Warum gerade die Marktforschungsbranche kein schlechtes Terrain für Frauen ist

Interview mit Beate Irmer

Beate Irmer ist Geschäftsführerin des Spiegel Institut Mannheim. Mit marktforschung.de sprach sie über ihren Karriereweg und über Unterschiede zwischen Frauen und Männern in der Art zu führen.

Beate Irmer, Spiegel Institut

Beate Irmer, Geschäftsführerin des Spiegel Institut Mannheim

marktforschung.de: Wie gestaltete sich Ihr persönlicher Einstieg in die Marktforschungsbranche und der weitere Karriereweg?

Beate Irmer: Der Einstieg war eher ein Zufall. Ich studierte BWL und suchte einen Nebenjob, während ich meine Diplomarbeit schrieb. Durch einen Aushang an der Uni landete ich dann als freie Mitarbeiterin beim Spiegel Institut, das damals noch in Brühl war. Interessanterweise hatte ich zwar schon eine in Teilen empirische Diplomarbeit geschrieben, aber selbst gar nicht an einen Arbeitsplatz in der Marktforschung gedacht, denn mein Schwerpunkt lag im Consulting. Als ich nach dem Studium eine Zusage von einer Bank bekam, fragte mich das Spiegel Institut bevor ich diesen Vertrag unterschreiben konnte, ob ich nicht bleiben möchte. Da ich mich dort immer wohl gefühlt hatte und ja bereits das Team kannte, sagte ich zu.

Ich habe also vor 18 Jahren als Junior Researcher angefangen, wurde relativ zügig Leiterin der internationalen Forschung, habe das Partnernetzwerk mit aufgebaut und bin dann vor rund vier Jahren in die Geschäftsführung gewechselt. Vom Tellerwäscher zum Millionär trifft es nicht wirklich, aber ich habe sämtliche Tätigkeiten ausgeübt: ich war unter anderem Interviewer, war für das Eingeben von Daten zuständig, habe Teilnehmer rekrutiert und Research-Projekte betreut.

marktforschung.de: Denken Sie, dass Sie bei Ihrem Weg die Karriereleiter hinauf gegen Widerstände ankämpfen mussten, die ein Mann aus Ihrer Sicht so nicht erlebt hätte?

Beate Irmer: In gewissem Maße musste ich mich schon durchsetzen. Wobei ich immer sehr viel Unterstützung von den Inhabern des Spiegel Institut hatte, also von Uta und Götz Spiegel. Rückblickend ist es aber so, dass es bei meinen zwei männlichen Geschäftsführungskollegen, die die anderen Tochterunternehmen leiten, natürlicher war, dass sie die Karriereschritte vollziehen. Ich kann das ja nur aus meiner persönlichen Sicht schildern, aber ich habe schon das Gefühl, dass ich klarer für mich eintreten und auch deutlich machen musste, was ich kann und machen möchte. Man traut wohl immer noch Männern den einen oder anderen Karriereschritt eher zu. Frauen müssen dagegen auf sich aufmerksam machen und sagen: Hallo, ich kann das auch! Ich bin mir sehr sicher, dass die Tatsache, dass ich eine Frau bin, für meine Vorgesetzten bewusst nie eine Rolle gespielt hat. Es sind sicher eher unbewusste Prozesse, die da ablaufen.

marktforschung.de: Gab es neben den Inhabern des Spiegel Institut jemanden, der Sie vielleicht auch gerade zu Beginn Ihrer Karriere gefördert hat?

Beate Irmer:
Nein, eigentlich nicht. Wir waren allerdings auch zu Anfang ein sehr kleines Unternehmen mit fünf Mitarbeitern. Mittlerweile haben wir rund 130 Mitarbeiter an verschiedenen Standorten, unter anderem auch in China. So war zu Anfang vieles erst im Aufbau und ich fand keine festgefügten Strukturen vor, was natürlich Vorteile hat. Manches wurde erst mit dem Wachstum des Unternehmens entwickelt, etwa welche Abteilungen, welche Bereiche es gibt und wer für was zuständig ist. Natürlich musste ich dann auch sagen, was ich gerne übernehmen möchte und was ich kann.

marktforschung.de: Sie sind also sozusagen mitgewachsen …

Beate Irmer: Ja genau, das hat natürlich sowohl Vor- als auch Nachteile. Kommt man in gewachsene Strukturen, weiß man, wie es ist und was einen erwartet, hat aber auch weniger Gestaltungsspielraum. Bei uns konnten wir alles gemeinsam definieren, was natürlich sehr herausfordernd und interessant ist. So muss aber auch jeder seinen Platz oder seine Nische finden und es muss erst geklärt werden, wer wem etwas zu sagen hat und wer wirklich gleichrangig ist.

