"Es besteht noch viel Raum für die Anwendung von KI in der Marktforschung"

Khaleeq Aziz, Symanto

Künstliche Intelligenz ist heutzutage in aller Munde. Gründer und Geschäftsführer Khaleeq Aziz von Symanto spricht im Interview mit marktforschung.de über die Möglichkeiten von KI für die Marktforschung und warum Symanto zwar nicht verbandlich organisiert, aber die Nähe zur Marktforschungsbranche wichtig ist.

Symanto-Gründer und Geschäftsführer im Interview mit marktforschung.de

Die Marktforschung wird von Außenstehenden immer wieder als veraltet und unsexy bezeichnet. Sie hatten früher als Profiler einen Job, der erstmal deutlich aufregender klingt. Wie kommt man als Profiler, der sich um die Aufklärung schwerer Verbrechen kümmerte, auf die Idee, ein marktforschungsnahes Unternehmen für Künstliche Intelligenz zu gründen?

Khaleeq Aziz: Das war tatsächlich ein Zufall. Vor knapp 15 Jahren wurde ich von einem großen Marktforschungsinstitut in Nürnberg geheadhunted, um das Wissen des Psychopathen-Profiling in der Konsumentenforschung anzuwenden. Wir haben die Daten qualitativ analysiert und haben Muster identifiziert, die das Verhalten der Konsumenten genauer begründen. Damals ging das alles noch recht manuell. Bis mein Mitgründer und ich uns zusammengefunden hatten. 

Als Bio-Informatiker hatte er schon in der damaligen Zeit die Potenziale der Künstlichen Intelligenz untersucht. Damals noch unter dem Begriff "Big-Data" anstatt KI. Gemeinsam kamen wir auf die Idee, das Know-How aus dem Profiling mithilfe von Künstlicher Intelligenz zu automatisieren. Und so entstand unsere KI-basierte Text-Analytics-Plattform (namens Psychology AI), auf der man automatisiert Themen, Sentiment, Emotionen, aber auch psychologische Eigenschaften, und vieles mehr analysieren kann.

Künstliche Intelligenz ist mittlerweile in aller Munde, wird aber gerne als Kofferbegriff verwendet: Jeder packt in den Begriff etwas Anderes rein. Wie betrachtet man als Pionier in diesem Feld den aktuellen Hype?

Khaleeq Aziz: Künstliche Intelligenz ist bestimmt ein Hype, aber es ist auch Realität. Vielleicht nicht in der Form, wie wir es von Filmen kennen, aber KI befindet sich fast überall in unserem Alltag. Jeder, der Netflix schaut, jeder, der über Amazon einkauft, selbst beim "Googeln" steckt eine KI dahinter. Noch ist die Definition des Begriffs für die allgemeine Population recht schwammig, obwohl in der Wissenschaft eine ganz klare Definition vorliegt. KI bezeichnet eine Reihe von Algorithmen, die in der Lage sind zu lernen, menschliches Verhalten und kognitive Fähigkeiten nachzuahmen. Das liegt daran, dass KI doch noch ein sehr spezieller Experten-Bereich ist. Es fehlt noch an allgemeinem Wissen über KI, sodass jeder den Begriff etwas anders interpretiert. Es ist aber Zeit dafür, dass wir dieses allgemeine Wissen aufbauen und verbreiten. Es muss nicht jeder Künstliche Intelligenz "können", aber "verstehen".

Das Vorurteil sagt ja, dass uns andere Länder im Bereich KI um Jahre voraus sind. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Khaleeq Aziz: Das ist leider wahr. Länder wie China oder USA haben tatsächlich einen großen Vorsprung dank der eher lockeren Datenschutzregelungen (dadurch liegen einfach mehr Daten für das Trainieren der Algorithmen vor) und der Fördergelder des Staats. Aber ich persönlich glaube, dass die strengeren Datenschutzgesetze hier in Europa, im Speziellen auch in Deutschland, mittel- und langfristig gesehen eher ein Vorteil sein werden. 

