"In den USA ist man viel ungeduldiger"

Shaun Dix, Ipsos

Sind die USA wirklich ein Trendsetter in Sachen Marktforschung? Shaun Dix erklärt im Interview, wo er die größten Unterschiede in der Branche sieht.

Shaun Dix, Ipsos
Shaun Dix, Ipsos

marktforschung.de: Trendsetter USA – mit Blick auf die Marktforschung: Stimmen Sie dieser Aussage zu?

Shaun Dix: Ja, absolut. Ich glaube, dass die USA in bestimmten Bereichen eine Vorreiterstellung innehaben, was mehrere Gründe hat: Das Forschungsvolumen ist hierzulande größer, ebenso wie die Unternehmen und es gibt zunehmend mehr Konkurrenz in der Branche – mehr als jemals zuvor. Nehmen wir beispielsweise mein Fachgebiet. In der Werbeforschung überschneiden sich Medien, Technologien und Werbung zusehends. Das stellt Vermarkter vor große Herausforderungen. Der Markt verlangt von vornherein nach innovativen Ansätzen und Ideen, was für neugierige Forscher sehr interessant sein kann. Das Wachstum der großen Technologiekonzerne und deren Expansion in unterschiedlichste Geschäftsbereiche weckt derzeit sogar noch einen zusätzlichen Bedarf an neuen Forschungswegen. Beispiele sind hier Amazon, die mit dem Kauf von Whole Foods auch den stationären Handel anvisieren oder Facebook, das mit der VR-Brille Oculus Rift auf einen neuen Markt drängt.

marktforschung.de: Wie unterscheidet sich die Marktforschungsbranche in den USA von der in Deutschland? Was sind die größten Unterschiede?

Shaun Dix: Das Forschungsvolumen ist sicherlich der größte Faktor. Sowohl in der Menge der Projekte als auch bezogen auf die Ausgaben ist hier ein deutlicher Unterschied festzustellen. Ich würde außerdem sagen, dass die Geschwindigkeit, mit der sich die Dinge in den USA verändern, die allgemeinen Marktbedingungen widerspiegelt. In den USA ist man viel ungeduldiger als in Deutschland – zumindest an der Ostküste, wo ich stationiert war. Wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob das immer so gut ist. Auf jeden Fall neigen deutsche Marktforscher zu einer wissenschaftlicheren Herangehensweise (besonders auf Auftraggeberseite) und legen großen Wert auf Genauigkeit, Modelle und ähnliches. Dagegen ist der US-Markt eher nachsichtig. Und mit dem Erfolg von digitalen Plattformen und allem, was dazugehört, hat sich das Ganze dahingehend zugespitzt, dass Bauchgefühle in mancher Kundenentscheidung ein größerer Faktor geworden sind. Das ist eine interessante Trendwende, die Neulingen den Einstieg in eine Branche ermöglicht, die früher der Wissenschaft vorbehalten war.

marktforschung.de: Wie steht es bei den Amerikanern um den Datenschutz?

Shaun Dix: Das kann man nicht vergleichen. In den USA sieht man das Thema Datenschutz nicht so eng. In der Marktforschung gibt es Richtlinien und Standards, an die sich die Unternehmen halten sollen: Beispielsweise ist die unsachgemäße Weitergabe von Nutzerdaten weitestgehend unrechtmäßig. Trotzdem werden solche Regelungen nicht so strikt gehandhabt wie in Deutschland. Der Zugang zu – insbesondere digitalen – Daten ist unproblematisch, wie man aus der Presse weiß.

Übersetzt aus dem Englischen

Shaun Dix ist Global Service Line Leader Creative Excellence Ipsos 

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