"Presse und Medien haben nur ein einziges Kapital - die Glaubwürdigkeit"

Thomas Roth

27.11.2017

Am Sonntag fand in Köln die Lew-Kopelew Preisverleihung statt. Der Preis für Frieden und Menschenrechte ging an den türkischen Journalisten Can Dündar und den russischen Meinungsforscher Lew Gudkow. marktforschung.de sprach mit Ex-Tagesthemen Moderator Thomas Roth über seine Rolle als Vorsitzender des Lew-Kopelew Forums und über die Bedeutung dieser Auszeichnung.

(Bild: KSK Köln)

Thomas Roth, Lew Gudkow, Joachimg Gauck und Can Dündar bei der Verleihung des "Lew-Kopelew-Preises" (Bild: KSK Köln)

 

marktforschung.de: Herr Roth, Sie sind Journalist und Vorsitzender des Lew-Kopelew Forums. Was verbinden Sie mit dieser Tätigkeit und was bedeutet das Lew-Kopelew Forum für Sie?

Thomas Roth: Als Vorsitzender des Lew Kopelew Forums versuche ich dazu beizutragen für die Werte  zu kämpfen, die in einer sehr unruhigen Zeit als Orientierung dienen können - so wie es L Kopelew getan hat: Pressefreiheit, eine offene Gesellschaft und eine Zukunft in einem friedlichen Europa. Kopelew musste dafür in den GuLag und ins Exil. Insofern ist es auch ein Ringen um das Erinnern in einer extrem schnelllebigen Zeit. Aber nur aus dem Erinnern erwächst auch die Kraft, eine friedliche Zukunft zu entwickeln. Das bedeutet mir sehr viel.

marktforschung.de: Der russische Meinungsforscher Lew Gudkov erhält dieses Jahr – gemeinsam mit Can Dündar – den Preis für Frieden und Menschenechte. Wie ist es zu dieser Auswahl gekommen?

Thomas Roth: Gerade in diesem Jahr, in dem in vielen Ländern die freie Rede und das unabhängige Denken durch den Druck autoritärer Machthaber und Populisten in Gefahr ist, schien es uns wichtig, dies ins Zentrum unserer Auswahl der Preisträger zu stellen. Das gilt für Russland, aber zum Beispiel auch für die Türkei. Deshalb wird der mittlerweile nach Gefängnishaft im deutschen Exil lebende türkische Journalist Can Dündar ebenfalls als Preisträger ausgezeichnet. Lew Gudkow, der renommierte Soziologe und Direktor des letzten unabhängigen Meinungsforschungsinstituts “Lewada-Zentrum“ in Russland, ist ein Beispiel für mutiges Ringen um eine unabhängige Wissenschaft, die sich nicht in den Dienst autoritärer staatlicher Strukturen nehmen lässt. Es ist insofern auch ein Ringen um die demokratische Zukunft Russlands.

Thomas Roth (Bild:Lew-Kopelew Preisverleihung, Kreissparkasse Köln)

Thomas Roth bei der Ankündigung der Preisträger (Bild:Lew-Kopelew Preisverleihung, Kreissparkasse Köln)

marktforschung.de: Sie waren selbst als Korrespondent in Johannesburg und anschließend viele Jahre als Leiter des ARD Studios in Moskau tätig – welche Erfahrungen haben Sie in Bezug auf die Pressefreiheit dort gesammelt?

Thomas Roth: Presse und Medien haben nur ein einziges Kapital - die Glaubwürdigkeit. Meine Erfahrung war, dass Pressefreiheit immer dann unter Druck gerät, wenn, wie in dem damals schon ausgehöhlten Apartheidssystem in Südafrika, aber auch in dem autoritären System in Russland, die Machthaber in der freien Presse eine Gefahr für sich selbst sehen. Entsprechend reagieren sie. Man muss mit Beharrlichkeit und List dagegen angehen. Das kostet Kraft, aber für eine glaubwürdige Presse gibt es keine Alternative.

marktforschung.de: Haben Sie während Ihrer journalistischen Tätigkeit in Russland auch Drohungen erhalten? 

