Künstliche Intelligenz muss für die Menschen erlebbar werden

Dr. Hans-Jürgen Frieß, Ipsos & Dr. Norbert Arnold, KAS

Künstliche Intelligenz gilt als eine der innovativsten Zukunftstechnologien mit großen Veränderungspotenzialen. Von den meisten Deutschen wird dies aber nicht als alltagsrelevant wahrgenommen. Im Interview verraten Dr. Norbert Arnold und Dr. Hans-Jürgen Frieß, welche Hürden Künstliche Intelligenz hierzulande noch nehmen muss und wie die Akzeptanz in der Bevölkerung gesteigert werden kann.

Künstliche Intelligenz gilt unter Experten als eine der zukunftsträchtigen Leittechnologien. Wie wird sie in der Breite der Gesellschaft wahrgenommen?   

Dr. Norbert Arnold: Künstliche Intelligenz scheint für viele Menschen immer noch nicht in ihrer Lebensrealität angekommen zu sein. Sie wird von den Menschen zwar genutzt, aber häufig unreflektiert und ohne Wissen, in welchen alltäglichen Gadgets sie heute schon vorhanden ist. Eine Befragung, die wir Ende 2019 in Zusammenarbeit mit Ipsos durchgeführt haben, bestätigt die Annahme, dass viele Deutsche zwar die Grundbegriffe der KI kennen, aber nicht genau wissen, was sie bedeuten.  

Dr. Hans-Jürgen Frieß: Wir stellten in der Studie u. a. fest, dass es gerade an Hintergrundwissen mangelt, was genau Künstliche Intelligenz ausmacht. Wo ihre Vorteile liegen, in welchen Kontexten sie auch persönlich von großem Nutzen sein kann und wo man wiederum vorsichtig sein muss, ist oft nicht bekannt. Große Defizite gibt es darüber hinaus auch im technischen Know-how, im Anwendungswissen und im Orientierungswissen. 

Dr. Norbert Arnold: Alles in allem keine guten Voraussetzungen, um die Potenziale von KI auszuschöpfen. Wenn es nicht gelingt, die Menschen besser über das Thema Künstliche Intelligenz zu informieren, dann bleiben viele Chancen ungenutzt. 

Das klingt nach einem typischen Bildungsproblem. Leiden nicht alle neuen Technologien unter diesen "Kinderkrankheiten"? 

Dr. Norbert Arnold: Auf den ersten Blick mag es so scheinen. In Wirklichkeit gehen die Probleme aber tiefer. Viele Menschen wissen nicht nur zu wenig über Künstliche Intelligenz, sondern sie interessieren sich auch nicht dafür. Informations- und Bildungsangebote bleiben daher oft ungenutzt. Anscheinend spielen andere konkurrierende Themen, mit denen die Menschen in ihrem Alltag konfrontiert werden, immer noch eine weitaus wichtigere Rolle. Auch in den Medien verfolgen viele die intensive Berichterstattung über Künstliche Intelligenz kaum. Im Internet bleiben die Informationsangebote ebenfalls oft ungenutzt. Aktiv kümmern sich nur die wenigsten um Informationen zu KI. 

Dr. Hans-Jürgen Frieß: Interessanterweise sind vielen Befragten die eigenen Wissenslücken bewusst, aber es fehlt im Alltag der Antrieb, sie zu schließen. Der Ruf vieler Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer nach mehr Informationsangeboten hat eigentlich nur Alibifunktion. Um es hart zu formulieren: Viele befinden sich in einem Teufelskreis aus mangelndem Wissen und mangelndem Interesse. Die Strategie "mehr Informationsangebote" läuft in einer solchen Konstellation ins Leere. 

Wenn die Menschen so wenig über KI wissen, wie war es Ihnen dann überhaupt möglich, aussagekräftige Bevölkerungseinstellungen zu diesem Thema zu erheben? 

