Gründungsgeschichten: eye square GmbH und users‘ delight GmbH

Sabrina Duda (users‘ delight)

Von Sabrina Duda, Gründerin und Geschäftsführerin von users‘ delight

Wie alles begann: Vom Psychologiestudium zu Usability

Alles begann mit meiner Entscheidung zum Psychologiestudium. Meinem Berufswunsch gingen vage Ideen wie Werbepsychologie oder Design voraus. Die Reaktion der Umwelt war: "Was, Du willst Psychologie studieren? Danach bist Du ja arbeitslos!"
Nach meinem Grundstudium in Regensburg, bei dem mein Interesse für Kognitive Psychologie und Computer geweckt worden ist, ging ich an das Institut für Psychologie der Humboldt Universität, damals noch in der Oranienburgerstraße 18 in Berlin-Mitte. Hier gab es die Forschungsvertiefung Ingenieurpsychologie bei Prof. Hartmut Wandke. Ingenieurpsychologie ist die Wissenschaft von Mensch-Maschine-Systemen aus Sicht der Psychologie und ist ein Teilgebiet der Arbeitspsychologie. Es geht dabei um die Gestaltung von Mensch-Maschine-Systemen nach psychologischen Gesichtspunkten.
In meiner Diplomarbeit über Edutainment führte ich meinen ersten Usability Test mit einer Grundschulklasse durch und validierte daran meinen entwickelten Fragebogen; ich schrieb dazu eine Beobachtungssoftware. Die Studie veröffentlichte ich als Artikel und stellte sie auf einer internationalen Konferenz vor.

Abb. 1: Feldphase meiner Diplomarbeit

Die Gründung von eye square GmbH

1998 existierten noch kaum Stellen für Psychologen im Usability Bereich, weil es abgesehen vom Fraunhofer Institut und vom Usability Lab bei Siemens nur wenige Anbieter gab. So begann mein Weg in die Selbstständigkeit.

Was tun, wenn es die Traumstelle noch nicht gibt? Selbstständig machen!

Der Beginn war bescheiden: In einer unsanierten Wohnung im Prenzlauer Berg arbeiteten wir und akquirierten die ersten Kunden: Tivola, Quelle, Deutsche Bank. 1999 führten wir einen Usability Test für Quelle durch. Quelle war der erste Kunde von eye square.

Mein Ziel war das Geschäftsfeld E-Commerce und dazu sprach ich Quelle auf der Internet World Messe an. Sie hatten Interesse an einer Usability Studie und zur Präsentation flog ich mit der Propellermaschine von Flughafen Tempelhof nach Nürnberg zu Quelle. Wir bekamen den Auftrag und mir gelang es, dafür 18.000 DM in Rechnung zu stellen.

Damals gab es noch kein Büro, sondern nur eine Wohnung mit Kohleheizung, kaltem Wasser, undichten Fenstern und zerbröckelnder Fassade (der Putz war abgeklopft) in Prenzlauer Berg. Deshalb mieteten wir zur Durchführung des Usability Testings ein Business Center in der Rosenstraße in Berlin-Mitte.

Anfangs machte ich als typischer Gründer alles selbst. Ich richtete Computer, Netzwerke und Internetzugänge ein, programmierte die Firmen-Website, erstellte die Visitenkarten. Für einige der frühen Mitarbeiter richtete ich noch persönlich die Email ein.

Der Name von eye square entstand zufällig. Geschäftszweck war Image-Forschung und Interface-Optimierung. So war der Name entsprechend „image & interface“. Aus „image & interface“ wurde „i&i“, schliesslich „i2“. Da es nicht möglich war, eine Domain www.i2.com zu kaufen, schrieb ich den Namen aus und er wurde zu „eye square“. Dieser Name war gut, weil wir ab 2000 Eye Tracking Studien durchführten und „Quadrataugen“ auch zur Fernsehforschung passte. Die erste Eye Tracking Studie führten wir im Jahr 2000 durch. Ich hatte auf der HCI Konferenz in München ein Eye Tracking Gerät von SMI gesehen und wollte es einsetzen. So führten wir für einen der ersten Kunden - SevenOneMedia in München - eine Eye Tracking Studie zu TV Trailern durch. Die Eye Tracking Daten waren damals in Form von Einzelvideos aufgezeichnet (es gab noch keine Analyse- und Visualisierungssoftware). Der Kunde wünschte sich aggregierte Daten und so entwickelte eye square seine eigene Software zur Analyse und Visualisierung von Eye Tracking Daten.

Abb. 2: eye square PowerPoint Slide 1999


Die Basis von eye square war psychologisches Know How, denn beide Gründer waren Psychologen. Allein das Wissen aus dem Psychologiestudium – in diesem Fall Ingenieurpsychologie und Sozialpsychologie - reichte aus, um ein Markforschungsinstitut aufzubauen.

eye square GmbH wurde 1999 von Michael Schießl und mir gegründet und kombinierte Usability Forschung mit Marken- und Werbewirkungsforschung. 2001 wurde der Gesellschafterkreis um die Brenninkmeijer Holding GmbH erweitert und 2007 um TNS Global (Kantar Group / Member of WPP). 2001 erfolgte auch die GmbH Gründung und der Umzug an den jetzigen Standort in der Schlesischen Straße. Herr Brenninkmeijer war unser Business Angel. Über die Veranstaltung First Tuesday fand ich einen unsere späteren Mitgesellschafter, der den Kontakt zu Herrn Brennikmeijer herstellte. Wir bekamen einen Präsentationstermin und Herr Brenninkmeijer war sofort interessiert an einem Einstieg. So konnten wir die GmbH gründen und in das große Büro in der Schlesischen Straße ziehen (bzw. damals war es erst 1/3 der Fläche von heute).

