Leben Sie schon oder balancieren Sie noch?

Dr. Uwe Böning, BÖNING-CONSULT

Work-Life-Balance ist so viel mehr als eine Home-Office-Regelung. Denn der Punkt, an dem sich ein Mensch in seinem Leben zufrieden fühlt, ist individuell und kulturell sehr unterschiedlich. Lesen Sie hier, was Grundbedürfnisse, die soziale Situation und Ihre eigene Perspektive mit der Lebenszufriedenheit zu tun haben.

Dr. Uwe Böning, BÖNING-CONSULT

Dr. Uwe Böning, BÖNING-CONSULT

Hand aufs Herz: Was ist Ihr Traummodell einer idealen Lebensgestaltung?

  • Eine 20-Stunden-Woche bei gleichem Gehalt plus doppeltem Urlaub?
  • Ein Leben als Surf-Lehrer auf Hawaii?
  • Als Professorin wirken können?
  • Als Vorstand eines DAX-Konzerns gestalten können?
  • Als Bezieher/in eines bedingungslosen Grundeinkommens zu leben?
  • Sich als Künstler oder Schriftstellerin verwirklichen können?

Egal, welche Lösung Sie wählen würden, Sie stellen sich damit vor, mit der einen oder anderen Variante zufrieden oder vielleicht sogar glücklich zu werden. Damit sind wir bei der Antwort auf ein ganzes Fragebündel des modernen Zeitgeistes, das viele Menschen in der wohlhabenden westlichen Welt bewegt. Was ist ein gutes, ein erfülltes, ein gesundes Leben? Wie will ich meine Zeit gestalten? Was macht mich zufrieden oder gar glücklich? Was früher der Lockruf des Goldes war, ist heute die Frage nach der Work-Life-Balance.

Was brauche ich, um zufrieden zu sein?

Ist es Geld, Gesundheit oder die Anerkennung für meine Leistungen? Ist es die Erfahrung, geliebt zu werden? Oder eine Tätigkeit, die mich erfüllt? Das individuelle Bedürfnisprofil ist (fast) so unterschiedlich wie unsere Fingerabdrücke. Daher gibt es auch keine Glücks- oder Balance-Formel für alle. Und schon gar kein Glücksrezept als Instant-Lösung.

Man muss nicht unbedingt den Glücks- und Flow-Forscher Mihály Csíkszentmihályi gelesen oder mit ihm einen Kaffee getrunken haben, um spüren zu können, was für einen selbst wichtig ist: Aufmerksamkeit genügt. Oder Achtsamkeit. Oder Selbstreflexion. Antworten gibt es viele. Empfehlungen von Philosophen auch. Und illusionistische Vorstellungen von Unzufriedenen ebenfalls.

Keine Antwort stellt alle Menschen zufrieden. Körperbewusste Sonnenanbeter finden anderes fantastisch als Nachdenkliche, die es bedauern, nicht genügend Zeit für das Familienleben zu haben. Was Muscle-Shirt-Träger befriedigt, muss Hausmütter nicht unbedingt zufriedenstellen.

Glück entsteht dann, wenn wir uns vergessen und in einem Zustand oder einer Tätigkeit vollständig aufgehen. Das kann der Zielzustand buddhistischer Entrückung sein, das kann sein, das entscheidende Tor gemacht zu haben, eine nobelpreiswürdige Formel gefunden zu haben, ein fesselndes Buch zu lesen oder im Garten zu arbeiten. Wenn wir das in unserem Alltag hin und wieder erleben, können wir uns glücklich schätzen. Wenn nicht, sollten wir überlegen, wie wir das Beste aus dieser Tätigkeit machen können, um zufrieden zu werden.

Unsere Grundbedürfnisse entscheiden!

Die Suche nach der Work-Life-Balance erinnert an den Artisten auf dem Hochseil, der nur mit äußerster Konzentration, großer Ruhe und ohne hektische Bewegungen die Balance halten kann. Wissend, wohin er will, mit großer Klarheit im Hinblick auf seinen Körper und auf seine innere Befindlichkeit achtend. Spätestens seit Abraham Maslow wissen wir: Zufrieden bin ich, wenn ich so leben und handeln kann, dass ich meine wesentlichen Grundbedürfnisse befriedige, also wenn ich

  • das Gefühl der äußeren Sicherheit sowie der Sicherheit eines ungefährdeten Arbeitsplatzes habe,
  • körperlich fit bin, mich gut ernähre, ausreichend schlafe, meine Sexualität befriedigt erlebe, mich gesund halte und spürbar über Energie und Kraft verfüge,
  • Geborgenheit und Zuwendung von mir wichtigen Menschen erlebe, Liebe und Zuneigung sowie Anerkennung für mein Sosein erhalte,
  • soziale Akzeptanz erfahre, geschätzt und respektiert werde
  • mich selbst entfalten kann und ich ausleben kann, was in mir steckt und mich vorantreibt,
  • Leistung vollbringe, etwas erreiche oder erreicht habe, worauf ich stolz bin,
  • existenziell gesichert bin, also meinen Lebensunterhalt verdiene, ein Dach über dem Kopf habe und materiell abgesichert bin.

