Digitale Prognosebörsen: Konkurrenz für die etablierte Meinungsforschung oder Nischenanwendung?

Malte Friedrich-Freksa (idalab)

Von Malte Friedrich-Freksa, Geschäftsführer des Berliner Data Analytics Spezialisten idalab

Die Welt der klassischen Wahlforschung steht seit Jahren unter Druck. Nicht erst seit der legendären Bundestagswahl 2005, als sich die führenden Institute massiv in ihren Wahlprognosen verschätzten, werden Repräsentativbefragungen zunehmend unpräziser: Eine flächendeckende Erreichung der Bevölkerung über telefonische Festnetzbefragung ist nicht mehr gegeben, gleichzeitig erodieren die Bindungen an die Parteien seit Jahren, mit der Folge, dass die Gruppen der Wechselwähler und Unentschlossen weiter ansteigen.

Hinzu kommt die wachsende Konkurrenz aus dem Internet: Seit mehr als zwanzig Jahren existieren alternative Messansätze, die Wahlausgänge auf Basis von Prognosebörsen vorhersagen.  Auf solchen internetbasierten Wahlbörsen werden "Aktien" der einzelnen Parteien gehandelt, mit dem Ziel, das Ergebnis der nächsten Wahl möglichst genau vorherzusagen. Im Gegensatz zur "Sonntagsfrage" wird hier nicht die eigene Wahlpräferenz abgefragt, sondern die Marktteilnehmer handeln die Kurse der einzelnen Parteien entsprechend ihrer Erwartungen an den tatsächlichen Wahlausgang. Das bedeutete insbesondere, dass die Teilnehmer eine Wahlbörse nicht repräsentativ für das gesamte Wahlvolk sein müssen, um gute Prognosen zu erzeugen.

Wahlbörsen unterscheiden sich in den folgenden Merkmalen von der klassischen Repräsentativbefragung:

Wahlbörsen liefern permanente Prognosen
Eine Wahlbörse liefert permanent "Kurse" der einzelnen Parteien, die als aktuell gültige Prognose interpretiert werden kann. Hier spielt die Wahlbörse ihren entscheidenden Vorteil aus: Eine kurzfristige Veränderung der politischen Informationslage wird auf einer aktiven Wahlbörse sofort berücksichtigt und von den handelnden Teilnehmern "eingepreist". Demgegenüber werden telefonische Wahlumfragen über mehrere Tage erhoben und sind im Moment der Veröffentlichung bereits veraltet.

Wahlbörsen erzeugen valide Ergebnisse
Auf der ersten elektronischen Wahlbörse der Universität Iowa von 1988 handelten 192 Angehörige auf den Ausgang der amerikanischen Präsidentschaftswahl. Dabei lagen die Börsenschlusskurse nur um Zehntelprozentpunkte vom Endergebnis entfernt und waren deutlich genauer als die besten Umfragen. Dieser Erfolg konnte 1992 bei der nächsten Präsidentschaftswahl erfolgreich wiederholt werden (siehe auch FTC Medienservice, Virtuelle Börsen: Von Spielen und Experimenten, 2006). In den letzten zehn Jahren gehören Wahlbörsen zum Bundestagswahlkampfalltag in Deutschland mit im Vergleich zu Meinungsumfragen konkurrenzfähigen Ergebnissen: Bei der letzten Bundestagswahl wurde der Schlusskurs der Wahlbörse Politikmarkt nur von den 18-Uhr-Prognosen von ARD und ZDF knapp geschlagen.

Wahlbörsen sind effizient und kostengünstig
Telefonische Wahlbefragungen sind teuer und aufwendig: Neben der Rekrutierung von mindestens tausend zufällig ausgewählten wahlberechtigten Bundesbürgern müssen solche Studien konzipiert und ausgewertet werden. Eine Wahlbörse benötigt demgegenüber ein einmaliges Setup einer Internetplattform mit Handelsmechanismus, einige hundert Spielteilnehmer sowie eine professionelle Begleitung (Monitoring) über den gesamten Spielverlauf.

