Effizienter durch Meta-Analysen – alte Studien neu entdecken

Matea Platschek & Roland Herterich, Exevia

Fortschritt durch Forschung – diesem geläufigen Slogan ist nichts abzusprechen. Dabei ist Forschung jedoch nicht zwangsläufig mit Neuem gleichzusetzen.

Bereits vorhandene Studienergebnisse aus anderen Perspektiven auszuwerten, kann viele neue Erkenntnisse liefern und nebenbei die Forschung effizienter gestalten. Die Meta-Analyse ist ein geeignetes Mittel, um alte Studien neu zu entdecken und deren Erkenntnisgewinn voll auszuschöpfen. Wie man eine Meta-Analyse angeht und warum Sie neuen Forschungsprojekten manchmal überlegen ist, erklären Roland Herterich und Matea Platschek.

 “Wir planen eine umfassende Marktforschungsstudie und haben entsprechendes Budget bereitgestellt“. So oder so ähnlich hören wir es häufig, wenn es um neue Fragestellungen geht oder wenn Marktforschungsbudgets geplant werden. Eine Frage, die dabei immer mitschwingt und gestellt werden sollte, ist, welche Informationen schon vorhanden sind und ob die bestehenden Quellen möglicherweise bereits unter den neuen Fragestellungen ausgewertet wurden.

Hier kommt die Meta-Analyse ins Spiel. Sie ist ein bewährtes Vorgehen, um vorhandene Studien unter Anwendung neuer Fragestellungen gezielt zu durchforsten und systematisch auszuwerten. Diese Methode schöpft den Wert bereits durchgeführter Studien besser aus und kann darüber hinaus viele neue Erkenntnisse liefern. Dabei bietet es sich an, unterschiedliche Quellen und Studientypen zu analysieren – aus der Summe globaler als auch lokaler, qualitativer als auch quantitativer sowie komplexer als auch einfacherer Studien lassen sich in die Meta-Analyse vielfältige und wertvolle Informationen herausarbeiten. Ein solches Vorgehen ist zwar zeitaufwändig, jedoch weitaus kostengünstiger als eine Primärstudie.

So zeigen Meta-Analysen aufgrund der Vielzahl der ausgewerteten Studien neue Erkenntnisse z. B. hinsichtlich

  • Verständnis des Marktgeschehens und Trends
  • Behandlungswege in einer bestimmten Indikation
  • Ansatzpunkte für eine bestimmte Behandlung, Treiber & Barrieren
  • Positionierungsempfehlungen
  • Wissenslücken aufdecken für weitere Forschungsfragen und für die zielgerichtete Planung weiterer Primärerhebungen

Für welche Problemstellungen eignen sich Meta-Analysen?

Typische Fragestellungen für eine solche Meta-Analyse bzw. „Neu-Auswertung und -Bewertung“ von vorhandenen Studien sind:

  • Haupterkenntnisse/Insights von bestehenden Marktforschungsprojekten in einem bestimmten Indikationsbereich zu identifizieren
  • Strategische Fragestellungen von der Diagnose über die Behandlung bis zum Patientenmonitoring zu beantworten
  • Ansatzpunkte für eine bestimmte Therapie herauszuarbeiten
  • Einen Marktüberblick gewinnen inkl. Verordnungsverhalten, Einstellungen und Trends
  • Ansatzpunkte für eine Produktpositionierung zu finden
  • Wissenslücken aufdecken als Basis für weitergehende Marktforschungsprojekte

Generell finden sich in vielen Primärstudien thematische Fragestellungen und Ansätze, die nicht im Fokus der ersten Erhebung standen, später aber durchaus von Interesse sein können. Beispielhaft seien hier ein paar genannt:

  • Treatment und Patient Journey
  • Touchpoint Analysen
  • Market Landscape Studien
  • Segmentationen
  • Therapieadhärenz
  • Identifikation von KPIs
  • Gap-Analysen

Die so gewonnenen Erkenntnisse richten sich nach der Zielsetzung und den Forschungsfragen. Sie können je nach Datengrundlage sehr in die Tiefe gehen, aber auch Wissenslücken aufzeigen. Es ist selbstredend, dass man länderspezifische Unterschiede berücksichtigen muss und herausarbeiten sollte.

Wie funktioniert eine Meta-Analyse? Wie ist der Ablauf?

Das Vorgehen erfolgt relativ strukturiert und lässt sich an folgendem Schaubild gut darstellen:

Vorgehen Meta-Analyse Phasen (Bild: Exevia) | marktforschung.de
Meta-Analyse lassen sich in vier Phasen gliedern. (Bild: Exevia)

In einem Kick-off Meeting werden Zielsetzung und Hauptfragestellung definiert und der gewünschte Output abgeklärt.

