Schwarzenegger, Sensoren und Simulation

Seit anderthalb Jahren hat Dr. Matthias Hagen eine Juniorprofessur im Bereich Big Data Analytics an der Bauhaus-Universität Weimar inne. marktforschung.de sprach mit ihm über die Chancen von Big Data, die Auswirkungen des Datenschutzes und warum sich ausgerechnet Arnold Schwarzenegger mit rhetorischen Figuren auskennt.

Prof. Dr. Matthias Hagen, Bauhaus-Universität Weimar (Bild: Bauhaus-Universität Weimar, Candy Welz)
Prof. Dr. Matthias Hagen, Bauhaus-Universität Weimar (Bild: Bauhaus-Universität Weimar, Candy Welz)

marktforschung.de: Mit Ihrer Juniorprofessur im Bereich Big Data Analytics an der Bauhaus-Universität Weimar sind Sie sozusagen ein Paradiesvogel in der Hochschullandschaft. Wie verliefen die ersten anderthalb Jahre?

Matthias Hagen: Ich bin mir nicht ganz sicher, was Paradiesvogel in dem Zusammenhang heißen soll … aber ich erhielt schon recht viel Aufmerksamkeit, da wir in Weimar deutschlandweit als erste den Begriff Big Data in der Bezeichnung einer Juniorprofessur verwendeten. Wir haben seitdem zwar nicht doppelt so viele Studierende, aber es gibt immer wieder einige, die deshalb hierhin kommen. Ob das aber über die kommenden zehn Jahre ein bestimmender Trend bleiben wird, weiß ich nicht.

marktforschung.de: Sie gehen aber sicher nicht davon aus, dass der Hype um Big Data schon bald vorbei ist, denn momentan ist es ja für viele das Next Big Thing. Wie ist Ihre Einschätzung?

Matthias Hagen: Nein, dass der Hype schnell verfliegt, glaube ich nicht, aber vielleicht nennt man es irgendwann anders. Big Data hat aber den Status des Next Big Thing schon hinter sich gelassen, es existiert ja schon. Allerdings weiß wahrscheinlich noch nicht jeder, was der Begriff genau bedeutet. Früher nannte man es zum Beispiel Datenanalyse, heute verwendet man synonym auch oft den Begriff Data Science. Wie lange der Hype anhält, weiß ich zwar nicht, aber dass man immer mehr Daten analysieren und auch speichern kann, ist nicht mehr wegzudiskutieren und das werden auch immer mehr Unternehmen und Wissenschaftler nutzen, davon bin ich überzeugt.

marktforschung.de: Wie ist denn das Thema Big Data generell im Hochschulkontext aufgehängt?

Matthias Hagen: Mittlerweile gibt es in Deutschland zwei "Big Data"-Kompetenzzentren, die vom BMBF gefördert werden. Das eine ist in Berlin, das andere in Dresden/Leipzig, beide sind mit Universitäten verbunden. Sie sind natürlich viel größer als wir, aber die Zielsetzungen ergänzen sich sicher ganz gut. Ansonsten hat sich an den Universitäten nicht viel verändert, die Wissenschaftler, die vorher etwa im Bereich der Informationssysteme oder Datenbanken gearbeitet haben, machen das jetzt genauso – das gilt ja auch für mich.

Big Data in der Bundespolitik

marktforschung.de: Inwiefern gibt es denn eine Bereitschaft auf Bundesebene, sich nachhaltig in dem Bereich zu engagieren?

Matthias Hagen: Wir sind mit meiner Arbeitsgruppe Teil des "InnoProfile Transfer"-Programms des BMBF, das speziell Forschungseinrichtungen in den neuen Bundesländern fördert und Wert auf eine Vernetzung mit der regionalen Industrie legt. Schon zuvor gehörten wir mit der Arbeitsgruppe "Intelligentes Lernen" hierzu. Alle Arbeitsgruppen konnten, wenn sie eine Stiftungsprofessur eingeworben haben, noch einmal eine Förderung über fünf Jahre für fünf Mitarbeiter beantragen, inklusive sehr großzügiger Ausstattung, Reisemittel etc. Fünf Jahre sind bei solchen Drittmittelprojekten ein komfortabel langer Zeitraum. Darüber hinaus gab es in den vergangenen zwei Jahren auch Ausschreibungen vom BMBF und dem BMWi im Bereich Big Data und Smart Data, die speziell Verbundprojekte fördern, in denen Forschung und Industrie zusammenarbeiten.

marktforschung.de: Wie sind Sie persönlich zu dem Thema gekommen?

Matthias Hagen: Ich habe selbst in einem eher theoretischen Bereich der Informatik promoviert, bin aber froh, mich nun auch mit praktischeren Dingen beschäftigen zu können. Schon vor dem Start der Juniorprofessur habe ich mich mit meiner Arbeitsgruppe intensiv mit dem Web beschäftigt, das ja eben auch eine sehr große Ansammlung von Daten ist. Hier ging es nicht nur darum, was Menschen im Netz suchen, sondern auch was Menschen über sich preisgeben. Interessant ist in dem Zusammenhang etwa der Aspekt, wie uns das als Gesellschaft und auch persönlich verändern wird.

marktforschung.de: Welche Resonanz aus Wirtschaft und Politik erhalten Sie auf Ihre Forschungsarbeit?