Wahlbörsen sind weder repräsentativ noch zielgruppenspezifisch
Auf Wahlbörsen wird das Handelsverhalten einer sich selbstrekrutierten börsenspielaffinen Internetcommunity abgebildet. Ein weiterer entscheidender Unterschied: Wahlbörsen zielen ausschließlich auf die Verdichtung von Information der Spielteilnehmer über einen Marktmechanismus, der sich im konkreten Kurs ausdrückt. Gegenüber Befragungen besteht keine Möglichkeit, weiterführende Erklärungen für das Zustandekommen des Kursverlaufs jenseits von statistischen Interpretationen zu gewinnen. Hier können Wahlumfragen ein deutlich differenzierteres Bild zeichnen: Über die Erhebung zum Beispiel wahlkampfrelevanter  Einstellungen können weiterführende Erklärungsansätze diskutiert werden.

Der aktuelle Bundestagswahlkampf wird von einer Reihe zum Teil neuartiger Messinstrumente begleitet. Die Handelsblatt-Wahlbörse und die Koalitionenbörse von Politik.de versuchen den Wahlausgang bzw. die wahrscheinlichste Koalition über eine Prognosebörse vorauszusagen. Auf Spiegel Online können Teilnehmer auf den Wahlausgang sowohl für Erst- als auch Zweitstimme wetten. Die ZEIT-ONLINE-Wahlistik analysiert, wie wahrscheinlich die verschiedenen Koalitionsoptionen sind: Auf Basis aktueller Umfragen werden über ein statistisches Modell Aussagen über die Koalitionswahrscheinlichkeiten nach der Bundestagswahl berechnet. Auch Social-Media-Prognoseansätze werden eingesetzt: Das Wahl-o-Meter  berechnet aus den Twitternennungen der Parteien sowie der Namen ihrer wichtigsten Politiker eine Parteien-Prognose und auch die WirtschaftsWoche erhebt mit seinem Onlineformat "So wählt das Netz" die politische Stimmungslage der Bürger in den Social-Media-Kanälen Facebook und Twitter.
 
Es bleibt festzuhalten: der Markt der Wahlforschung ist in Bewegung. Die großen Meinungsforschungsinstitute treffen hier auf eine Vielzahl innovativer Prognoseverfahren mit folgenden Implikationen für die Zukunft der Wahlforschung:

1. Die großen Forschungsinstitute in Deutschland dominieren weiterhin den Markt der kommerziellen Meinungsforschung, scheinen allerdings nicht in der Lage zu sein, sich mit den aufkommenden Innovationen aus dem Internet ernsthaft auseinanderzusetzen (siehe auch Konrad Fischer, WirtschaftsWoche, 23.05.2013).

2. Die in die Jahre gekommenen Prognosebörsen müssen sich ebenfalls dringend modernisieren und an die Gegebenheiten der neuen Mediennutzung anpassen. Die vorliegenden Börsenspielansätze werden immer noch vorrangig über Onlineplattformen realisiert, obwohl der Trend in Richtung Mobile App im Social Media Kontext zeigt. Die Teilnehmerrekrutierung – und aktivierung wird über Netzwerkeffekte potenziert und mobile passt ideal zum dynamischen Spielcharakter: Teilnehmer können sich über ihr Smartphone jederzeit über den aktuellen Stand informieren und aktiv ins Geschehen eingreifen.

3. Im heutigen Datenzeitalter wird es auch darum gehen, verschiedene Verfahren über integrative, analytische Verfahren zu kombinieren und plattformübergreifend zu präsentieren. Aktuelle „Börsenkurse“ werden mit qualitativen Social Media Daten kombiniert und zu Prognosen verdichtet und über geeignete Visualisierungen und weiterführende empirische Erhebungen mit Erklärungsgehalt angereichert.  

Quellen und weiterführende Informationen:

Veröffentlicht am: 02.09.2013

 

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