von “Ode to Joy”)


Ein aktuelles und anschauliches Beispiel ist die Diskussion, die kürzlich um die sehr populäre Fernsehsendung “Ode to Joy“ entbrannte. Die Serie ist so etwas wie die chinesische Version von “Sex and the City”. Die fünf Protagonistinnen leben in Shanghai, alle im selben Appartementhaus, und es geht im Wesentlichen um all das, was Frauen zwischen 20 und 30 so beschäftigt: Karriere, Liebe, Freundschaften, Aussehen.

“Ode to Joy“ und die Debatte um weibliche Keuschheit  

Eine der jüngsten Episoden hat in unseren sozialen Medien eine intensive Diskussion um die Keuschheit von Frauen (“Virgin Obsession“) und traditionelle chinesische Werte insgesamt ausgelöst. Es ging darum, dass Qiu Yingying, ein unbekümmertes und verschmitztes Mädchen aus der Provinz, von ihrem Freund Ying Qin verlassen wurde, als er herausfand, dass sie keine Jungfrau mehr ist. Die Reaktionen waren hitzig und gespalten: Die eine Fraktion fand es lächerlich, über voreheliche Keuschheit von Frauen in einer modernen Gesellschaft auch nur zu sprechen. Die andere begrüßte es, dass ein traditioneller chinesischer Wert thematisiert wurde, der nebenbei doch viel mehr Beachtung finden sollte.

Dazu passt übrigens eine Online-Umfrage des größten chinesischen Telekommunikationsanbieters Tencent aus 2016: Von 50.000 Teilnehmern, die zu ihren Liebesbeziehungen befragt wurden, antwortete knapp die Hälfte, sie würde es nicht stören, wenn der Partner schon Sex vor der Ehe hatte, während die andere Hälfte dies ablehnte. In der gleichen Befragung kam ebenfalls heraus, dass etwa ein Drittel der Befragten bekundete, mit ihrem aktuellen Partner einen Monat nach dem Kennenlernen die ersten sexuellen Kontakte gehabt zu haben (Quelle: http://www.chinadaily.com.cn/life/2017-06/06/content_29634150.htm).

Der Neo-Traditionalismus junger Chinesen

Es sieht also so aus, als ob es in der chinesischen Gesellschaft zwei Mindsets oder Identitätsmuster gibt, die sich vor allem bezüglich sexueller Freiheit und Geschlechterrollen ausprägen: Die eine Hälfte will modern sein und Teil einer globalen Wertegemeinschaft und Populärkultur. Ein Begriff wie Keuschheit ist für sie altmodisch und überflüssig. Die andere Hälfte hat eine starke chinesische Identität und findet es wichtig, auch heutzutage auf traditionelle chinesische Werte zu achten. Man erwartet natürlich, dass in dieser traditionalistischen Gruppe vor allem ältere Chinesen sind, die wenig in Berührung kamen mit globaler Kultur und Lebensstilen und stur fest halten wollen an allem Chinesischen. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn es gibt ebenso eine Gruppe von jungen Chinesen, die man als “Neo-Traditionalisten“ bezeichnen könnte. Leute, die zwar mit dem globalen postmodernen Lifestyle vertraut sind, diesen aber als oberflächlich, prinzipienlos und zu wenig gemeinschaftsorientiert kritisieren.

Diese kritische Haltung wurde bei vielen in den letzten Jahren auch durch den starken kulturellen Einfluss, den die süd-koreanische Unterhaltungskultur bei uns in China gewonnen hat, befördert. Viele chinesische Teenager sind ganz begeistert von den koreanischen Popstars und Kinofilmen. Koreanische Reality-Shows und TV-Dramen werden millionenfach im Internet verfolgt. Aber es gibt eben auch Leute, die das als “kulturelle Invasion“ und “Überschwemmung“ empfinden und die Werte, die hier transportiert werden als unpassend zu China. Unsere traditionellen chinesischen Werte wie Gemeinschaft und Kollektiv-Kultur, Respekt vor Älteren und Höhergestellten, Selbst-Disziplin und Bescheidenheit, erscheinen ihnen als die bessere Antwort auf heutige Herausforderungen und sie plädieren für eine Rückbesinnung auf diese Werte.

Staatliche Förderung traditioneller chinesischer Kultur

Und wie so oft in China gehen gesellschaftliche Entwicklungen Hand in Hand mit staatlicher Politik und man kann nicht so genau unterscheiden, was Henne und was Ei ist. So auch bei der Rückbesinnung auf unsere traditionelle Kultur.