Immer mehr junge Entwickler und Forscher suchen nach einem "Purpose" und fühlen sich für die ethische Entwicklung der Technologie verantwortlich. Und Gesetze sind eine gute Voraussetzung für die verantwortungsvolle Entwicklung. Dadurch schaffen wir es auch in Deutschland wirklich gute, junge Talente aus aller Welt zu rekrutieren, die die Zukunft der KI gestalten werden. Selbst bei Symanto merken wir diese Bewegung: Hochtalentierte, junge Wissenschaftler und Entwickler kommen zu uns - anstatt zu Google, Amazon und Facebook zu gehen -, um Technologien für gute Zwecke zu entwickeln. Daher glaube ich, und hoffe auch sehr, dass wir den Vorsprung anderer Länder recht bald einholen werden.

Die Bundesregierung stellt aktuell große Fördertöpfe für die Forschung rund um KI bereit. Nutzen Sie als Unternehmen solche Möglichkeiten? Wenn Ja, an welchen Baustellen und Forschungsprojekten arbeiten Sie aktuell? Haben Sie regelmäßig Politiker im Unternehmen, denen Sie erklären, wie KI eigentlich funktioniert?

Khaleeq Aziz: Wir suchen immer wieder nach Förderungsmöglichkeiten, die durch die Bundesregierung zur Verfügung gestellt werden, aber wir engagieren uns auch stärker in den europäischen KI-Förderungsprogrammen, die teilweise auch deutlich einfacher gestaltet sind als die Fördertöpfe in Deutschland. Hauptsächlich geht es dabei um die Entwicklung der sprachbasierten KI für Bereiche wie z.B. Gesundheit und Well-Being.

Gemeinsam mit Politikern und namhafte Personen aus der Wirtschaft arbeiten wir an der Wissensverbreitung über KI. Wir führen aktiv Webinare und Seminare durch, tauschen uns mit Opinion-Leader der Politik und Wirtschaft über KI aus und teilen auch unser Wissen in diesem Rahmen. Ein spannendes Thema, war beispielsweise "Fake-KI". Wie kann man echte KI von "unechten" differenzieren?

"Die Marktforscher haben KI-Fieber". Das war zumindest mein Eindruck von der diesjährigen IIEX in Amsterdam. Wie sehen Sie das? Wo steht die Marktforschungsbranche in Bezug auf die Nutzung von KI?

Khaleeq Aziz: Früher, also vor Big Data Zeiten, war die primäre Datenerhebung der einzige Weg mehr über Kunden oder Konsumenten zu erfahren. Das hat sich jedoch in den letzten 10 Jahren deutlich verändert. Mittlerweile gibt es unzählige Datenpunkte, aber nur begrenzte Ressourcen, die diese Daten analysieren können. 

Ich glaube, dass hier die Expertise der Marktforscher eine große Rolle spielen können. Marktforscher können Daten sinnvoll analysieren, sinnhaft interpretieren und daraus relevante Handlungsempfehlungen ableiten. Aber um Millionen Datenpunkte effizient analysieren zu können, benötigt die Marktforschungsbranche auch andere Tools, sowie auch weitere Skills, derartige Tools zu bedienen. Das hat die Marktforschungsbranche erkannt und setzt sich nun auch mit KI-basierten Tools auseinander. Langsam tastet sich die Branche der neuen Technologie an, aber klar, es besteht noch viel Raum für die Anwendung von KI in der Marktforschung. Aber, es gibt auch noch viel Raum bei der Entwicklung von KI für die Marktforschung.

Symanto ist in der Marktforschungsbranche an einigen Stellen präsent. Sie machen Webinare bei uns, sind als Aussteller auf der R+R. Wie kommt es zu dieser Nähe?

Khaleeq Aziz: In den Anfangsjahren von Symanto wurde unsere Technologie eher für größere Projektarbeiten eingesetzt, sodass wir mit verschiedensten Unternehmensbereichen, von Produktentwicklung, Marketing, Customer Service bis hin zu HR zusammengearbeitet haben.

Aber, wie schon erwähnt, die Marktforschungsbranche setzt sich nun langsam auch mit KI-basierten Tools auseinander. Immer mehr Marktforscher suchen nach Möglichkeiten, unstrukturierte Daten effizient zu bearbeiten. Unsere Plattform ist genau dafür geeignet, sodass sich sogar unsere Kunden aus der Marktforschung ein Tool gewünscht haben, welches sie eventuell auch selbst bedienen können. Mittlerweile haben wir ein derartiges Tool auf den Markt gebracht.

