"Ohne hochmotivierte Multitalente geht gar nichts"

Interview mit Dr. Gunnar Grieger

Das Loslassen von Lösungen, die nicht mehr gefragt sind, fällt schwer, ist für den Erfolg von Start-ups aber dringend nötig. Welche Faktoren darüber hinaus noch entscheidend für den Erfolg von Start-ups sind, worauf es bei Gründerteams ankommt und wie Themen wie Künstliche Intelligenz und Blockchain die Marktforschungsbranche verändern, zeigt Dr. Gunnar Grieger, Gründer und Gesellschafter von SPLENDID RESEARCH im Interview mit marktforschung.de.

Gunnar Grieger: "Ohne hochmotivierte Multitalente geht gar nichts"

Mit SPLENDID RESEARCH hast Du ein Unternehmen gegründet und Dich frühzeitig bei LimeSurvey beteiligt und beide erfolgreich am Markt platzieren können. Worauf kommt es aus Deiner Sicht an, damit ein Start-up erfolgreich wird? Was sind die entscheidenden Faktoren?

Dr. Gunnar Grieger:Erfolgsentscheidend sind viele Faktoren gleichzeitig. Ich gehe davon aus, dass solche Startups gemeint sind, welche die Zielsetzung haben Geld zu verdienen und nicht solche, mit denen Venture Capital Firmen durch kontinuierliche Wertsteigerung und Anteilsverkauf beabsichtigen Geld zu verdienen. Das Allerwichtigste sind die Menschen in einem Start-up. Ohne hochmotivierte Multitalente geht gar nichts. Produkt oder Dienstleistung müssen auf Nachfrage treffen, und es muss gelingen, rasch eine kritische Masse an Kunden zu gewinnen, die positive Ergebnisbeiträge liefern. Dabei ist es essentiell, das eigene Angebot ständig zu hinterfragen und an die Bedürfnisse des Marktes anzupassen und nicht festzuhalten an Lösungen, die nicht mehr gefragt sind. Bei Splendid Research existiert das Angebot, mit dem vor zehn Jahren gegründet wurde, beispielsweise gar nicht mehr, sondern hat sich vollständig verändert und verändert sich noch immer. 

Dabei halte ich die Steuerung mit Hilfe von Key Performance Indicators von Anfang an für sehr hilfreich, um damit auch den Einfluss von vermeintlich zunächst unwichtigen Faktoren auf das große Ganze verstehen zu können und entsprechend effektiv handeln zu können. Ferner halte ich es für immens wichtig, Prozesse fortwährend zu optimieren, um das Potenzial maximal ausschöpfen zu können und so effizient wie möglich agieren zu können. Geschieht dies erst in einer Krisensituation, ist es häufig zu spät.

Bei meinen Unternehmen ist das Credo stets, die gesamte oder zumindest große Teile der Wertschöpfungskette selbst abbilden zu können, um die Marge bei uns zu behalten und möglichst keine Leistungen hinzukaufen zu müssen. Die typischen Phasen bei der Erstellung einer Marktforschungsdienstleistung sind Konzeption der Studie, Durchführung im Feld und Analyse der Daten. In der Marktforschungsbranche gibt es meist nur Unternehmen, die einen dieser Teile als Spezialist anbieten oder Unternehmen, die wenige Teile der Wertschöpfungskette mit eigenen Mitteln lösen können und ansonsten auf Zukäufe angewiesen sind. Gerade in Krisenzeiten mit Budgetrestriktionen auf Kundenseite kann das sehr riskant sein, wie die aktuelle Situation für viele Institute zeigt. 

Mit SPLENDID VENTURE habt Ihr einen Schwerpunkt auf Investments im Bereich Marktforschungs-, Marketing- und Medienunternehmen. Was sucht Ihr genau für Start-ups? In welchen Phasen lohnt es sich für Start-ups mit Euch zu sprechen?

Dr. Gunnar Grieger: Mich begeistern solche Start-ups, die alte Wege neu denken und solche, die neue Wege entdecken. Den größten Nutzen können wir in der Seeding Phase und als Business Angel stiften, da wir wissen, wie ein Start-up zu gestalten ist, um effektiv und effizient agieren zu können, echte Sparringspartner sind und mit unserem Netzwerk rasch für Traktion sorgen können.  Insbesondere im Bereich Marktforschung konnte uns in den vergangenen drei Jahren allerdings kein Pitch Deck überzeugen. Ich hoffe da sehr auf Newcomer, die Interesse haben, die Welt der Marktforschung zu bereichern. 

Was ist Dir besonders wichtig bei Gründerteams? Worauf kommt es Dir bei den Teams an?

Dr. Gunnar Grieger: Ein tolles Produkt mit einem lediglich befriedigenden Gründerteam ist weniger erfolgreich als umgekehrt. Ich kann den angestrebten Erfolg eines Gründers oder Gründerteams nur schwer anhand guter Noten, Alter, Erfahrung oder Eloquenz einschätzen. Es ist vielmehr eine Melange aus innerem Brennen für die Sache, Streben nach Freiheit, Phantasie und klugem Pragmatismus, die mein Interesse weckt. 

Qualtrics ist für 8 Mrd. verkauft worden, quantilope bekommt 28 Mio. an zusätzlichen Investments. So tot kann die Marktforschungsbranche ja nicht sein, wenn in die Erhebung von Meinungen solche Beträge investiert werden. Wie rechtfertigen sich solche Summe aus Deiner Sicht? Wie ist Deine Meinung auf die aktuellen Investments?