Thomas Roth: Nein, ich wurde in Russland niemals direkt bedroht. Erfahrungen mit Hassmails und Beschimpfungen habe ich erst später gemacht. Allerdings aus meiner Wahrnehmung weit weniger als andere Kollegen und insbesondere Kolleginnen wie Golineh Atay, Dunja Hajali oder die NDR Kollegin Anja Reschke. Ich selbst habe versucht, nachvollziehbare Kritikpunkte herauszufiltern und darauf zu antworten. Einlassungen an oder unter der Gürtellinie habe ich ignoriert und tue das bis heute. Es ist wichtig, das nicht direkt an sich heranzulassen. Dabei helfen gute KollegInnen und Freunde.

marktforschung.de Wie hat sich die Situation für Journalisten im Kreml seit Ihrer Rückkehr nach Deutschland entwickelt?

Thomas Roth: Wie die Kollegen berichten ist zumindest die ausländische Presse bis jetzt weitgehend frei von ganz direktem staatlichem Druck. Das könnte sich mit dem neuen Gesetz über “ausländische Agenten“ allerdings ändern. Viele Angriffe gegenüber der kritischen Berichterstattung spielen sich im Netz ab. Es ist nicht immer klar, ob es sich dabei um Trolle aus Russland oder um Kritik aus Deutschland handelt. Es gibt bis hin zu Drohungen sicher beides.

marktforschung.de: Was empfehlen Sie Meinungsforschern und Journalisten, wenn Sie sich in Russland aufhalten?

Thomas Roth: Meine Empfehlung ist so gut wie möglich immer mit offenen Karten zu spielen - auch wenn das manche Projekte verunmöglicht. Langfristig scheint mir das im Interesse der Glaubwürdigkeit das Beste. 

marktforschung.de: Was glauben Sie – wird sich die Lage in Russland in den nächsten Jahren weiter zuspitzen oder gibt es Hoffnung auf Besserung?

Thomas Roth: Vorhersagen für Russland mache ich nicht. Die Schwäche der Opposition, die sich seit Jahren schwer tut, einheitliche Positionen zu finden, legt aber zumindest kurzfristige Veränderungen nicht nahe. Das bestätigen auch die Analysen von Lew Gudkows “Lewada-Zentrum“. Dazu kommt natürlich der umfassende staatliche Druck, der potentiell aussichtsreiche Oppositionelle wie etwa Alexeij Nawalny immer wieder ins Gefängnis bringt. Oder letztlich unaufgeklärte Morde und deren Hintermänner wie der an dem charismatischen Oppositionellen Boris Nemzow unmittelbar in der Nähe des Kreml. Das schafft Einschüchterung. Die staatlich kontrollierten Fernsehsender schaffen zusätzlich Stimmungsmache gegen Oppositionelle als “fünfte Kolonne“ und schüren Vorurteile. Das alles zusammen legt derzeit keine großen Veränderungen nahe. Im Übrigen gilt: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

marktforschung.de: Herr Roth – Sie sind nun seit einem Jahr im Ruhestand. Vermissen Sie Ihre Arbeit bei den ARD-Tagesthemen?

Thomas Roth: Natürlich vermisse ich ein wenig die Arbeit bei den Tagesthemen. Alles andere wäre womöglich auch seltsam. Andererseits freue ich mich sehr über die ausgezeichnete Arbeit meines Nachfolgers Ingo Zamperoni. Ich finde da ist der ARD im Sinne unserer Zuschauer an prominenter Stelle ein sehr guter Generationswechsel geglückt. Das freut mich sehr und zeigt, dass wir das hinbekommen, auch wenn es nicht immer prominent in der Zeitung steht, um es mal so zu sagen.

marktforschung.de: Wie sieht ihr nächstes persönliches Projekt aus?

Thomas Roth: Ich sammele viele Ideen und bin selbst gespannt, was sich daraus entwickelt. Aber ich genieße es auch sehr nach einem ziemlich langen - und gelegentlich stressigen - Reiseleben mehr Zeit für  meine Nächsten und meine Freunde zu haben. Das ist vielleicht das größte Geschenk.

Das Interview führte Maike Alvarado

 

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