Am 25. Januar dieses Jahres haben das Generalbüro der Kommunistischen Partei und der Staatsrat Instruktionen und Guidelines zu folgendem Thema veröffentlicht: “Meinungen über die Implementierung und Entwicklung des Erbes der großen chinesischen traditionellen Kultur.” (Quelle: http://news.xinhuanet.com/politics/2017-01/25/c_1120383155.htm). Darin wurden folgende vier Forderungen formuliert, die im Kontext des tiefen Wandels, den die chinesische Gesellschaft aufgrund ihrer Öffnung für die Welt und deren unterschiedlicher Ideologien und Kulturen gerade im digitalen Zeitalter erlebt, wichtig seien:

  • Mehr Anerkennung der Bedeutung der großen chinesischen traditionellen Kultur
  • Stärkung von kulturellem Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen
  • Mehr Beschäftigung mit unseren Werten und vor allem deren Wiederbelebung
  • Aktive politische Unterstützung für ein System zur Wiederbelebung unseres traditionellen kulturellen Erbes

Die chinesische Regierung scheint in Zukunft einen starken Fokus auf die Unterstützung der traditionellen chinesischen Kultur legen zu wollen. Wie diese Unterstützung aussehen wird, kann man sicher bald beobachten. Eine gewisse Routine haben wir ja in der Promotion von gesellschaftlichen Werten – bisher immer mit einem starken Fokus auf sozialistischen Werten. 2013 gab es dazu das letzte Update, bei dem folgende zwölf Werte als zentral definiert wurden:  Wohlstand, Demokratie, Höflichkeit, Harmonie, Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Recht, Patriotismus, Hingabe, Integrität, Freundschaft (Quelle: http://en.people.cn/90785/8493298.html).

(Quelle: GIM)

(Quelle: GIM)


Auf diese Werte hat sich die Propaganda in den letzten Jahren fokussiert, das heißt, man begegnete ihnen vielerorts: in den Medien, in Bildungseinrichtungen, an staatlichen Arbeitsplätzen, auf Gemeinschaftsflächen. Zur Illustration ein Foto von einem Schild, an dem ich auf dem Weg zur Arbeit immer vorbeikomme. Es appelliert an die Beachtung dieser Werte.

Wachsende Kommerzialisierung alter chinesischer Traditionen 

Die zunehmende Popularität chinesischer Traditionen lässt sich auch schön im Bereich populärer Apps ablesen. Laut der Statistiken von iiMedia nutzen bei uns in China 286 Millionen Personen Apps mit Themen aus der traditionellen chinesischen Kultur. Dazu gehören Apps über TCM (traditionelle chinesische Medizin), über chinesische Werte, über Geschichte und unsere alte Hochkultur, über unsere klassische Literatur und alte Kunst. Um ein konkretes Beispiel zu diesen beliebten Apps zu nennen: Letztes Jahr wurde am “Mitt-Herbst-Tag“ (einer der großen chinesischen Feiertage) auf Google Play die App “Shunli“ (chinesisch: 顺历) gelauncht.

 


Diese App integriert all die oben genannten Themen und zudem einiges zu alten Volksbräuchen und vor allem eine Orakelfunktion und einen Kalender, der so ähnlich wie ein Mondkalender Auskunft darüber gibt, welche Kalendertage für welche Tätigkeiten geeignet oder ungeeignet sind. Ende 2016 hatte diese App 100 Millionen User in 157 Ländern dieser Welt. Insgesamt geht es bei dieser App nicht nur darum, unsere bedeutenden alten Traditionen darzulegen, sondern ebenfalls darum, zu vermitteln, wie man das alles in den heutigen Alltag integrieren kann. Ein Beispiel: In China wurden 2016 17,5 Millionen Babys geboren. 60 Prozent der Eltern sagen, sie hätten für die Namensfindung recherchiert, welche traditionellen Bedeutungen Vornamen haben.

