Leben nach dem D(S-GVO)-Day

Claudia Dubrau, AGOF

Der große Tag ist endlich da: Seit dem 25. Mai 2018 ist die Datenschutz-Grundverordnung der Europäischen Union bindendes Recht geworden. Wie geht es Ihnen nach dem großen Stichtag? Etwas erschöpft oder aus der Puste?

Claudia Dubrau, AGOF ©AGOF

Claudia Dubrau, AGOF ©AGOF

Verwundern würde es mich nicht. Die letzten Wochen waren bei Ihnen sicher sehr arbeitsreich und intensiv. Seitenlange To-Do Listen galt es abzuarbeiten, Unterlagen aller Art zu aktualisieren, Erklärungen zu erstellen und Verfahren, Abläufe und Prozesse anzupassen. Da blieb kaum Zeit zum Luftholen. Besonders zeitraubend und anstrengend: Die vielen Fragezeichen, die scheinbar täglich neu aufgetaucht- und immer noch offen sind. Denn in vielen Punkten bleibt die neue Verordnung vage und lässt jede Menge Interpretationsspielraum. Wo muss wirklich gehandelt werden und wo nicht? Und wenn ja, in welchem Umfang? Für viele Fragen gibt es (bisher) keine eindeutige und verlässliche Lösung.

Diese Verunsicherung ließ sich im ganzen Markt spüren. Das Ergebnis: Kurz vorher und am 25.Mai selbst fluteten unzählige E-Mails mit der Bitte um ein eindeutiges Opt-In oder ggf. ein Opt-Out die Postfächer. Viele wollten sich mit einem Opt-In lieber einmal zu viel absichern, während andere darauf hinwiesen, dass sie auch weiterhin Informationen auf der Grundlage des "berechtigten Interesses" verschicken würden, dabei aber nochmal nachdrücklich ihr Opt-Out betonten. Die Folge war: Beratungsangebote aller Art, in Form von Artikeln, Leitfäden, Webinaren und mehr, schossen kurz vor dem Stichtag wie Pilze aus dem Boden – zu den unterschiedlichsten Aspekten und leider auch in sehr unterschiedlicher Qualität.

Aber wir haben es geschafft. Der D(S-GVO)-Day ist vorbei und wir atmen sicher alle einen Moment erst einmal durch und lehnen uns vorsichtig zurück.

Doch ich fürchte, diese Pause wird nur von kurzer Dauer sein. Denn das Leben nach dem Stichtag wird sicher kaum weniger anstrengend oder kompliziert. Wir haben nur die erste Etappe geschafft. Denn auch wenn scheinbar alles für die DS-GVO umgestaltet wurde – viele Punkte sind noch offen und hinterlassen ein etwas flaues Gefühl. Haben wir alles bedacht? Sind wir wirklich abgesichert? Wann kommt der erste Anruf, Brief oder E-Mail mit einer Anfrage oder Beschwerde?

Und wie wird die Rechtsprechung in den fraglichen Punkten entscheiden? Einen ersten Vorgeschmack, welche Baustellen oder Fallstricke weiterhin auftauchen können, haben wir gerade erst bekommen: Am 05. Juni hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden, dass Betreiber von Facebook-Seiten für die Einhaltung des Datenschutzes im Social Network mitverantwortlich sind. Das bedeutet, die Seitenbetreiber tragen eine Mit-Verantwortung für die Datenerhebung, -verarbeitung und -verbreitung von Facebook – ohne direkt darauf Einfluss nehmen zu können oder überhaupt zu wissen, was mit den Daten geschieht, wohin sie gehen und in welcher Art Facebook sie benutzt. Und auch dabei sind die notwendigen Konsequenzen umstritten. Sofortiges Abschalten aller Unternehmensauftritte auf Facebook? Und wenn dort, dann auch auf Twitter, Instagram oder YouTube? Oder genügt eine eindeutige Datenschutzerklärung und eine "2-Klicks"-Anmeldelösung auf der Unternehmensseite?

Nicht zuletzt: Die ePrivacy-Verordnung, die eine weitere Verschärfung des Datenschutzes mit besonders empfindlichen Einbußen für die neutrale digitale Marktforschung vorsieht, steht sozusagen in den Startlöchern. Der einzige positive Aspekt: Hier gibt es hoffentlich noch Gestaltungsspielraum, solange diese Verordnung nicht final verabschiedet ist. Das bedeutet aber auch: Wir müssen uns mit allen verfügbaren und vereinten Kräften dafür einsetzen, dass die Interessen und damit auch die Zukunft der Marktforschung und der digitalen Branche an sich in der ePrivacy-Verordnung angemessen berücksichtigt werden. Viel Zeit ist dafür nicht mehr, die Uhr tickt…

Also einmal tief Luftholen, wir müssen noch vieles erledigen!  

Die Autorin

Claudia Dubrau ist seit Februar 2009 Geschäftsführerin der AGOF.  Die studierte Psychologin ist seit Ende 2003 in verschiedenen Funktionen für die AGOF tätig. Zunächst war sie in der der Technischen Kommission (TK) und verschiedenen AGs aktiv, 2005/2006 war sie stellvertretende Vorstandsvorsitzende und von 2007 bis 2008 Sprecherin der Technischen Kommission, die die methodische Verantwortung für die Forschungsprojekte der Arbeitsgemeinschaft, insbesondere die Markt-Media-Studie daily digital facts, trägt.

Veröffentlicht am: 15.06.2018

 

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