Warum das Frau-Sein auch Vorteile hat

marktforschung.de: Wenn wir die Branche außerhalb Ihres Unternehmens betrachten, inwiefern gehen Menschen im beruflichen Umfeld mit Ihnen als Frau anders um, als sie es vermutlich mit einem Mann tun würden?

Beate Irmer: Ich glaube in der Tat, dass wir Frauen einen gewissen Schutzraum haben. Wenn ich mir da meine männlichen Kollegen anschaue, muss ich sagen, bei denen pfeift der Wind manchmal ganz gut von vorne, da wird weniger Rücksicht genommen. Natürlich gibt es auch Kunden, die mir direkter gegenübertreten, aber in der Regel habe ich als Frau einen gewissen Bonus und werde nicht ganz so hart angegangen – zumindest dauert es eine Weile bis es dazu kommt.
Insgesamt ist die Marktforschungsbranche sicher ein ganz gutes Terrain für Frauen. Sie können sich an vielen Stellen, etwa als Unit-Leiterinnen behaupten, trotzdem sind bei vielen großen Unternehmen der Branche noch ausschließlich Männer an der Spitze.

marktforschung.de: Was denken Sie, können gerade Sie als Frau in einer Führungsposition für andere Frauen tun? Und was würden Sie Frauen raten, die Karriere machen möchten?

Beate Irmer: Ich stelle fest, dass unsere jungen Kolleginnen bereits mit einem guten Selbstbewusstsein ausgestattet sind. Sie sehen vieles selbstverständlicher, sie stellen sich selbst auch gar nicht so in Frage, nach dem Motto: Kann ich das wirklich? Bin ich dafür die Richtige? Und das meine ich durchweg positiv. Auf der anderen Seite ist es schon auch so, dass Kollegen eher auf sich aufmerksam machen und immer irgendwie präsent sind, während Kolleginnen eher still und zuverlässig ihre Arbeit machen, dabei aber gar nicht weiter auffallen. Um es mal salopp zu sagen: Männer machen schon meist ein bisschen mehr Gedöns.

Da sind wir dann als Führungskräfte gefragt, es uns an der Stelle nicht zu einfach machen: Komme ich einem Mann, der bei Gehaltsverhandlungen forsch und fordernd auftritt entgegen, weil er wirklich gute Arbeit macht oder nur weil er sich besser verkauft? Und einer Frau, die nur lieb und nett anfragt, gebe ich nichts oder nur wenig, weil ich weiß, dass nicht viel passiert? Hier muss man als Führungskraft gerecht bleiben und wirklich nur die Leistung beurteilen und darf nicht einfach den Weg des geringsten Widerstands gehen. Ich habe auch schon öfter Kolleginnen in Mitarbeitergesprächen dazu aufgefordert, mehr Werbung für sich zu machen. An der Stelle müssen aber auch Frauen die Spielregeln verstehen, denn allein durch höfliche Zurückhaltung kommt man nicht weiter. Bei uns hat wirklich jeder die gleichen Chancen, aber die, die lauter trommeln, werden eben auch eher gesehen.

Netzwerken, aber richtig

marktforschung.de: Gemeinhin heißt es ja, Männer hätten mehr Talent sich zu vernetzen – wie wichtig ist aus Ihrer Sicht gerade für Frauen das Thema Vernetzung?

Beate Irmer: Männer sind in der Tat schneller dabei zum Hörer zu greifen, um einen Kumpel um Unterstützung oder einen schnellen Rat zwischendurch zu fragen. Frauen überlegen eher, ob sie jemanden im Netzwerk gerade stören dürfen oder ob sie überhaupt nachfragen können oder was das Gegenüber denken könnte. Ich glaube Männer machen sich hier im Gegensatz zu Frauen überhaupt keine Gedanken, sie erkundigen sich einfach. So ein Netzwerk, das einem mit Rat und Tat zur Seite steht, ist aber wirklich super wichtig, das stelle ich gerade in meiner Position fest. Reine Frauen-Netzwerke finde ich allerdings nicht so glücklich, weil hier ja Frauen wieder einmal nur unter sich sind, besser sind Netzwerke unabhängig vom Geschlecht.

marktforschung.de: Führen Frauen aus Ihrer Sicht anders als Männer oder ist das zu sehr in Klischees gedacht?