Abb. 3: Prof. Hartmut Wandke


Prof. Hartmut Wandke verdanke ich mein Wissen über Mensch-Maschine-Systeme und Software-Ergonomie. Dieses Wissen war die Basis der Gründung von eye square. Bei eye square verantwortete ich später die Bereiche Marketing und Personal und sehr viele der von mir rekrutierten Mitarbeiter waren Absolventen der Ingenieurpsychologie von Prof. Wandke. Prof. Wandke war mir all die Jahre sehr behilflich beim Finden von geeigneten Mitarbeitern. Der Lehrstuhl Ingenieurpsychologie an der Humboldt Universität wird wahrscheinlich nicht weiter bestehen bleiben, was ein sehr großer Verlust für die Forschung und für die Wirtschaft wäre.

eye square führt für alle großen Kunden sowohl aus klassischen Branchen als auch aus der Internet Branche in den verschiedensten Ländern der Welt Studien durch. Das Angebot umfasst Werbewirkungsforschung, Shopper Research, User Experience Forschung. eye square & eBay wurden 2007 für die „Studie des Jahres“ über die Messung der Werbeeffizienz von eBay Online Werbung mit dem Preis der Deutschen Marktforschung ausgezeichnet.

2010 verließ ich die Geschäftsführung von eye square und 2012 stieg ich als Gesellschafterin aus. Ich wollte mich wieder ganz auf meine ursprüngliche Leidenschaft Usability konzentrieren. Neben Usability Beratung und Studien habe ich an einem Buch mitgeschrieben und viele Vorträge an Hochschulen und auf Konferenzen gehalten. Ausserdem bin ich sehr engagiert im World Usability Day Berlin Organisationsteam.

users‘ delight GmbH

Nach meinem Ausstieg bei eye square arbeitete ich an der Gründung von users’ delight GmbH im Jahr 2013. Dazu nahm ich am Berlin-Brandenburg Businessplan Wettbewerb teil – diesmal aber richtig! Ich schrieb einen kompletten Businessplan und besuchte alle Seminare zum Thema. Im Jahr 2000 bei der ersten Teilnahme am Businessplan Wettbewerb mit eye square ist der Businessplan leider nicht ganz fertig geworden, weil die Kundenaufträge uns überrannten…

Welche Motivation zur Gründung von users‘ delight gab es?

Die Motivation zur Gründung von users‘ delight war , eine fokussierte und schnelle Usability Dienstleistung in Form von Beratung und Studien für Kunden aus Unternehmen aller Größen anzubieten. Dies erschien mir in meiner Arbeit bei eye square als eine Marktlücke. Bislang kaufen hauptsächlich große, internationale Unternehmen Usability Dienstleistungen ein, weil sie die entsprechenden Budgets haben. Häufig werden diese Studien dann auch langfristig geplant und die Ergebnisse werden innerhalb eines größeren Zeitraumes umgesetzt. Die Entwicklung von Apps und Websites erfolgt allerdings in immer kürzeren Zyklen mit agilen Methoden. Deshalb sind hier auch die Marktforschungsmethoden anzupassen.

Wie hat die Branche sich verändert?

Die Branche hat sich in den letzten 15 Jahren sehr verändert. Es gibt sehr viel mehr Usability Anbieter, aber natürlich ist der Bedarf an Usability Services auch sehr gestiegen, gerade auch durch den Anstieg an mobilen Anwendungen. Außerdem haben einige große Marktforscher die Dienstleistung Usability in ihr Portfolio integriert, was den Markt für die kleineren Spezialangebieter natürlich veränderte.

Die Wichtigkeit von Usability für den Mittelstand ist erkannt; es gibt Initiativen vom Bundesministerium wie „Einfach intuitiv - Usability für den Mittelstand“. In Berlin gibt es „UseTree - Das Berliner Kompetenzzentrum für Usability-Maßnahmen“. In der Praxis allerdings scheint das Thema Usability noch nicht ganz im Mittelstand angekommen zu sein, da nach wie vor die großen Firmen die Hauptnachfrager dieser Dienstleistung darstellen.

Erfreulicherweise ist das Angebot der Hochschulen zur Ausbildung in dem Bereich zwischen Psychologie und IT viel differenzierter und umfangreicher geworden; besonders hervorheben möchte ich den neuen Studiengang Psychologie in IT der TU Darmstadt. Er ist eine Kombination aus Psychologie und Informatik; die Studenten lernen programmieren, aber auch Grundlagen der Kognitiven Psychologie. An der TU Berlin gibt es den Master Studiengang Human Factors. Und natürlich am allerwichtigsten: Der Studiengang Ingenieurpsychologie an der Humboldt Universität bei Prof. Hartmut Wandke.

Was mache ich beim zweiten Mal gründen anders?

Da ich ja immer noch dasselbe Fachgebiet habe, ist das gar nicht so einfach zu sagen. Ein großer Unterschied ist natürlich, dass ich dieses Mal alleine gegründet habe. Der Markt hat sich sehr verändert, darauf muss man sich einstellen. Und in vielen Dingen habe ich natürlich Erfahrung, und so geht beim zweiten Mal vieles einfacher und leichter. Und mein Netzwerk ist natürlich viel größer als damals!

Ein Unternehmen zu haben, bedeutet ständige Weiterentwicklung und Wandlung. Im Augenblick befinde ich mich gerade im Marken- und Website Relaunch: Mein neuer Brand ist nun SMIL.ING – We Do User Tuning.

Es bleibt spannend!

Weiterführender Link:
Geschichte und Tradition der Ingenieurpsychologie an der Humbold-Universität zu Berlin

Veröffentlicht am: 03.06.2014

 

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