Im anschließenden Teil (Sichtung, Analyse und Strukturierung) findet die Hauptarbeit statt, indem Materialien, Unterlagen und Berichte gesichtet und bewertet werden. Daten werden geclustert und strukturiert (nach Thema, Ländern und Zielgruppen), bevor erste Ergebnisse zusammengestellt werden.

In einem Feedback-Gespräch werden die vorläufigen Ergebnisse besprochen und diskutiert und die nächsten Schritte vereinbart (Feedback & Alignment).

Im Endbericht fließen möglicherweise noch zusätzliche Analysen ein, bevor die Schlussfolgerungen und Empfehlungen entwickelt werden. Die Ergebnisse werden in einer persönlichen Präsentation vorgestellt und diskutiert, um dabei offene Fragen zu klären.

Der beispielhafte Ablauf einer Meta-Analyse

Das Vorgehen einer Meta-Analyse kann an einem Beispiel gut verdeutlicht werden. Ein internationaler Konzern hat weltweit ca. 20 Marktforschungsprojekte in den letzten drei Jahren in einer bestimmten Indikationsgruppe durchgeführt und möchte eine Patient Journey aufstellen, auch wenn die Themen der auszuwertenden Studien andere Zielsetzungen verfolgten.

Patient Journey

Bei einer Patient Journey können sämtliche Informationen neu sortiert und aufgezeigt werden. Es finden sich in vielen Studien Hinweise auf Diagnosestellung, Behandlungsoptionen und -entscheidungen, Zuweisungen, Adhärenz und Therapieverläufe. Diese müssen aufgenommen, dokumentiert und entsprechend aufbereitet werden (s. Schaubild).

Patient Journey (Bild: Exevia) | marktforschung.de
Der Patient durchläuft während seiner Behandlung bestimmte Phasen – dieser Prozess wird auch als Patient Journey bezeichnet. (Bild: Exevia)

Zusätzlich werden Länderunterschiede identifiziert und dargestellt. Hier zeigt sich eine mögliche Schwäche der Meta-Analyse, da oftmals die Fragen bzw. Fragestellungen nicht direkt vergleichbar sind. Die Interpretation der Ergebnisse zwischen den Ländern ist daher nur mit Vorsicht anzustellen.

Aufgrund der inhaltlichen Analyse können auch Wissens- und Forschungslücken identifiziert werden, die bisher noch nicht abgedeckt wurden. So kann zielgenauer der Marktforschungsbedarf definiert werden – je nach Thema, Land oder Zielgruppe.

Grafik Wissens- und Forschungslücke (Bild: Exevia) | marktforschung.de
Identifikation von Wissens- und Forschungslücken (Bild: Exevia)

Was sind die Vor- und Nachteile von Meta-Analysen?

Eine Metaanalyse bietet einige Vorteile:

  • Das Potential vorhandener Daten kann besser ausgeschöpft werden
  • Sie schafft eine Informations- und Wissensbasis, auf der man aufbauen kann
  • Sie identifiziert Lücken, um das Budget für Primär-Marktforschung zielgerichteter zu nutzen

Sie ist insgesamt eine hervorragende Grundlage für eine marktforschungsgestützte Beratung, die in neue Marktforschungsprojekte münden kann – gezielt auf Basis bereits vorhandener Studienergebnisse. Damit trägt die Marktforschung zu einem zielgerichteteren Vorgehen bei und schont dadurch die Budgets signifikant bzw. eröffnet Freiräume für weitergehende Ansätze und weitere Projekte.

Über die Autoren:

Matea Platschek, Exevia
Matea Platschek studierte Politikwissenschaften mit Schwerpunkt auf Methoden, Statistik und Datenanalyse und sammelte bei Ipsos und GfK erste Erfahrungen in der Konzeption und Auswertung von Marktforschungsstudien. Bei Exevia betreut sie als Projektmanagerin insbesondere quantitative Projekte – national wie auch international. Sie hat Politikwissenschaft an der Universität Bamberg studiert.

 

Roland Herterich hat sowohl auf Agenturseite (GfK Healthcare) als auch in der Industrie (Pfizer/Pharmacia, J&J, Bionorica) gearbeitet, dabei 25 Jahre in leitenden Positionen: Marktforschung, Marketing, Vertrieb und Business Development – national und international. Er ist neben Norbert Schell Mitgeschäftsführer und Gründer von Exevia und spezialisiert auf strategische Projekte.

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