Aber die Kommerzialisierung findet nicht nur digital statt. Auch die chinesische Reiseindustrie ist voll darauf eingestiegen. So wurde im Frühsommer 2016 von der Wanda Group die “Wanda Kultur-Tourismus-Stadt Nanchang“ in der Jiangxi Provinz eröffnet. Wanda investierte 22 Milliarden Renminbi (knapp 3 Milliarden Euro) in diesen riesigen Freizeitpark, der unter dem großen Motto der historischen Jiangxi Kultur steht. Die Provinz Jiangxi liegt im Südosten Chinas und ist die Wiege der chinesischen Porzellan-Kultur. Der Park beherbergt auf 200 Hektar einen Outdoor Freizeitpark, einen überdachten Themenpark, Hotels, Restaurants, Shoppingbezirke und eben alles gestaltet mit Reminiszenzen an die kulturellen Traditionen von Jiangxi. So wurde etwa die Fassade der zentralen Mall gestaltet von Absolventen der Kunsthochschule von Jiangxi. Heraus kam ein blauweißes Teetassen-Wunder, das die spezielle Schönheit und den Reiz der Jiangxi-Keramik sehr augenfällig zur Geltung bringt. Zudem werden mit Hilfe von 3D-Darstellungen die Landschaften und historischen Monumente der gesamten Provinz Jiangxi auf das Gelände geholt. Unter anderem der berühmte Tengwang-Pavillon aus dem 7. Jahrhundert. Bei der Eröffnungsfeier des Parks sagte der Gründer von Wanda, Wang Jianlin, dass der Disney-Hype seinem Ende entgegengehe und dass es Zeit sei, Wanda und die chinesische Kultur als Nachfolger zu etablieren. Weitere kulturhistorische Freizeitparks von Wanda werden bereits gebaut (Quelle: http://paper.people.com.cn/zgcsb/html/2016-06/06/content_1685714.htm).

“Chinesische Poesie-Konferenz“ – der Fernseh-Wettbewerb fürs Gedichteschreiben

Klassische chinesische Poesie ist ein traditionelles Schulfach bei uns in China. Keiner hat groß Spaß daran, aber man braucht die Note, um weiter zu studieren. Das hat sich seit kurzem total geändert. Plötzlich entdecken chinesische Jugendliche (und auch Leute wie ich), dass in der klassischen Poesie ein großer Zauber steckt. Und das hängt mit einer Fernsehsendung zusammen, die seit Anfang dieses Jahres auf CCTV (China Central Television) läuft.

Die Sendung heißt “Chinesische Poesie-Konferenz“ und ist wirklich sehr beliebt. Siegerin der ersten Staffel war Wu Yishu, eine 16-jährige Highschool-Studentin aus Shanghai, die mit ihren Auftritten alle begeisterte. In Windeseile wurde sie zu einem Schüler-Idol und schaffte es vor allem, dass sich plötzlich Unmengen von chinesischen Schülern für klassische Gedichte interessierten. (Quelle: ifeng.com)

 

(Quelle: CNTV)

(Quelle: CNTV)



Ich selbst bin tatsächlich ebenfalls ein Fan dieser Sendung. Nach einer der Shows fühlte ich mich so zum Dichten inspiriert, dass ich mich hinsetzte und meiner Frau zum Geburtstag ein Gedicht in der klassischen Struktur der “Sieben-Zeichen-Oktave“ (mehr Details unter: https://en.wikipedia.org/wiki/L%C3%BCshi )  schrieb. Sie war so stolz und überrascht, dass sie ein Foto des Gedichts zusammen mit den anderen Geschenken in ihrem sozialen Netzwerk postete. Wir hatten das Gefühl, dass das Gedicht den Tag erst zu etwas ganz Besonderem machte. 

 



Ein anderes Phänomen, das in diese Richtung geht, ist die Abkehr von englischen Zweitnamen. Bisher war es ja immer so, dass sich jeder, der mit Ausländern zu tun hatte, einen internationalen (meist englischen) Zweitnamen gab. Man wollte dem Gegenüber nicht den schwierigen chinesischen Namen zumuten. Doch das wird immer weniger. Immer mehr junge Chinesen bleiben ganz selbstverständlich bei ihren chinesischen Namen.

Ausblick: China im Wertewandel

In der großen Werte- und Zukunftsstudie der GIM, “Value & Visions 2030” wurde für Deutschland der Trend “Re-Lokalisierung” konstatiert. Also eine Hinwendung zu lokalen Traditionen, zu den eigenen Wurzeln und Werten. Ein Trend, der eine Reaktion auf Globalisierung, Mobilität und internationaler Vereinheitlichung ist. Das alles betrifft uns Chinesen genauso und auch hier zeigt sich, dass die Menschen ein großes Bedürfnis nach einer neuen LOKALEN Heimat haben. Allerdings hat diese Heimat hier einen etwas anderen Charakter. Bei uns geht es sehr stark darum, sich von der globalen Welt zu differenzieren und eine eigene kulturelle Identität zu entwickeln. Es scheint sich um so etwas wie eine kulturelle und wärmende Schutzschicht gegen negative Effekte der Globalisierung zu handeln. Und diese wird eher in einer Nationalkultur und - geschichte gesucht als in kleinen lokalen Zusammenhängen.

 

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