"Früher war mehr Familie"

Über die Lebens- und Wertewelt von AfD-Sympathisanten

09.05.2017

Europaweit suchen Meinungsforscher derzeit nach Erklärungen für die wachsende Faszination rechtspopulistischer Parteien und Politiker. Was begeistert Menschen an Le Pen, Hofer, Wilders und Co.? Hierzulande ist es die AfD, die einige Fragen aufwirft: Wer sind ihre Wähler und Sympathisanten? Wie denken, leben und fühlen sie? Und was bewegt sie zur Stimmabgabe?

Menschen auf einem Zebrastreifen (Bild: Dollars - fotolia.com)

Über die Lebens- und Wertewelt von AfD-Sympathisanten (Bild: Dollars - fotolia.com)


Von Ruth Anna Wakenhut und Sophie Vogt

Durch mehrere Umfragen zur AfD, zum Beispiel die aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft, haben wir einiges über Einkommensverhältnisse oder Bildungsniveau gelernt und wissen inzwischen, dass wir es eben nicht mit einer bildungsfernen, gesellschaftlichen Randgruppe zu tun haben. Auf der Suche nach weiteren Antworten haben Kernwert und pollytix strategic research eine gemeinsame qualitative Online-Studie durchgeführt. Ziel war es, ergänzend zu existierenden quantitativen Daten, im direkten Austausch mit der Wählergruppe, ein tieferes Verständnis für Wertevorstellungen und Lebenswelten zu erhalten. 

Für die Studie diskutierten die Moderatoren von pollytix über einen Zeitraum von zehn Tagen mit einer Gruppe von 32 AfD-Sympathisanten intensiv über verschiedene gesellschaftliche Themen. Die bundesweit gestreuten Teilnehmer mit einem guten Mix in Bezug auf Alter, Einkommen, Geschlecht und Bildung wurden entsprechend ihrer Nähe zur AfD unterschieden: Von potenziellen AfD-Wählern (können sich grundsätzlich vorstellen AfD zu wählen, würden momentan aber eine andere Partei wählen), über unsichere AfD-Wähler (gehen eventuell nicht zur Wahl gehen oder wählen doch eine andere Partei) bis hin zu sicheren AfD-Wählern (gehen auf jeden Fall zur Wahl und wählen auf jeden Fall AfD).

Einstellungen und Verhaltensweisen im Kontext verstehen

Die qualitative Forschung legt den Fokus auf einen offenen Austausch: Wenn wir Handeln verstehen und erklären möchten, kommt es auf die Binnensicht der Menschen an. Insofern war es wichtig den Studienteilnehmern auf Augenhöhe zu begegnen und Möglichkeiten für einen natürlichen, authentischen Austausch zu schaffen. Da sozial erwünschtes Antwortverhalten oftmals den Zugang zur Gruppe der AfD-Sympathisanten erschwert, bot sich eine anonyme, geschützte Online-Umgebung in besonderem Maße an und so wurde die Studie mit der qualitativen Onlinemethode "Ethno Insight Lab" umgesetzt. Das Lab ist ein mehrphasiger Ansatz, der von Kernwert entwickelt wurde und der bislang vor allem im Bereich der Konsumentenforschung eingesetzt wird –  im Rahmen der AfD-Studie fand er erstmals auch Anwendung im Bereich der Politikforschung.

Das Ethno Insight Lab kombiniert ethnographische Elemente, gezielte individuelle Fragen und den Austausch innerhalb der Community und soll so zu einem umfassenden, tiefen Verständnis von Einstellungen, Wertewelten und Entscheidungskontexten verhelfen. Zudem ermöglicht das zirkuläre Vorgehen, die während der Feldzeit gewonnenen Erkenntnisse zu vertiefen. 

Das Lab basiert auf der Grundidee einer rollenden Planung, der Studienleitfaden ist relativ offen und flexibel, sodass Learnings aus den ersten Tagen der Feldzeit aufgegriffen werden können. 

Im Rahmen der AfD-Studie stand in der ethnographischen Phase das Verständnis für die Lebenswelt der Gruppe im Vordergrund: Durch ein tägliches Stimmungstagebuch, das Aufzeichnen einer typischen Woche und der Dokumentation der individuellen Mediennutzung konnte ein umfassender Einblick in das alltägliche Leben gewonnen werden. In den individuellen Aktivitäten wiederum äußerten sich die Teilnehmer dann ganz konkret zu bestimmten Themen: So erstellten sie etwa Collagen zur ihrer Zukunftsvision oder bewerteten mit Hilfe eines Videotools die Neujahrsansprache von Angela Merkel. In der Community-Phase wurden die Themen in der Gruppe reflektiert und einzelne Aspekte intensiv diskutiert. 

