"Die Wahlentscheidung sollte nicht auf der Angabe eines Tools gründen"

19.09.2017

Vergangenen Freitag veröffentlichte marktforschung.de eine Studie von Webfrager und Nordlight Research über abweichende Wahlergebnisse bei den beiden Wahlhelfer-Tools Wahl-O-Mat und Wahl Navi. Wie es zu solch eklatanten Unterschieden kommen kann, erklärt Thomas Donath, Geschäftsführer von Nordlight Research.

Thomas Donath (Bild: Nordlight Research)

marktforschung.de: Digitale Wahlhelfer beeinflussen viele Bürger bei ihrer Wahlentscheidung –  ist ein objektiver Parteien - Vergleich überhaupt noch möglich?

Thomas Donath: "Noch“ würde ja bedeuten, dass ein objektiver Vergleich früher (bereits) möglich war. Meiner Ansicht nach ist ein objektiver Vergleich grundsätzlich ein extrem aufwändiges Unterfangen. Hierzu müssten die Parteiprogramme sowie auch Positionen und Entscheidungen nach der letzten Wahl systematisch verglichen werden. Welcher einzelne Bürger tut dies schon oder könnte dies leisten? Die Wahlautomaten sind in diesem Kontext unseres Erachtens nach eine Erweiterung der Möglichkeiten eines Vergleichs, können somit Objektivität steigern und Wähler zum Nachdenken anstoßen - insbesondere wenn die favorisierte Partei eine geringe Übereinstimmung hat oder eine andere, bislang nicht gewählte Partei größere Übereinstimmungen hat.

marktforschung.de: Wie erklären Sie sich diese erheblichen Unterschiede bei den Ergebnissen der verschiedenen Anbieter?

Thomas Donath: Beide Ansätze haben unterschiedliche Fragenkataloge, die Antwortkategorien sind unterschiedlich, die Priorisierung einzelner Themen ist abweichend umgesetzt und letztlich ist auch die Analyse der Antworten unterschiedlich – soweit wir dies aus der Dokumentation ableiten können. Insofern handelt es sich um zwei gänzlich unterschiedliche Testverfahren (im Sinne einer Diagnostik), die entsprechend auch zu unterschiedlichen Ergebnissen bzgl. der Übereinstimmung mit Parteien kommen.

marktforschung.de: Der Wahl-O-Mat wird laut ihrer Studie seriöser eingestuft als das Wahl-Navi – was sind Ihrer Meinung nach die Ursachen dafür?

Thomas Donath: Wir haben die Nutzerinnern und Nutzer um eine Begründung ihrer Präferenz gebeten. Folgende drei Punkte wurden häufiger genannt.

•Die Übereinstimmung mit der eigenen Parteipräferenz war beim Wahl-O-Mat häufiger gegeben. Das Ergebnis und damit der Wahl-O-Mat wirken daher auf eine etwas größere Zahl von Nutzern seriöser.

•Der Wahl-O-Mat ist bereits seit vielen Jahren etabliert und wird wiederholt als "neutraler“ eingestuft. 

•Im Wahl-Navi gab es begleitende Fragen (Postleitzahl, Bewertungen von Politikern), an denen sich ein Teil der Nutzer störte.

Diese Punkte zahlen sicherlich auf den etwas seriöseren Eindruck des Wahl-O-Mat ein.

marktforschung.de: Welche Handlungsempfehlung geben Sie Wählern, die solche Tools als Entscheidungshilfe nutzen?

Thomas Donath: Man sollte seine Wahlentscheidung nicht auf die Angabe eines einzelnen Tools gründen. Die Wahlautomaten stellen jedoch eine sehr interessante Ergänzung dar. Die Wahlautomaten können helfen, die eigene Parteipräferenz zu hinterfragen und ein Verständnis für die politische Landschaft zu entwickeln, indem man sich strukturiert mit Parteipositionen beschäftigt und hierbei alle Parteien in die Analyse einbezogen werden. 

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