"Die Kandidat*innen sollen für ihre Idee brennen, aber business-seitig auch ihre Hausaufgaben gemacht haben."

Michael H. Kramarsch, hkp/// group

Michael H. Kramarsch ist Managing Partner beim Consultinghaus hkp/// group und seit vielen Jahren in der Jury des HR Start-up Award. marktforschung.de hat mit ihm über seine Erfahrungen aus den bisherigen Pitches gesprochen und auf was er bei Gründerteams besonders achtet.

Interview mit Michael H. Kramarsch

Wir freuen uns, dass die hkp/// group den Start-up-Pitch von marktforschung.de fördert. Woher rührt das Interesse an der Start-up-Szene? 

Michael H. Kramarsch: Die hkp/// group gestaltet die Art und Weise, wie Menschen miteinander wertschöpfend tätig sind. Dabei stehen Schlagworte wie Motivation, Organisation und Transformation im Mittelpunkt. Die Digitalisierung hat nicht nur unsere privaten Gewohnheiten umgekrempelt, auch unser berufliches Umfeld hat sich durch neue Formen der Zusammenarbeit transformiert. Es waren und sind Start-ups, die die Geschichte der Digitalisierung mit ihren Visionen und Innovationen geschrieben haben. Dabei brachten und bringen es nicht alle Firmen von der Garage zu Weltruhm. Doch ihre Ideen geben oft eine Ahnung, von dem was kommen könnte oder kommen wird. Wer also, wie die hkp/// group, Lösungen für die Zukunft der Arbeit entwickelt, der tut gut daran, sich mit Start-ups und ihren Innovationen zu beschäftigen. Am Ende gestehe ich aber auch eine gewisse persönliche Faszination für Technologie. 

Herr Kramarsch, Sie haben auch den HR Start-up-Award ins Leben gerufen, der dieses Jahr bereits sein fünfjähriges Jubiläum feiert. Was sind Ihre Learnings aus den ersten fünf Wettbewerben? Auf was achten Sie mittlerweile bei Start-up-Pitches besonders? 

Michael H. Kramarsch: Wir haben beim HR Start-up Award über 150 Bewerbungen in den 5 Jahren erhalten. Das zeigt, wieviel Innovation im HR Bereich von Start-ups ausgeht. Wenn man sich fragt, wie Menschen sich wohl innerhalb von Unternehmen zukünftig organisieren, austauschen, einander Feedback geben und voneinander lernen, sich weiterentwickeln, fortbilden und qualifizieren oder nach neuen KollegInnen suchen - dann gab es hierfür beim HR Start-up Award bereits sehr früh anschauliche Beispiele für Lösungen in diesen Bereichen. Die letzten fünf Jahre haben mir gezeigt, wie schnell die Entwicklung tatsächlich vonstattengeht. Waren es anfangs hauptsächlich Recruiting-Tools und Plattformen, haben sich die Einsatzgebiete ausdifferenziert und die Technologie wurde ebenfalls immer anspruchsvoller. Mich beeindruckt jedes Mal aufs Neue, mit wie viel Ehrgeiz und Fachkompetenz die Gründerinnen und Gründer ausgestattet sind. Am Ende zählt für mich eine Mischung aus innovativer Idee, Alleinstellungsmerkmal am Markt, cleverem Produkt-Design sowie Skalierbarkeit. Am Ende braucht es aber auch Ehrgeiz und Fachlichkeit. Die Kandiat*innen sollen für Ihre Idee brennen, aber Business-seitig auch ihre Hausaufgaben gemacht haben.  

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Welche Fehler machen Start-ups bei solchen Pitches immer wieder? 

Michael H. Kramarsch: Die Pitches sind in der Zwischenzeit fast bei allen hoch professionell und perfekt vorbereitet. Man muss sich Aufmerksamkeit erkämpfen - und das gilt auch dann noch, wenn man es tatsächlich auf die Bühne geschafft hat. Insofern sollte man sich hier nicht in Einzelheiten verlieren, sondern mit einer guten Story und mit einem authentischen, aber selbstbewussten Auftreten glänzen - und natürlich mit einem Produkt, dessen Mehrwert sich einem sehr schnell erschließt und bestenfalls noch Spaß macht. Für die Jury ist es durchaus herausfordernd hinter die perfekte Marketing-Kulisse zu blicken, aber dazu beschäftigen wir uns ja schon vorher intensiv mit den Kandidat*innen und vor Ort entscheidet das Publikum über den Sieger. 

Mit welchen Schwierigkeiten müssen sich KI-Start-ups in Deutschland im Vergleich zu Start-ups aus anderen Ländern deutlich mehr rumschlagen? 