Durch die Verbindung der verschiedenen Aufgabentypen konnte eine abwechslungsreiche und motivierende Umgebung für die Teilnehmer geschaffen werden. Der überwiegende Teil der Teilnehmer war während der gesamten Feldzeit motiviert und interessiert dabei und antwortete detailliert auf die Fragen der Moderatoren; neben Textbeiträgen wurden auch zahlreiche Bilder und Collagen erstellt. Die Moderation von Themen mit hohem Konfliktpotenzial kann herausfordernd sein, hier ist viel Fingerspitzengefühl und Diplomatie gefragt. Grundsätzlich war die Gesprächsatmosphäre auf der Plattform entspannt, die Teilnehmer fühlten sich gehört und äußerten sich entsprechend offen und ehrlich.

Insgesamt konnte so ein umfassenderes Bild der Lebenswelt der AfD-Sympathisanten gewonnen werden. 

Verlauf der Studie (Bild: Kernwert)

 

Ausgewählte Ergebnisse 

Insbesondere die ethnographische Phase offenbarte ein traditionelles Umfeld sowie eine große Bedeutung von Familie und Freunden. Geselligkeit erwies sich als wichtiger Fixpunkt im Leben der Befragten. Zudem engagiert sich etwa ein Drittel ehrenamtlich auf lokaler Ebene, etwa in Sportvereinen, für lokale Hilfsprojekte, Tierschutzvereine oder in der Kirchengemeinde. 

Der dokumentierte Medienkonsum lässt sich als durchschnittlich bezeichnen, Fernsehen, Radio und Tageszeitungen sind die wichtigsten Informationsquellen: Neben Tagesschau, verschiedenen Polit-Talkshows, Wochenzeitschriften wie Focus oder Stern wurden auch regelmäßig lokale Zeitungen genannt. Im Rahmen der Studie hielten die Teilnehmer einzelne Meldungen und Themen fest, die ihnen besonders wichtig waren und kommentierten diese. Grundsätzlich wurde hier ein breites Themenspektrum aus In- und Ausland abgedeckt, entsprechend der allgemeinen Nachrichtenlage, von Donald Trump über Sportergebnisse bis zum Erdbeben in Italien. Nur bei der Teilgruppe der sicheren AfD-Wähler wurde ein stärkerer Fokus auf das Thema Flüchtlingspolitik deutlich. 

Die Nachrichtenlage beeinflusst allerdings nicht die Stimmung der Teilnehmer, auch negativ empfundene Meldungen reichten nicht in den Alltag hinein. Im Rahmen eines täglichen Stimmungstagebuchs hielten die Teilnehmer ihre Gemütsverfassung fest: Sie schrieben über kleine alltägliche Freuden und Sorgen, sowie Erfolge und Niederlagen in der Arbeit, das Wetter oder Ereignisse in der Familie. Überraschenderweise war bei allen Teilnehmern die Stimmung die Woche über stabil positiv. 

Pessimistischer Blick auf die Zukunft

Doch auch wenn die Studienteilnehmer mit ihrem gegenwärtigen Leben im Alltag zufrieden sind, blicken sie dennoch sehr besorgt Richtung Zukunft: Angst vor Altersarmut, Arbeitslosigkeit, Angst um die Zukunft der Kinder aber auch Angst vor Terror und Kriminalität bestimmen ihre Zukunftsvision. Eine typische Aussage lautete: "Keiner weiß, was kommt. Ich denke, dass die jetzige Situation eher Angst macht, als dass sie Anlass zur Freude gibt."

Auch wenn Art und Ausmaß der Aufnahme von Geflüchteten kritisiert wurden und immer wieder Vorurteile gegenüber dem Islam deutlich wurden, spielten diese Sorgen im Vergleich zu Ängsten bezüglich der eigenen ökonomischen Situation und eines allgemeinen gesellschaftlichen Wandels eine eher untergeordnete Rolle. Offensichtlich sind die Sorgen wegen des Zuzugs von fremden Menschen und neuer kultureller Einflüsse nur weiterer Ausdruck einer bereits existierenden Angst vor Veränderungen.

