"Empathie kann man nicht im App-Shop kaufen"

Frauen in der Marktforschung

Im Rahmen unserer Serie "Frauen in der Marktforschung" sprachen wir mit Susanne Schöttmer, Managing Director des Schöttmer-Instituts, über Selbstoptimierung, Klischees und ständige Erreichbarkeit.

Susanne Schöttmer ©Susanne Schöttmer

Susanne Schöttmer ©Susanne Schöttmer

marktforschung.de: Sie haben BWL und Kommunikationswissenschaft studiert. Wollten Sie von Anfang an in die Marktforschung gehen?

Susanne Schöttmer: Ganz ehrlich? Nicht direkt. Als BWLer träumte man damals von einer Karriere als Unternehmensberater. Oder von einem tollen Marketing-Job. Kommunikationswissenschaften habe ich studiert, weil man das gut mit BWL kombinieren konnte. Als Ziel dieses Studienganges stellte ich mir eine Karriere als TV-Moderatorin von anspruchsvollen Talkshow-Formaten oder Nachrichtenjournalistin vor. Als ich dann gemerkt habe, dass man in der Marktforschung alle Skills, die ich im Studium gelernt habe, sehr gut gebrauchen kann und ich schon immer selbständig werden wollte, hat mich einer meiner Mentoren davon überzeugt, in die Marktforschung zu gehen. Heute berate ich Unternehmen unter anderem bei Themen, die der strategischen Unternehmensführung zuzuordnen sind, sowie bei Marketingfragen. Ich moderiere Talkrunden und Workshops und ermittle Insights mit News Value. Mission completed.

marktforschung.de: Welche Eigenschaften braucht man, um sich als Frau in der Branche durchzusetzen?

Susanne Schöttmer: Um mal in der Klischeekiste zu wühlen (es erscheint mir aber nicht ganz falsch): Da man Empathie nach wie vor nicht im App-Shop kaufen kann, sehe ich für Frauen in der Marktforschung keinen Nachteil gegenüber den Männern – manchmal eher im Gegenteil. Grundsätzlich ist es aber eine persönliche Frage, ob ich mich überhaupt durchsetzen will oder ob mich ein ruhiger Job auf Projektleiterebene nicht viel glücklicher macht. Und welche Ziele ich sonst so in meinem Leben habe.

marktforschung.de: Sie arbeiten Seite an Seite mit Ihrem Mann. Wie schaffen Sie es, Berufliches und Privates zu trennen?

Susanne Schöttmer: Wir schaffen das – aber es bleibt eine tägliche Herausforderung. Wir sind vom Charakter eher unterschiedlich und haben verschiedene Begabungen und Interessen. Daher ergänzen wir uns sowohl geschäftlich als auch privat sehr gut. Im Beruf harmonieren wir zum Beispiel eher mit verschiedenen Kunden und sind im Unternehmen für jeweils andere Bereiche verantwortlich. Im Privaten können wir uns darauf verlassen, dass je nachdem wieviel Aufmerksamkeit die Familie gerade braucht, der andere den Rücken freihält. Da uns die Familie und die Unabhängigkeit, die man braucht, um das erfolgreich zu leben, sehr wichtig sind, haben wir uns vor 20 Jahren entschlossen, die Firma meines Schwiegervaters zu kaufen und uns selbständig zu machen. Ein Modell, das wir empfehlen können.

marktforschung.de: Wir leben in Zeiten ständiger Erreichbarkeit. Wie gehen Sie damit um?

Susanne Schöttmer: Inzwischen lese ich keine geschäftlichen E-Mails mehr in der Familienzeit und am Wochenende. Und meine Handynummer haben nur ganz wenige berufliche Kontakte. Als selbständige Unternehmerin arbeite ich aber selbst und in gewisser Weise auch ständig – wenn es sein muss auch im Urlaub. Ich habe andere Freiheiten, die es wert sind, das zu tun.

marktforschung.de: Sind Frauen durch die oft vorhandene Doppel- oder sogar Dreifachbelastung (Familie, Job, Haushalt) besonders gefährdet? Sehen Sie Auswege?