Beate Irmer: Ich glaube schon. Frauen hinterfragen ihre Entscheidungen lieber noch drei Mal und überlegen, ob man etwas wirklich so machen kann oder was ein Mitarbeiter denkt, dessen Arbeit von der Entscheidung beeinflusst wird. Ich versuche zum Beispiel auch zu antizipieren, wie das Gegenüber reagieren wird, so etwas machen Männer wohl eher weniger. Wenn ich mit meinen männlichen Geschäftsführungskollegen diskutiere, heißt es dann oft, ja wieso, mach doch einfach. Letzten Endes komme ich wahrscheinlich auf dasselbe Ergebnis, wie die Kollegen, habe mir aber viel mehr Gedanken gemacht. Häufig auch überflüssigerweise, wie ich dann zum Beispiel an der Reaktion der Mitarbeiter feststellen kann, wenn ich etwas kommuniziere.

marktforschung.de: Haben Sie Einblick in andere Branchen, etwa auf Kundenseite? Gibt es Unterschiede zwischen den Branchen im Umgang mit dem Thema Gleichberechtigung?

Beate Irmer: Wir arbeiten häufig für die Automobilindustrie, für Zulieferer und Unternehmen der Technikbranche. Üblicherweise gilt der Bereich als Männerdomäne, in den Fachabteilungen gibt es durchaus auch eher männliche Mitarbeiter, gerade in den technischen Entwicklungsabteilungen. In den Marktforschungsabteilungen sind es doch eher Frauen. Die müssen sich in der Tat sehr gut durchsetzen können, vor allem in den großen internationalen Konzernen. Vom Auftreten her sind diese Frauen sehr klar, sie wissen ganz genau, was sie möchten, gerade die, die eine Teamleitungsfunktion innehaben oder eine Business Unit leiten. Da merkt man schon, wer die Fäden in der Hand hat – das imponiert auch mir. Es scheint in solch großen Konzernen noch einmal eine Spur härter zu sein, sich als Frau durchzusetzen.

Warum Frauen einfach weiter dranbleiben müssen

marktforschung.de: Wann denken Sie wird das Thema Frauen in Führungspositionen, wenn wir die Gesellschaft insgesamt betrachten, selbstverständlich sein?

Beate Irmer: (lachend) Ich hoffe 2017 spätestens. Nein ernsthaft, wenn wir uns anschauen, wie lange es schon Thema ist, was sich alles schon getan hat oder eben auch nicht, ist es glaube ich nach wie vor ein zäher Weg. Die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre wird uns das Thema sicher noch begleiten. Das Selbstverständnis der Frauen nimmt zu und Frauen wissen auch mehr über die Machtstrukturen und wie man durch die Glasdecke kommt. Aber es hängt eben nicht nur von den Frauen selbst ab, sondern es gibt einfach Strukturen, die sich erst ändern, wenn die entsprechenden Köpfe ausgetauscht worden sind. Da müssen wir Frauen einfach noch weiter dranbleiben.

marktforschung.de: Können Sie aus Ihrer persönlichen Erfahrung einen Vergleich zu der Situation in anderen Ländern wagen?

Beate Irmer: Wir haben ja Büros in Peking und Shanghai, die von chinesischen Mitarbeiterinnen betreut werden. In China scheint es so zu sein, dass bis zu einer gewissen Ebene Frauen und Männer auf Augenhöhe sind und dass hier auch noch eher unabhängig vom Geschlecht rein die Leistung zählt. Oberhalb dieser Ebene ist für Frauen dann anscheinend Schluss. Unternehmer oder Fabrikanten sind klassischerweise fast ausschließlich Männer. Frauen gründen mittlerweile aber verstärkt Start-ups und sind auf dem Gebiet sehr erfolgreiche Unternehmerinnen.

marktforschung.de: Inwiefern hat sich Ihr Karriereweg auf Ihre persönliche Lebensplanung ausgewirkt?

Beate Irmer: Ich denke, man muss sich klar sein, dass die Geschäftsführung kein Job ist, der irgendwann aufhört, im Gegenteil, er hört eigentlich nie auf. Ein Urlaub ist für mich eigentlich nur ein Ortswechsel, denn ich bin mit leichten Einschränkungen genauso erreichbar wie im Büro auch, es gibt keinen Tag, an dem ich nicht mit dem Büro kommuniziere. Das muss man wissen und auch wollen und dann muss alles andere mitspielen. Aber das funktioniert ohnehin nur, wenn man Spaß an dem Job hat und da spielt es auch keine Rolle, ob Frau oder Mann. Ich glaube als Frau kann ich besser organisieren und mit beruflichen und privaten Verpflichtungen jonglieren.

Das Interview führte Dorothee Ragg.

Veröffentlicht am: 27.06.2016

 

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