"Parteien orientieren sich weniger als früher an Grundüberzeugungen und tun sich deshalb leichter, ihre Positionen zu verschieben"

Jörg Schönenborn im Interview

Jörg Schönenborn (WDR)

Jörg Schönenborn ist Chefredakteur beim WDR und langjähriger Wahlmoderator der ARD. Er hat außerdem zahlreiche ARD-Brennpunkt-Sendungen moderiert. Im Interview schildert er seine Sicht auf den aktuellen Wahlkampf zur Bundestagswahl sowie die Rolle und Funktion der Wahlforschung.

marktforschung.dossier: "Die Bundesbürger erleben den Wahlkampf, den Sie verdienen", hieß es jüngst in einem Kommentar von Matthias Geis in der "Zeit". Wie ist Ihre Sicht auf den aktuellen Wahlkampf, Herr Schönenborn? Hat Herr Geis Recht?

Jörg Schönenborn: Ich glaube, dass der Wahlkampf viele Menschen enttäuscht. Sie haben das Gefühl, dass über vieles geredet wird, nur nicht über die ganz zentralen Dinge, die sie besorgen. Den Deutschen geht es – gerade im Vergleich zu den Nachbarn – wirtschaftlich sehr gut, aber sie haben oft Angst davor, ihren Lebensstandard spätestens im Alter nicht mehr halten zu können. Sie fragen sich, wer die Milliardenlasten tragen wird, die unser Land in der Finanz- und Eurokrise auf sich genommen hat. Und sie wissen, dass irgendwann die Rechnung präsentiert wird, sei es durch Inflation, durch Sparen an staatlichen Leistungen oder durch deutlich höhere Steuern. Und noch ein zentrales Thema findet kaum statt, die Zukunft Europas. Die EU und die Eurozone müssen so umgebaut werden, dass Entscheidungen nicht nur getroffen sondern tatsächlich umgesetzt werden. Und dass das auch kontrolliert wird. Gemessen an diesen Problemen und Aufgaben erscheint vieles, was jetzt im Wahlkampf aufgetischt wird, doch sehr klein.
 
marktforschung.dossier: Wahlforschung und Meinungsumfragen sind ein wichtiger Gradmesser hinsichtlich der politischen Stimmung in Deutschland. Welche Reaktionen auf Prognosen und Trends beobachten Sie seitens der Politiker?

Jörg Schönenborn: Eine Anmerkung zu Ihrer Frage: Außer am Wahlsonntag um 18:00 Uhr macht die Wahlforschung keine Prognosen, keine Vorhersagen. Sie beschreibt immer nur die politische Stimmung zum Zeitpunkt der Umfrage.

Zur Sache: Politik ist über Jahre immer pragmatischer geworden. Parteien orientieren sich weniger als früher an Grundüberzeugungen und tun sich deshalb leichter, ihre Positionen zu verschieben – wie man etwa beim Thema Mindestlohn sieht. Und natürlich sind bei solchen taktischen Manövern Umfragen die entscheidenden Orientierungspunkte. Aber das ist keine ganz neue Entwicklung.

marktforschung.dossier: Anfang des Jahres gab es einen in den Medien vielbeachteten Eklat: Auf der traditionellen Klausurtagung der CSU in Wildbad Kreuth wurde der Partei seitens Allensbach ein schlechtes Abschneiden bei der anstehenden Bundestagswahl prognostiziert. In die Schusslinie geriet daraufhin nicht etwa die Parteispitze, sondern Allensbach-Geschäftsführerin Dr. Renate Köcher, der man unter anderem schlechte Vorbereitung und fehlerhafte Zahlen vorwarf. Der Überbringer einer schlechten Nachricht wird verantwortlich gemacht für das, was nicht sein darf und deshalb nicht sein kann – typisch für die Politik?