Matthias Hagen: Mit den sieben Stifterunternehmen der Professur arbeiten wir sehr eng zusammen. Das sind zum großen Teil kleine und mittelständische Unternehmen aus dem Raum Thüringen. Hier entstehen auch Projektideen für weitere Drittmittelprojekte. Insgesamt ist das Interesse dank unseres Namens schon sehr groß. Auf der politischen Ebene steht das Thema ebenfalls auf der Agenda: Anfang des Jahres war ich im Bundeskanzleramt zu einem Meinungsaustausch bezüglich Big Data. Auch die Politik interessiert sich dafür, welche Entwicklungen es in naher Zukunft auf dem Gebiet gibt und wie man, etwa im Hinblick auf die Schulpolitik, Unterstützung geben könnte.

marktforschung.de: Wie ist denn aus Ihrer Sicht der Status der Schulbildung?

Matthias Hagen: Hier fehlt es sicher noch an der einen oder anderen Stelle. Ein größerer Fokus auf Statistik im Mathematikunterricht wäre sicher nicht verkehrt. Ich weiß aber nicht, ob jeder programmieren können muss. Informatikunterricht in der Schule in Richtung Problemlösekompetenz ist dagegen sicher nicht verkehrt. Man liest ja oft mit einem negativen Unterton den Begriff des Algorithmus, nach dem Motto: Die bösen Algorithmen regieren die Welt. Aber Algorithmen sind ja nicht gut oder böse – höchstens schnell oder langsam. Hier fehlt häufig das Wissen, dass Informatiker im Grunde daran interessiert sind, Probleme durch automatisierte Abläufe zu lösen – und zwar erstmal völlig wertfrei. Beispiele sind das Sortieren vieler Zahlen aber eben auch was man mit großen Datenmengen tatsächlich machen kann und wie schnell entsprechende Analysen dann durchführbar sind bzw. wie die Daten verwaltet werden müssen. Für einen flächendeckenden Unterricht der solche grundlegenden Informatikbegrifflichkeiten aufgreift, fehlen wahrscheinlich aktuell viele Lehrer. Aber dass es Handlungsbedarf gibt, ist den Gremien sicher bewusst; die Gesellschaft für Informatik engagiert sich hier zum Beispiel auch sehr.

Big Data und Industrie 4.0

marktforschung.de: Zurück zu Ihnen – was sind die inhaltlichen Schwerpunkte Ihrer Forschungsarbeit?

Matthias Hagen: Ich kann Ihnen ein aktuelles Beispiel geben: Wir arbeiten mit einem Hersteller von Maschinen, die Wellpappe produzieren, zusammen. Solche Wellpappeproduktionsanlagen können schnell 100 Meter und länger sein. Darin messen dann unzählige Sensoren, mit wie viel Druck und Hitze Papier erwärmt oder zusammengepresst wird, wie schnell welche Motoren laufen und wie das Endprodukt Wellpappe aussieht. Wenn man aus diesen Sensordaten Rückschlüsse zieht, weiß man, wie gut das Produkt ist, kann herausfinden, was man hätte besser machen können oder was man anders einstellen sollte und man kann vor allem erkennen, dass in der kommenden Woche ein Lager ausgewechselt werden sollte oder in drei Monaten ein Motor. Das ist ganz klassisches Big Data im Bereich Industrie 4.0.

Ansonsten beschäftige ich mich viel damit, was im Web passiert: Sentiment oder Opinion Mining, die so genannte Stimmungsanalyse, spielt hier etwa eine Rolle. Wir haben dieses Jahr an einem Wettbewerb teilgenommen, bei dem es darum ging, zu erkennen, ob die Stimmung eines Tweets positiv oder negativ ist. Letztendlich haben wir den Wettbewerb sogar gewonnen, obwohl das eigentlich nicht unser Kerngebiet ist. Ideal wäre es natürlich, Stimmungen zu erkennen, bevor die Auswirkungen etwa für Unternehmen allzu negativ sind.

Schon zuvor habe ich mich ausgiebig mit Text und Sprache auseinandergesetzt: Wie suchen Menschen im Web, wie schreiben sie Texte und wie recherchieren sie? Die Simulation dieses Such- und Anfrageverhaltens ist aktuell ein wichtiger Komplex meiner Arbeit. Und ich bin daran interessiert, einen von einem Menschen formulierten Text zu verbessern oder bestimmte Eigenschaften in einem Text zu erzielen, zum Beispiel eine bessere Lesbarkeit zu erreichen.

In dem Zusammenhang sind wir dank Arnold Schwarzenegger auch auf das Akrostichon aufmerksam geworden. Das ist ein Stilmittel, bei dem die Zeilen- oder Wortanfänge eines Textes oder Gedichts von oben nach unten gelesen ein Wort oder einen Satz bilden. Als Arnold Schwarzenegger Gouverneur in Kalifornien war, legte er im Oktober 2009 ein Veto gegen einen Gesetzesvorschlag des Demokraten Tom Ammiano ein. In dem Text heißt es sinngemäß, dass Schwarzeneggers Ideen ständig abgelehnt würden und nun wäre er auch einmal gegen einen Vorschlag. Diesem Veto sah man auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches an, am nächsten Tag fand allerdings ein Journalist heraus, dass das Schreiben ein Akrostichon enthielt: die sieben Zeilen in Schwarzeneggers Veto begannen mit den Buchstaben "F u c k  y o u".  Schwarzeneggers Sprecher berief sich da interessanterweise auf einen Zufall ...

Lesen Sie auch den zweiten Teil des Interviews und erfahren Sie unter anderem, inwiefern Prof. Dr. Matthias Hagen mit Akrosticha arbeitet.

Veröffentlicht am: 12.10.2015

 

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