Michael H. Kramarsch: Nun, "herumschlagen" klingt als hätte man es hier mit unnötig lästigen Dingen zu tun. Dabei handelt es sich hier vielmehr um Herausforderungen, die Start-ups bewältigen müssen, wenn sie ihre Technologie verantwortungsvoll einsetzen möchten. Deutschland setzt international bekanntermaßen hohe Standards in Sachen Datenschutz. Welche Daten zu welchem Zweck gesammelt werden, muss vor Einführung einer Anwendung klar und transparent erläutert sein. Eine weitere Herausforderung an der vor allem US-amerikanische Start-ups hierzulande gerne scheitern, ist die Mitbestimmung, die Einbindung des Betriebsrats und Betriebsvereinbarungen, die dem mitbestimmten Aushandlungsprozess unterworfen sind. Bis eine neue Lösung in einem deutschen Unternehmen wirklich zum Einsatz kommt, kann viel Zeit ins Land ziehen - Zeit, die Start-ups nicht immer eingeplant haben. Wer jedoch auf diesen Prozess eingestellt ist und es in Deutschland mit seinem Produkt an den Markt und in die Unternehmen schafft, der kann es überall schaffen. 

Das Vorurteil sagt ja, dass uns andere Länder im Bereich KI um Jahre voraus sind. Wie ist Ihre Meinung dazu? 

Michael H. Kramarsch: In anderen Ländern können Anwendungen, die eine Vielzahl von persönlichen Daten auswerten, schneller zum Einsatz kommen. Folglich hat man dort vielleicht einen längeren Erfahrungshorizont mit KI-Tools, die auf Grundlage personenbezogener Daten arbeiten. Dennoch muss man sich ja fragen, ob es sinnvoll ist, erstmal alles zu machen, was machbar ist - und damit technologische Entwicklung im Zweifel auch über zentrale Werte und Menschenrechte zu stellen. Sollen Diagnostik-Tools zur Persönlichkeitsanalyse beispielsweise auch Daten auswerten können, die wir nicht willentlich beeinflussen - und damit sprichwörtlich unser Innerstes nach außen kehren? Wenn ja, unter welchen Voraussetzungen? Solchen Fragen auf den Grund zu gehen, bevor die Büchse der Pandora geöffnet ist, mag ein typisch deutscher Weg sein, aber ich halte es angesichts der Tragweite dieser Entwicklungen für geboten. Und das nicht trotz, sondern gerade wegen meiner Überzeugung, dass Zukunftstechnologien wie KI einen großen Mehrwert für unsere Arbeitswelt darstellen. Die aktuelle Diskussion in den USA zeigt, dass die ethische Diskussion um das Machbare zwar vielleicht anfangs vermieden werden kann, aber dadurch später nur mit größerer Macht kommt. 

Was müsste passieren, dass Deutschland in Bezug auf KI aufholt? 

Michael H. Kramarsch: Deutschland ist aus meiner Sicht beim Thema KI wissenschaftlich weltweit vorne dabei - allerdings nicht immer bei konkreten Anwendungen und Unternehmensgründungen. Was sicher helfen würde, wären klare, möglichst anwendungsspezifische Regeln für die Nutzung von Zukunftstechnologien. Erfreulicherweise wird auch die Zahl derjenigen größer, die menschenwürdige und innovationsfördernde Rahmenbedingungen in diesem Themenfeld schaffen wollen. Das schließt hohe politische und gesellschaftliche Entscheider ein, wie nicht zuletzt die im März lancierte Initiative KI Observatorium des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales belegt. Für den Personalbereich hat der Ethikbeirat HR-Tech entsprechende Handlungsempfehlungen vorgelegt - ein Gremium aus namhaften Wissenschaftler*innen und Expert*innen aus den Bereichen Verhaltensökonomie, Personalmanagement, Psychologie, Wirtschaftsethik und Recht. Ziel muss sein, diese Technologien zu entzaubern und für mehr entsprechende Kompetenz bei Anwendern zu sorgen. Sie müssen nicht nur wissen, wie man ein Tool bedient, sie müssen auch die Funktionsweise verstehen und grundsätzlich erklären können. Am Ende wäre dies auch sicher der richtige Weg, dem oft auch zu findenden Technik-Skeptizismus zu begegnen, der einer Innovationskultur sicher auch nicht guttut.  

Michael Kramarsch, hkp
Zur Person: Michael H. Kramarsch führt als Gründer, Delegierter des Verwaltungsrats und Managing Partner die hkp/// group. Er zählt zu den führenden Experten für wertorientierte Unternehmensführung, Corporate Governance, Performance Management und Top-Executive-Vergütung und hat in diesen Themen als Sachverständiger verschiedene Regierungskommissionen beraten. Als Investor fokussiert er sich auf HR Start-ups. So hat er u.a. mit dem Bundesverband der Personalmanager (BPM) den in 2020 im 5. Jahr vergebenen HR Start-up-Award ins Leben gerufen, dessen Jury er als Co-Chair vorsitzt.  

sh

 

 

Veröffentlicht am: 03.08.2020

 

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