Die Verwirklichung dieser Bedürfnisse ist höchst individuell, wie es Maslow populär und Remo H. Largo noch einmal aktuell für die menschliche Entwicklung dargestellt haben. Jeder erlebt diese Realisierung anders: Bei leiser Musik in einer Hängematte schaukeln,unter komplexen Anforderungen ein Projekt erfolgreich beenden oder auch im Urlaub einen halben Tag arbeiten und den Rest des Tages genussvoll und der Umwelt zugewandt das Leben in all seinen Facetten erleben.

Spielen kulturelle Unterschiede eine Rolle?

Nicht nur Individuen, sondern sogar ganze Regionen und Länder unterscheiden sich in ihrer Arbeits- und Lebensgestaltung. In Japan z. B. entstand vor Jahren ein familiäres Problem, als die Fünf-Tage-Woche eingeführt wurde. Die Männer standen ihren Ehefrauen in den relativ kleinen Wohnräumen samstags buchstäblich im Weg. Ein anderes Beispiel sind die japanischen Rentner, die häufig immer noch für ihren ehemaligen Arbeitgeber arbeiten. Das Gefühl, gebraucht zu werden, erfüllt diese Menschen mit Zufriedenheit. Neben Fons Trompenaars war es Geert Hofstede, der in umfangreichen Studien verschiedene relevante Kultur-Dimensionen identifizierte:

1. Ich oder Wir?

In Asien herrscht traditionell eine Kultur der Orientierung an der Gemeinschaft. Im Westen ist das eher umgekehrt: Wir versuchen, unsere individuellen Interessen vor alles andere zu stellen. Was hat das mir Ihrer persönlichen Work-Life-Balance zu tun? Wenn sie wissen, ob sie der "Ich"- oder der "Wir"-Typ sind, können sie ihren Bedürfnissen (s. o.) besser gerecht werden.

2. Die Zeitperspektive: "Heute das schnelle Glück" vs. "Was bleibt von mir?"

Hier ist die Bedeutung von Tradition und langfristiger Perspektive gemeint. Europäer und Nordamerikaner leben mehr im Hier und Jetzt. Die innere Zeitschiene hat im Westen einen deutlich kürzeren Horizont. Inwieweit schauen Sie voraus, um zu wissen, ob Sie auf dem richtigen Weg zu einer ausgewogenen Lebensgestaltung sind? Fehlt Ihnen etwas zu Ihrer Zufriedenheit?

3. Genuss oder Selbstbeherrschung?

Ein weiterer Aspekt ist die Zurückhaltung im Ausdrücken und Ausleben von eigenen Wünschen und Bedürfnissen. Walter Mischel hat gezeigt, dass die Fähigkeit, die Erfüllung eines Wunsches aufzuschieben, ein wichtiger Faktor für den Erfolg im Leben und den positiven Umgang mit Enttäuschungen und Stress ist. Können Sie kurzfristig verzichten, um langfristig erfolgreich und zufrieden zu sein?

4. Mit Unsicherheit leben?

Wie viele Versicherungen haben Sie abgeschlossen? Was trifft für Sie zu: "No risk – no fun!" oder eher "auf Nummer sicher gehen"? Welche materiellen und emotionalen Sicherheiten benötigen Sie, um im inneren Gleichgewicht zu sein?

5. Es lebe der (kleine) Unterschied!

In skandinavischen Ländern wird die weibliche Rolle weniger deutlich von der männlichen unterschieden. Hier ist die Gleichberechtigung am weitesten verbreitet: Männer erledigen öfter als anderswo den Haushalt und Frauen machen Karriere. Wie sieht Ihre Wunsch-Rolle im idealen Lebensentwurf aus? Brauchen Sie mehr Arbeit oder mehr Privatleben und Freizeit, um sich ausbalanciert zu fühlen?

6. Hierarchisches Denken: Wer trifft die Entscheidung?

Was mögen Sie eher: Wenn Ihnen gesagt wird, was Sie tun sollen, oder wenn Sie selbst entscheiden können, was gemacht wird? Wie viel Verantwortung empfinden Sie als Ballast, wie viel als Herausforderung? Wann ist die Waage für Sie austariert?