Darüber hinaus zeichnen sich die Studienteilnehmer durch eine starke Sehnsucht nach vergangenen Zeiten aus. Der Blick zurück ist voller Wehmut, früher war nicht nur die politische und wirtschaftliche Lage besser, sondern auch der soziale Zusammenhalt. Mit der Aussage: "Früher war mehr Familie", brachte ein Teilnehmer seine Gefühlslage auf den Punkt. 

Misstrauen gegenüber gesellschaftlichen Akteuren

Besonders interessant waren die Ergebnisse zur Wertehaltung der Befragten: Hier zeigt sich eine starke Orientierung an traditionellen Werten wie Sicherheit, Gesundheit, Geborgenheit, Höflichkeit, Fleiß oder Pflicht. Soziale, kreative oder Erlebniswerte wie beispielsweise Empathie, Toleranz, Mut, Kunst/Kreativität, Neugierde oder Genuss spielen keine Rolle. Diese Werte, die in modernen, globalisierten Gesellschaften besonders betont werden, wurden von keinem der Teilnehmer als relevant genannt. Daraus ergibt sich ein stark empfundener Bruch zwischen den persönlichen Werten und der Gesellschaft und ihren Institutionen. Das tiefe Misstrauen, das gegenüber diesen Institutionen empfunden wird, scheint eine logische Konsequenz zu sein. Insbesondere Politiker, Medien, Unternehmen und die Kirchen werden als wenig glaubwürdig wahrgenommen. Typische Zitate, die diese Einstellung wiedergeben, sind: "Politiker sind gekauft und wirtschaften in die eigene Tasche, sind machtgeil und geldgierig" sowie "Medien sind nicht unabhängig und wenig glaubwürdig". Interessanterweise zweifeln die Studienteilnehmer jedoch nicht die Relevanz der gesellschaftlichen Akteure an sich an, sie werden durchaus als (mehr oder weniger) wichtig für die Gesellschaft angesehen (siehe Abbildung 3). Je größer und undurchschaubarer ein gesellschaftlicher Akteur ist, desto weniger vertrauenswürdig ist er, wie beispielsweise folgendes Zitat zeigt: "Der einfache Pfarrer ist volksnah, die Kirche schwebt über den Wolken".

Glaubwürdigkeit (Bild: Kernwert)

 

Erwartungen an die AfD 

Im Rahmen der individuellen Aufgaben konnten die Teilnehmer ihre persönliche Parteienlandschaft auf einem Koordinatensystem darstellen und dabei angeben, inwiefern die jeweilige Partei die eigenen Werte vertritt und ob sie die Bundeskanzlerin/ den Bundeskanzler stellen sollte. Die AfD wird eher als Denkzettel für die etablierten Parteien gesehen, weniger als echte Alternative für die Regierung. "Meine Protestpartei gegen die etablierten, eingefahrenen und stur auf ihrem Weg bestehenden Parteien", beschreibt einer der Teilnehmer die AfD. Die Erwartung an die AfD ist, den Stein ins Rollen zu bringen und das Parteiengefüge in Bewegung bringen. Dabei wird der AfD kaum Regierungskompetenz zugetraut und eine zu große politische Mitsprache ist gar nicht erwünscht: "Solange sie so um die 10 bis 12 Prozent haben kann nichts passieren, sie sollen nur die anderen aus ihrer Wohlgefälligkeit und Selbstherrlichkeit herausholen." 

Bundeskanzler und Wertvorstellungen (Bild: Kernwert)

 

Die Autorinnen

Ruth Anna Wakenhut, Sopie Vogt; Kernwert

 

Ruth Anna Wakenhut ist Soziologin und Head of International Business bei Kernwert. Sophie Vogt ist Anthropologin und Online Research Consultant bei Kernwert. Der Artikel entstand in Zusammenarbeit mit pollytix strategic research.

Kommentare (2)

  1. Petra Kemmerzell vor 3 Wochen
    Eine sehr lesenswerte Studie mit klug durchdachtem Studiendesign und erhellenden Ergebnissen. Gerne mehr davon :-)
  2. Angelika Engelhard vor 2 Wochen
    Sehr interessanter Artikel; der Studien-Ansatz wirkt sehr schlüssig und tiefschürfend; so kann ich mir vorstellen, auch online qualitative Studien durchzuführen!

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