Susanne Schöttmer: Absolut – und der Ausweg ist ein professionelles Zeit- und Ressourcenmanagement. Soweit die Theorie … In der Praxis glaube ich, dass die drei verschiedenen Rollen ein besonders breites Spektrum an Erfahrungen ermöglichen, die ich wiederum in meinen Job einbringen kann. Meine privaten Erfahrungen machen mich sensibel und ich kann mich gut in unterschiedliche Lebensmodelle einfühlen, in gesellschaftliche Strömungen und die ganz profanen Anforderungen des Alltags. Und das gilt nicht nur für mich, sondern für jedes Multitasking-Lebenskonzept – ob von einer Frau oder einem Mann gelebt. Wichtig ist dabei nur, die Balance nicht aus den Augen zu verlieren.

marktforschung.de: Stichwort Selbstoptimierung: Heutzutage gilt es ja als verbreitetes Phänomen, dass gerade Frauen es damit leicht übertreiben. Wie ist das bei Ihnen?

Susanne Schöttmer: Ich habe vermutlich alles ausprobiert – schließlich bin ich Marktforscherin. Das Thema Selbstoptimierung mit Lebensmitteln und digitalen Helfern beschäftigt mich im Rahmen verschiedener Projekte und da lerne ich täglich von unseren Befragten. Sobald ich weiß, was da am besten funktioniert, sage ich Ihnen bei Interesse gern Bescheid!

marktforschung.de: Gerade wird ja viel darüber geredet, wie Frauen sich gegenseitig pushen und kooperieren können. Wie ist es bei Ihnen: Haben Sie Frauen besonders im Fokus, um sie bei Bedarf zu fördern?

Susanne Schöttmer: Ich habe gute empathische Marktforscher und -berater im Fokus und die fördere ich sehr gern. Männer bedürfen da einer anderen Unterstützung als Frauen. Und weil wir vorhin über Doppel- und Dreifachbelastung von vielen Frauen sprachen: Es ist lebensnotwendig, sowohl im Beruf als auch privat, seine Claims abzustecken und nicht immer "Ja" zu sagen – weder beruflich noch privat. Wir haben MitarbeiterInnen mit Familie besonders gern im Team, die beide Aufgaben als wichtige persönliche Ziele definieren. Sie schöpfen aus beidem Kraft, sind einfallsreich, Organisationsprofis, pragmatisch, finden immer eine Lösung – und unterm Strich profitieren alle.

marktforschung.de: Gab es eine Person, die Sie bei Ihrem Werdegang gefördert hat? 

Susanne Schöttmer: O ja, zum Beispiel jener Mentor, der erkannt hat, dass ich gut in die Marktforschung passe und mich von ihr begeistert hat. Die "Start-Up"-Mentalität meines ersten Arbeitgebers war einzigartig und hat mir neben viel Erfahrung auch viel Spaß geschenkt. Das kalte Wasser, in das ich dort öfter eintauchen durfte, war sehr erfrischend (was bei den durchgearbeiteten Nächten auch notwendig war), und weggegangen bin ich mit vielen neuen methodischen und praktischen Fähigkeiten. Seit ich zusammen mit meinem Mann ein eigenes Unternehmen führe, haben mehr und mehr Kunden meine weitere Entwicklung geprägt. Auch das ist nicht zu unterschätzen, wenn man von richtig guten betrieblichen Marktforschern im positiven Sinne herausgefordert wird.

marktforschung.de: Sind Sie Mitglied in einem Frauen- oder gemischten Netzwerk? 

Susanne Schöttmer: Sowohl als auch. In Frauennetzwerken herrscht eine andere Stimmung. Konkret bin ich ab und zu bei Veranstaltungen der WBL (Women's Business Lounge) zu finden ohne wirklich dort organisiert zu sein. Da geht es sehr offen zu, sehr direkt und sehr persönlich – drei Eigenschaften, die ich gerne mag.

marktforschung.de: Wo holen Sie sich neue Inspirationen für den Job?

Susanne Schöttmer: Im Leben – und auf Digital-Messen wie der Online Marketing Rockstars, auf Events in Beta-Häusern oder Coworking-Spaces, in denen man inspirierende Menschen mit Ideen trifft, im Supermarkt und durch viel lesen, sowohl online als auch offline.

Veröffentlicht am: 05.06.2018

 

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