Jörg Schönenborn: Natürlich ist es in der Politik wie im richtigen Leben: Schlechte Nachrichten hört man nicht so gern. Nun will und kann ich Studien anderer Institute nicht beurteilen, aber gut finde ich, wenn man Umfrageergebnisse nicht für bare Münze nimmt. Sie hängen immer ab von Methode, Fragestellung und Untersuchungszeitraum. Ihre Aussagekraft liegt selten in der einen konkreten Zahl, sondern jede Studie liefert ein Gesamtbild. Aber ich weiß: Dieses ist oft zu differenziert für Schlagzeilen oder für die politische Debatte.

marktforschung.dossier: Reaktion aus Politik und Medien waren seinerzeit zum Teil durchaus geeignet, Demoskopie und Wahlforschung insgesamt in der Öffentlichkeit in Misskredit zu bringen. Gleichwohl sind die Institute wichtige Datenlieferanten für die mediale Berichterstattung. So arbeitet die ARD für den DeutschlandTREND und die Sonntagsfrage – und natürlich auch an Wahltagen – seit Jahren mit Infratest dimap zusammen. Wie ist Ihre Einschätzung im Hinblick auf Validität und Informationsgehalt dessen, was Ihnen seitens der Meinungsforscher zur Verfügung gestellt wird?

Jörg Schönenborn: Infratest dimap arbeitet nach guten sozialwissenschaftlichen Standards, auf die wir uns verlassen können. Und zum Glück haben wir mit dem ZDF und der Forschungsgruppe Wahlen einen wichtigen Wettbewerber, der auf Augenhöhe ähnliche Arbeit macht. Dieser Wettbewerb ist ein gutes Stück Qualitätskontrolle. Inhaltlich liegt die Verantwortung bei der ARD. Wir entscheiden nach journalistischen Kriterien, welche Schwerpunkte der DeutschlandTREND setzt. Manchmal treffen wir die Themen der Woche sehr gut, manchmal weniger gut.

marktforschung.dossier: Zu beobachten ist, dass die Institute mit den jeweiligen Sendern in der Regel sehr lange zusammenarbeiten. Ist Kontinuität hier ein wichtiger Faktor für Sie als Journalist? Und haben Sie Einfluss auf die Entscheidung, mit welchem Meinungsforscher kooperiert wird?

Jörg Schönenborn: Wir überprüfen alle fünf Jahre, ob wir mit unserem Partner weiter zusammenarbeiten oder den Auftrag neu ausschreiben. Natürlich ist da neben wirtschaftlichen Fragen das Votum der redaktionell Verantwortlichen entscheidend. Denn Wahlforschung basiert immer auf Erfahrung, sowohl inhaltlich als auch methodisch.

marktforschung.dossier: In England und insbesondere den USA haben sich Prognosemodelle etabliert und als valide erwiesen, die sich deutlich von den eher "klassisch" orientierten Methoden deutscher Politik- und Wahlforscher unterscheiden. Gleichwohl gibt es auch hierzulande interessante Entwicklungen, die – so meine Vermutung – aufgrund des Medienwandels eher an Bedeutung gewinnen dürften. Wie ist Ihre Einschätzung, insbesondere auch unter dem Stichwort "BigData" und der "forscherischen" Aktivitäten solcher Unternehmen wie Google?

Jörg Schönenborn: Ich kenne solche Modelle nicht. Natürlich kann man mit Internet-gestützen Umfragen oder Börsenmodellen im Einzelfall Glück haben und zutreffende Ergebnisse erzielen. Aber eine Glückssträhne am Roulettetisch ist auch kein Beweis dafür, dass man die Gewinne dort planen könnte.

Tatsache ist: Ein erheblicher Teil der Wählerinnen und Wähler entscheidet erst am Wahltag, ob er oder sie an der Wahl teilnimmt und wer die Stimme bekommt. Dieser Prozess ist nicht vorhersagbar, egal mit welchen Mitteln. Deshalb erheben unsere Umfragen gar nicht erst den Anspruch, das Unmögliche zu versuchen. Mag sein, dass diejenigen, die sich mit anderen Methoden beschäftigen, das mit der Zeit erst noch lernen müssen.

marktforschung.dossier:
Herr Schönenborn, ganz herzlichen Dank für das Interview!

Veröffentlicht am: 02.09.2013

 

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