Welchen Einfluss hat die soziale Lebenssituation?

Das Milieu prägt den Menschen. Auch Karl Marx meinte einmal, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt. Das berufliche und materielle Sein, also die wirtschaftliche Situation, prägt vor allem den sozialen Status. Je nach unseren Ansprüchen genügen zwei Zimmer, Küche, Bad. Andere brauchen ein Luxus-Appartement oder Haus und Hof oder einen Rolls Royce. Denn wenn ich das entsprechende Bedürfnis nicht stillen kann, werde ich unzufrieden. Woher kommt dieser Anspruch? Ist es mein eigener? Oder erfülle ich damit wahrgenommene Erwartungen meiner Familie oder meines Umfeldes? Was macht mich wirklich zufrieden im Leben? Was fehlt mir zur guten Balance?

Wie wirken sich die Veränderungen durch die vierte industrielle Revolution auf meine innere Balance aus?  Mit dem Handy jeden Geschäfts- oder Liebespartner an fast jedem Punkt der Erde erreichen zu können, ist zweifellos ein Fortschritt. Gleichzeitig ist die zu beobachtende Smartphone-Abhängigkeit eine neue Form von Suchtverhalten. Automobil-Konzerne verbieten schon länger, im Urlaub E-Mails zu lesen, oder verhindern bei Führungskräften oder Spezialisten die Dauererreichbarkeit per E-Mail am Wochenende. Die Server werden zu einer bestimmten Uhrzeit einfach abgeschaltet. Oder nehmen wir soziale Netzwerke: Inwieweit erfüllen wir unsere Bindungsbedürfnisse virtuell durch "friends" und "likes" in sozialen Netzwerken? 

Wie viel Stress haben Sie?

Zu viel? Zu wenig? Oder ist es ausgewogen? Es geht darum, das richtige Maß zu finden. Nicht "entweder – oder", sondern "in welcher Qualität?". Wir kennen beides: negativen (Dis-)Stress und positiven (Eu-)Stress. Was wir immer wieder auf höchst unterschiedliche Art und Weise suchen, ist der als abwechslungsreich, angenehm, prickelnd, herausfordernd und vitalisierend empfundene Reiz. Ob die Achterbahn-Fahrt, der sportliche Wettkampf, der neue Job oder die neue Partnerschaft – alles dies ist (positiver) Eustress. Daher muss die Frage nicht lauten, ob mir der Stress etwas ausmacht, sondern wie ich mich gestresst am besten fühle.

Eustress wollen wir, Disstress sollten wir meiden. Deshalb: Denken Sie an den alten Griechen Epiktet: Der dachte kurz und richtig: "Es sind nicht die Dinge an sich, die uns belasten. Es ist unsere Sicht der Dinge!"

Also: Wenn ich mich als handlungsfähig erlebe, werde ich andere Strategien wählen und konsequenter umsetzen, als wenn ich mich als Opfer meiner Lage betrachte und mich bedaure. Die selbst wahrgenommene „Selbstwirksamkeit“ ist eine zentrale Voraussetzung für situative Problemlösungen – wie eine konstruktive Lebensgestaltung überhaupt.

Was ist meine Perspektive? Was ist mir wichtig?

Ist Ihr Glas noch halb voll oder bereits halb leer? Sie sind selbst "Ihres Glückes Schmied". Übernehmen Sie die Verantwortung für Ihr Leben, bevor es ein anderer tut!

  • Also prüfen Sie, was für Sie wichtig ist: Die Grundsatzfrage heißt eben nicht: "Leben Sie, um zu arbeiten, oder arbeiten Sie, um zu leben?" Vielmehr ist Arbeit eine potenzielle Quelle von Eustress und positiven Lebensinhalten: Es kommt darauf an, welche Möglichkeiten Sie sich schaffen. Wer soll es denn sonst für Sie tun?
  • Die Frage heißt: Wie gestalte ich meine Arbeit und mein Leben, um zufrieden zu sein?
  • Rufen Sie mal Ihre Psyche an oder kontaktieren Sie Ihren Körper: Sprechen die beiden noch mit Ihnen?

Gehe zurück auf Los: Was ist Ihr ideales Lebensmodell?

Sind Sie sicher, dass Sie zu Ihrer aktuellen Lebensgestaltung heute noch "Ja" sagen würden? Was müssen Sie verändern, um Ihren Lebensentwurf umzusetzen? Und wann fangen Sie mit der Umsetzung an?

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