Dr. Hans-Jürgen Frieß: Genau aus diesen Gründen haben wir der Studie einen qualitativ-diskursiven Erhebungsansatz zu Grunde gelegt, der zum einen vordefinierte Gruppen offen untereinander diskutieren lässt, die sich in Punkto Technikaffinität und Bildung unterscheiden, und zum anderen aber auch Sichtweisen dieser verschiedenen Gruppen verbindet. Konkret wählten wir so die Methode des deliberativen Forums, in dem sich Informationsaustausch, aber auch Diskussion in einem Plenum mit Diskussionen in verschiedenen Einzelgruppen abwechseln und die Gruppe am Ende selbst auch Empfehlungen für Entscheidungsträger ableitet. Tatsächlich stellten wir fest, dass sich Sorgen, Interessen, Erwartungen und Einstellungen gegenüber KI innerhalb auch wenig involvierter Bevölkerungsgruppen differenziert abbilden lassen, wenn diese in die Auseinandersetzung mit den Sichtweisen anderer treten. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten selbst Fragen und Informationen einbringen, sich gegenseitig anregen und letztlich über die Diskussion eine eigene Meinung und eigene Ratschläge zum Thema KI mit all ihren Facetten geben.  

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Wie kann der von Ihnen angesprochene Teufelskreis aus mangelndem Wissen und mangelndem Interesse durchbrochen werden? 

Dr. Norbert Arnold: Ein wichtiger Befund unserer Studie ist die Offenheit und Neugier der Befragten für neue Techniken und ihre innovativen Anwendungen. Künstliche Intelligenz fand grundsätzlich eine breite Akzeptanz, trotz aller zweifellos auch vorhandenen Sorgen und Ängste. Von der viel beschworenen "German Angst" war bei unserer Untersuchung nichts zu spüren. Die Technikfeindlichkeit, die den Deutschen oft unterstellt wird, haben wir nicht bestätigen können. 

Dr. Hans-Jürgen Frieß: Besonders Menschen mit einer höheren Bildung zeigen ein hohes Maß an Zustimmung zu Künstlicher Intelligenz, aber auch bei allen anderen Teilnehmenden ist die Akzeptanz gut. Eine wichtige Voraussetzung, um KI in Deutschland als eine für den Lebensalltag der Menschen nützliche Technologie voranzutreiben. 

Was konkret muss getan werden, um den Siegeszug von KI weiter zu befeuern? Was muss sich ändern? 

Dr. Norbert Arnold: Wir erleben zurzeit eine leise Revolution: Künstliche Intelligenz findet auf der einen Seite immer mehr Anwendungsbereiche. Aber viele wissen es nicht. KI entwickelt sich momentan mit zwei Geschwindigkeiten: mit Nachdruck in Forschung und Entwicklung, in der Wirtschaft und in der Politik, dafür schleichend in der Breite der Gesellschaft. 

Künstliche Intelligenz muss für die Menschen in ihrem Alltag besser erlebbar werden. Es müssen gute Produkte mit Künstlicher Intelligenz angeboten werden, die ihre Vorteile etwa in Punkto Gesundheit oder auch im Austausch mit der Welt, den eigenen Freunden, Familie oder dem Internet für jeden sichtbar unter Beweis stellen. Wenn dies gelingt, dann erlebt Künstliche Intelligenz bald den großen Durchbruch. 

Zu den Personen

Dr. Norbert Arnold studierte an der Universität Gießen Biologie und ergänzend im Rahmen eines Doppelstudiums Philosophie. Nach der Promotion im Fach Biologie war er als Assistent an der Universitäten Zürich tätig. Seine Forschungsschwerpunkte lagen in der Zell- und Molekularbiologie. Danach wechselte er zur Konrad-Adenauer-Stiftung und ist seither in unterschiedlichen Funktionen in der Politikberatung tätig. Er befasst sich vor allem mit Wissenschafts- und Forschungspolitik, sowie neuen Technologie (Lifesciences, Künstliche Intelligenz u. a.) und ihren gesellschaftlichen Folgen.   

Dr. Hans-Jürgen Frieß arbeitet seit 1999 in der Markt- und Sozialforschung und ist seit 2008 bei Ipsos tätig. Er ist als Director in der Abteilung für qualitative Forschung bei Ipsos (Ipsos UU) u.a. für den Bereich Public Affairs verantwortlich. Nach dem Magister-Studium der Soziologie, Politikwissenschaft und Neueren Deutschen Literaturwissenschaft promovierte er im Fach Soziologie. Während seiner Berufstätigkeit als Markt- und Sozialforscher führte Dr. Frieß zahlreiche nationale sowie internationale Studie vor allem in den Bereichen der Sozial-, Politik- und Kommunikationsforschung durch. Hans Frieß veröffentlichte u.a. zu den Themen politischer Protest, Migration, Klimawandel sowie qualitative Methodologie und Methoden. Für seine innovativen Forschungsmethoden erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. 

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