Dr. Gunnar Grieger: Die Investments in Qualtrics und Quantilope haben meines Erachtens nicht unbedingt etwas mit einer lebenden oder toten Marktforschungsbranche zu tun. Bei dem Kauf von Qualtrics handelte es sich um eine Make-or-Buy-Entscheidung von SAP, um möglichst rasch ihr Angebot um Feedback-Software erweitern zu können und damit gleichzeitig in ihrem Kernbereich mehr Werte schaffen zu können sowie ihre Marktkapitalisierung zu erhöhen. Die hohe Bewertung hatte also insbesondere für SAP eine Relevanz, nicht aber für die Marktforschungsbranche. Ob der Preis angemessen war, kann nur SAP beurteilen. 

Quantilope ist ein Venture Capital-finanziertes Unternehmen. Beteiligungsunternehmen haben in den vergangenen Jahren gesteigertes Interesse an Marktforschungsunternehmen gezeigt. Vielfach vermute ich, dass dieses Interesse allein auf eine Steigerung des Firmenwertes abzielt, der sich dann bei der Weiterveräußerung in folgenden Finanzierungsrunden auszahlt und eben nicht auf einer Bewertung eines profitablen Geschäftsmodells fußt. Die Beteiligungsbranche hat schlichtweg entdeckt, dass es auch in der Marktforschungsbranche Narrative gibt, die sich für Venture Capital-Investments eignen.  Allerdings - und das möchte ich trotz aller Kritik an Geschäftsmodellen, die durch VC-Runden aufgeblasen werden, sagen - halte ich es für den Marktplatz Deutschland für durchaus positiv, dass einige nennenswerte Gründungen und Entwicklungen in der Marktforschungsbranche in den vergangenen Jahren in Hamburg und Berlin stattfanden. Ich hoffe, dass dies Boden für weitere Gründungen und Innovationen bereitet und wir dieses digitale Feld nicht auch noch Amerikanern und Chinesen überlassen. 

Was für Trends siehst Du für die Marktforschungsbranche? Wo wird es Innovationen geben?

Dr. Gunnar Grieger: In der Marktforschungsbranche wurden in den vergangenen Jahren einige Trends angestoßen, deren Bearbeitung und Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen sind. Dies sind einerseits eine fortschreitende Digitalisierung und eine immer weitere Abkehr von offline durchgeführten Methoden, andererseits eine Automatisierung von Samplingprozessen sowie eine Standardisierung quantitativer Methoden in Produktshops. War bei den Produktshops beispielsweise zunächst Zappi Trendsetter, sind inzwischen viele weitere gefolgt und werden weiter folgen. Der Markt ist noch lange nicht ausgeschöpft. Ich sehe noch Raum für viele Player, da sich mit standardisierten digitalen Produktshops neue Märkte zu Unternehmen erschließen lassen, für die Marktforschung bislang zu teuer, zu langwierig oder schlichtweg zu unverständlich war. Allerdings wird sich bei den verschiedenen Anbietern solcher Lösungen mittelfristig die Spreu vom Weizen trennen und nur diejenigen werden globalen und nachhaltigen Erfolg haben, die eine leistungsfähige Plattform anbieten, die die gesamte Wertschöpfungskette abbildet und aus einer Hand bedienen kann. Da sehe ich bisher noch keinen Player, der eine Führungsrolle übernommen hat.

Was sagst Du aktuell zu dem Thema KI? Inwiefern wird KI das große Thema für die Marktforscher?

Dr. Gunnar Grieger: Das Thema KI spielt seit vielen Jahren bereits eine theoretische Rolle in unseren Branchendiskursen und wird uns alle vermutlich bis zur Rente begleiten. Bereits heute wird so einiges als KI verkauft, wo jedoch kein oder allenfalls rudimentärste KI drinnen steckt. Interessant ist gleichwohl, dass wir in vielen Einsatzbereichen von KI am Anfang stehen. Durch die Natur von KI wird der Fortschritt in den einzelnen Bereichen plötzlich ganz schnell und exponentiell vonstattengehen, sobald eine Schwelle überschritten ist. Darauf bin ich gespannt und ich halte nichts für unmöglich, auch nicht, dass viele Teile der Marktforschung, die derzeit noch von denkenden Menschen bearbeitet werden, komplett überflüssig werden. Klar ist für mich, dass KI überall dort in der Wertschöpfungskette, wo sie zur Optimierung beitragen kann, auch eingesetzt werden wird. Alles andere wäre ökonomischer Unsinn. 

Wie ist Deine Sicht auf das Thema Block-Chain? Gibt es hier interessante Ansätze für die Marktforschung?

Dr. Gunnar Grieger: Die Blockchain-Technologie ergibt für mich im Einsatz bisher nur als digitales knappes Gut, also als harte Währung, Sinn. Dafür wurde insbesondere mit dem Bitcoin ein Proof of Work erbracht. Die Blockchain ist im Grunde eine sehr langsame und ineffiziente Datenbank, die dazu noch sehr viel Energie verbraucht. Vor diesem Hintergrund sehe ich derzeit keinen sinnvollen Ansatz in der Marktforschung, da Projekte und Prozesse eher auf effiziente und zentralisierte Datenbanken setzen. Sicherlich und hoffentlich werde ich von einem jungen, klugen Menschen bald eines Besseren belehrt. Darauf und darüber freue ich mich ohnehin immer.

Zur Person: Dr. Gunnar Grieger ist Gründer und Gesellschafter von SPLENDID RESEARCH und LimeSurvey. SPLENDID RESEARCH ist ein auf Onlinemarktforschung spezialisiertes Marktforschungsinstitut mit eigenen Online Panels in über 70 Ländern. LimeSurvey ist eine Open Source Software zur Durchführung von Onlineumfragen

sh

Veröffentlicht am: 10.08.2020

 

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