CATI – gereift, gesichert, geeignet

Birgit Jesske (infas)

Von Birgit Jesske, Bereichsleiterin Datenerhebung bei der infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft GmbH

Dass das klassische Telefoninterview in der empirischen Forschung ein alter Hut ist, kann infas in keiner Weise bestätigen. Die rund 170 Interviewplätze des Instituts sind insbesondere zum Jahresende restlos ausgelastet. Anderen Telefonstudios geht es ähnlich. Und das, obwohl es doch etwa mit Online- und neuerdings Social Media-Forschung junge Konkurrenz zu den traditionellen Erhebungsmethoden gibt. Doch gibt es zahlreiche handfeste Gründe für das Telefon, die bereits seit rund 50 Jahren immer wieder genannt werden – so lange optimieren die Forschungsinstitute bereits die telefonischen Befragungen.

Schnell und beaufsichtigt

Im Vergleich zu Face-to-Face- oder dem schriftlichen Fragebogen ist die telefonische Befragung am schnellsten, gegen Online-Erhebungen kann sie aber nicht konkurrieren. Stimmt das? Auch online benötigt Zeit. Via Internet ist nur schnell, wenn in einem Rutsch große Stichproben angemailt und zur Teilnahme aufgerufen werden. Fragwürdig, weil dann nur jene eine Teilnahmechance haben, die in diesem kurzen Moment gerade Zeit haben. Werden hingegen Maßnahmen zur Verbesserung der Erreichbarkeit getroffen, schwindet der Geschwindigkeitsvorteil zumindest gegenüber leistungsstarken Telefonstudios.

Unerreicht ist die telefonische Befragung in Sachen Kontrolle. Der Schulterblick durch erfahrene Projektleiter und Supervisoren während des Interviews ist in keiner anderen Erhebungsform derart umfassend möglich. So können Fehler in der Befragung ausgeschlossen werden – und zwar auf allen Ebenen: Verständnisprobleme, fehlende oder unpräzise Antwortkategorien oder systematische Auswahlfehler. Dadurch ist sichergestellt, dass befragt wird, wer befragt werden soll, erfragt wird, was erfragt werden soll und verstanden wird, was verstanden werden soll. Wie viele Fehlerquellen diese selbstverständlichen Anforderungen gefährden, kann nur der ermessen, der regelmäßig selbst telefonische Befragungen leitet oder an gelegentlich grauenhaften Online-Befragungen teilgenommen hat. 

Umfassend erforscht

Gegen die telefonische Befragung spricht vermeintlich die sinkende Teilnahmebereitschaft in der Bevölkerung. Und ja, in Zeiten von unerwünschten Direktmarketing- und dubiosen Gewinnspielanrufen ist die Zurückhaltung auch nachvollziehbar. Hinzu kommt, dass das Festnetztelefon von immer mehr Bundesbürgern durch das Handy ersetzt wird. Letzterem begegnen seriöse Forschungsinstitute mit dem Dual-Frame-Ansatz, dessen Entwicklung infas maßgeblich mitentwickelt hat. Dabei werden Mobilfunknummern in die Stichprobe mit einbezogen, so dass eben auch jene Bevölkerung erreicht wird, die nur noch via Handy telefoniert. 

Auch die niedriger werdende Ausschöpfung kann verlässlich kompensiert werden. Hierzu hat die Forschung in den vergangenen Jahrzehnten überprüfte Verfahren entwickelt, um Stichprobenverzerrungen auszuschließen. Gerade neueren Erhebungsmethoden, die ebenfalls unter einer deutlichen Befragungsmüdigkeit in der Bevölkerung leiden, fehlen derartige Verfahren und Möglichkeiten hingegen. 

Zulässige Hochrechnung

Ein unschätzbarer Vorteil von Telefonstichproben ist, dass eine Inklusionswahrscheinlichkeit bestimmt werden kann – also die Chance einer Person, in die Stichprobe einbezogen zu werden. In Zeiten von Online-Panels wird diese Anforderung gerne vernachlässigt, nicht berücksichtigt oder einfach verschwiegen. Jedoch ist das eine wesentliche Voraussetzung für eine Verallgemeinerung der Ergebnisse der Stichprobe. Jeder Statistiklehrer wird bestätigen, dass es ohne eine solche bestimmbare Wahrscheinlichkeit einer Person, in die Stichprobe zu gelangen, unzulässig ist, zu behaupten, man könne etwas über die Grundgesamtheit aussagen. Das Problem ist: Es gibt so gut wie keine Stichprobe aus Online-Panels, wo eben diese Voraussetzung erfüllt ist. Kein Problem? Wir finden schon.

Wortwörtlich preiswert

Viele Vorteile, die es allerdings nicht umsonst gibt. Gegen eine schnelle Do-it-yourself-Online-Befragung kann eine Telefonbefragung preislich nicht konkurrieren. Qualitätskontrolle, geschulte Interviewer, zuverlässige Technik kosten einfach mehr als temporärer Serverplatz und Befragungssoftware. Andererseits sorgen technische Errungenschaften wie Dialer und effiziente Telefonstudiosteuerung für Einsparungen. Bei Stichproben sind bei infas inzwischen Vorfilterungen möglich, die unnötige Screeninganrufe vermeiden, ohne die Qualität zu beeinträchtigen. Viele Auftraggeber sind bereit, den Aufwand für eine telefonische Befragung zu tragen, obwohl günstigere Verfahren konkurrieren. Der Trend geht zudem bei vielen Studien dahin, mehrere Kanäle zu nutzen und der Zielperson die Option zu lassen, ob sie online, telefonisch oder schriftlich an einer Studie teilnehmen will.

Die Entscheidung für eine Erhebung am Telefon beruht weniger auf dem starren Verharren auf einen bestimmten Kommunikationskanal, sondern vielmehr auf dem Wissen, dass alle Erhebungswege ihre Vor- und Nachteile haben. Bei den telefonischen Befragungen sind diese allerdings gegenwärtig am besten erforscht und der Umgang mit den Nachteilen sehr intensiv optimiert. Sie ist quasi im besten Alter – gereift und solide. Viele Auftraggeber schätzen das, wie die ausgelasteten Studios im Jahr 2014 zeigen.

Veröffentlicht am: 08.12.2014

 

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