Online-Diskussionen besser machen mit künstlicher Intelligenz

Holger Geißler & Henrik Tesch, Debatoo

Wenn Menschen im Netz debattieren, endet das nicht unbedingt konstruktiv. Wie Meinungsäußerungen – und hier kommt die Marktforschung ins Spiel – in Online-Diskussionen mit KI moderiert werden können, erläutern Holger Geißler und Henrik Tesch.

Henrik Tesch & Holger Geißler

Henrik Tesch & Holger Geißler

Good or Evil? Oder beides?

"Durch den Taschenrechner haben die Menschen verlernt zu rechnen. Durch künstliche Intelligenz werden die Menschen verlernen, eigene Entscheidungen zu treffen", schreibt der Investment Punk alias Gerald Hörhan, am 28.6.2019 in seinem Instagram-Blog.

"We can build a much brighter future where humans are relieved of menial work using AI capabilities.", schreibt Andrew Ng, KI- und Robotik- Experte.

Wann immer eine neue Technologie wie Künstliche Intelligenz, IoT oder Block Chain den Hype-Cycle betritt, gibt es zunächst entweder Befürworter oder Gegner. Schwarz oder Weiß. Man lehnt ab oder ist enthusiastisch. Dass dürfte in der Regel eher mit der Persönlichkeit des Autors zu tun haben, als mit dem Thema selbst. Wie bei so vielem, liegt die Wahrheit wahrscheinlich:

  • "irgendwo dazwischen"- d.h. die Technologie wird positive Seiten haben, aber wahrscheinlich auch Nebenwirkungen zeigen.
  • "auf dem Platz" - d.h. entscheidend ist, was man daraus macht.

Dieser Gedanke findet sich auch in dem Zitat von Oren Etzioni, Professor für Informatik und Geschäftsführer des Allen Institute for Artificial Intelligence, wenn er schreibt: "AI is neither good nor evil. It's a tool. It's a technology for us to use."

Leider verbringen viele Menschen gerne Zeit damit darüber zu diskutieren, ob künstliche Intelligenz teuflisch oder göttlich ist, statt einfach mal loszulegen und auszuprobieren.

Wo liegt das Problem, das man mit KI lösen kann?

Wir glauben daran, dass künstliche Intelligenz nützlich sein kann. Zumindest für Online-Kommunikation. Schon seit den Anfangstagen des Internets, in den Chaträumen des IRC oder des AOL Instant Messenger, zeigten sich die Probleme, die uns heute in z.B. WhatsApp, Slack oder in Online-Foren noch immer das Leben schwer machen: Online-Diskussionen werden schnell unübersichtlich, sie drehen sich im Kreis, Argumente wiederholen sich, man redet aneinander vorbei, und gemeinsame Entscheidungen oder Kompromisse werden selten ausgehandelt. Soziale Normen rücken in den Hintergrund, Beleidigungen in den Vordergrund - vor allem bei Teilnehmern, die sich nicht persönlich kennen. "Viele politische Online-Debatten neigen dazu, toxisch zu werden" so Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der Eröffnungsrede zur re:pulica 2019. Diese Schwierigkeiten und die vom Gesetzgeber auferlegte Haftung für Betreiber von Websites haben dazu geführt, dass viele Kommentarfunktionen auf Seiten wie z.B. der Tagesschau, der Deutsche Welle oder des Sterns ganz oder teilweise abgeschaltet wurden. Zu viel Hass, zu viel Arbeit für Redaktionen, die große Menge an Kommentaren auf strafbare Inhalte durchzusehen.



Das mag vielleicht in der Natur der Sache liegen, wenn man mit verdecktem statt offenem Visier debattiert. Aber warum eigentlich sollte man sich damit abfinden? Warum nicht das große Potenzial von Online-Beteiligung ausnutzen?

Just do it – KI im Einsatz bei Debatoo

Könnte man nicht künstliche Intelligenz dazu einsetzen, um die altbekannten Probleme von Online-Kommunikation in den Griff zu bekommen? Das dachte sich auch das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Diskussion (DFKI), das weltweit größte öffentliche Forschungszentrum für künstliche Intelligenz. Zwischen 2014 und 2017 wurde hier in einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützten Projekt das Tool "Common Round" entwickelt, das das Vorgängermodell und der Ursprung unserer Software Debatoo ist. Debatoo setzt KI-Methoden wie Machine Learning und Deep Learning ein, um Online-Diskussionen besser und angenehmer zu machen. Nutzerkommentare, Antworten oder Posts werden von der KI auf folgende Fragen hin analysiert:

  • Ist das Argument bereits vorhanden?
  • Gehört das Argument überhaupt zum Thema?
  • Ist das Sentiment des Kommentars positiv oder negativ?
  • Enthält der Kommentar Hate-Speech oder andere regelwidrige Inhalte?

Je nachdem, wie die Prüfung ausfällt, greift die Debatoo-Software strukturierend in den Diskussionsverlauf ein. Dabei geht kein Argument verloren, sondern findet sich im jeweiligen Themencluster wieder.



Eine passende Analogie wäre ein Moderator, der die Diskussionsteilnehmer wieder auf den Kern der Diskussion zurückführt und verschiedene Argumente zusammenführt. Oder der eingreift, wenn die Teilnehmer in ihren Äußerungen zu weit gehen. Auch eine KI muss ihr Handwerk erst lernen, weshalb aktuell zusätzlich noch ein Redaktionsteam im Hintergrund auffällige Kommentare überprüft und die KI anlernt. Es ist im Übrigen immer ein Mensch, der entscheidet, ob ein Post nur kontrovers und zugespitzt oder strafrechtlich relevant ist.

Die Einsatzfelder für Debatoo sind überall dort, wo Menschen online diskutieren. So z.B. bei Infrastrukturprojekten, an deren Entscheidungsprozessen sich Bürger aktiv beteiligen sollen. Oder wie im oben erwähnten Fall bei Medien, die ihre Diskussionen nicht abschalten wollen, aber die Vielzahl von Nutzerkommentare nicht in den Griff bekommen. Auch im Bereich der Marktforschung kann Debatoo als Alternative zu klassischen Fokusgruppen eingesetzt werden. Immer dann, wenn man ausgehend von der Leitfrage sehen möchte, wie sich der Diskussionsprozess ohne die Beeinflussung durch einen Leitfaden entwickelt. Und letztlich ist Debatoo auch für jedes größere Unternehmen nützlich, um Entscheidungen und Veränderungen mittels Online-Diskussion vorzubereiten und herbeizuführen.

Um noch einmal unseren Bundespräsidenten zu zitieren, diesmal bei seiner Rede auf dem Kirchentag in Dortmund: "Nicht um die Digitalisierung der Demokratie müssen wir uns zuallererst kümmern, sondern um die Demokratisierung des Digitalen!". Der Einsatz von KI kann da unserer Meinung nach gute Dienste leisten.

Zu den Autoren:

Holger Geißler hat in Heidelberg Psychologie studiert und ist Markt- und Werbepsychologe. Er verfügt über langjährige Erfahrung in der Markt- und Meinungsforschung, u.a. war er Vorstand bei YouGov Deutschland, bei DCORE und bei DataLion. Er ist Mitglied in der Geschäftsführung der Debatoo GmbH.

Henrik Tesch ist studierter Politikwissenschaftler und verfügt über zwanzig Jahre Erfahrung im Bereich Politischer Kommunikation und PR, u.a. für Microsoft und Cisco. Er ist geschäftsführender Gesellschafter der Debatoo GmbH.

Veröffentlicht am: 04.07.2019

 

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