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Sie sind als Unternehmen bislang weder in einem Marktforschungsverband wie DGOF oder BVM, aber auch auf der Mitgliedsliste des KI-Verbands findet man Symanto nicht. Wie kommt das? Wo sehen Sie Ihre Interessen am ehesten vertreten?

Khaleeq Aziz: Das stimmt. Wir sind tatsächlich nirgendswo wirklich gebunden. Marktforschung ist ein Bereich von vielen Anwendungsfeldern unserer Technologie. Daher sind wir zwar in der Marktforschungsbranche vertreten, sehen uns aber nicht hauptsächlich in diesem Bereich. In Sachen KI, arbeiten wir bereits mit sehr vielen Universitäten zusammen. Auch einige unserer Wissenschaftler lehren selbst KI an namhaften Universitäten in den USA, Spanien und in Deutschland. Unser Interesse liegt tatsächlich darin, die noch recht wissenschaftliche KI für die Mehrheit der Menschen zur Verfügung zu stellen. Daher ist es uns wichtig das Wissen soweit wie möglich zu verbreiten. Gemeinsam mit Menschen, die eine ähnliche Mission verfolgen, die Technologie weiterzuentwickeln, aber auch die Gesellschaft hinsichtlich dieser Technologie weiter zu bilden. 

Sie haben in der Coronakrise einen Ansatz vorgestellt, der aufgrund von Social-Media-Posts Aussagen darüber macht, welche psychische Störung jemand aktuell hat. Können Sie einem Laien erklären, wie das funktionieren kann? Ich schreibe "Heute geht es mir nicht gut" und die KI erklärt mich zum Depressiven? Funktioniert das so?

Khaleeq Aziz: In Social Media rund um die Coronakrise sprechen Menschen häufig auch über ihre mentale Verfassung, was uns einen besseren Einblick in die menschliche Psyche der Gesellschaft ermöglicht. Wir erfassen sowohl das Volumen dieser Gespräche, also wie viel wird über ein psychisches Anliegen gesprochen, als auch die spezifischen Themen innerhalb dieser Diskussionen. Dafür verwenden wir semantische Methoden, um nicht nur durch die einfache Nennung eines Problems, sondern anhand zugehöriger Begriffsfelder das Gesamtvorkommen eines psychischen Problems zu identifizieren. Zum Beispiel identifizieren wir "Angststörung" nicht nur über den Begriff "Angst" aber auch über zugehörige Themen wie Ängstlichkeit, Panikattacken, Agoraphobie usw.. 

Insbesondere, wenn es sich um Depressionen handelt, haben wir auch komplexere Modelle, die die Wortwahl, Sprachanwendung, Emotionen, etc. in Betracht beziehen. "Heute geht es mir nicht gut" wird daher nicht per se als Depression klassifiziert. Ein wenig mehr Kontext, wie z.B. "Heute habe ich auf nichts Lust" oder "Keine Ahnung, was mit mir los ist." etc. würde dazu führen, diesen Kommentar als "depressiv" zu erkennen.

Was sind die mittel- und langfristigen Ziele von Symanto? Wo sollen Sie noch hin?

Khaleeq Aziz: KI ist mächtig. Und es wird noch mächtiger werden. Daher ist es wichtig, das Wissen über KI zu dezentralisieren und auch die Nutzung der KI zu demokratisieren. Unternehmen wie Google, Facebook, Amazon haben jede Menge an Daten, Menschen und auch finanzielle Sicherheit, um noch mehr in die Entwicklung der KI zu investieren. Kleinere Unternehmen, speziell auch diejenigen in Deutschland und Europa, haben dies nicht. Wir möchten dies ändern. Wir möchten dazu beitragen und auch viele weitere dazu motivieren, die Demokratisierung der KI voranzutreiben. 

Damit unsere Leser Sie noch etwas besser kennenlernen, haben wir noch folgende Fragen an den Autoren: Wenn Sie auf einer Party jemand nach Ihrem Beruf fragt: Wie stellen Sie sich vor? 

Khaleeq Aziz: Als Gründer von einigen KI-Startups, in denen ich immer für die Zusammenstellung der Teams zuständig bin, in manchen auch das Produkt mitgestalte, manchmal aber auch nur als Cheerleader des Teams agiere.

Wie sind Sie in Ihrem jetzigen Beruf gelandet? 

Khaleeq Aziz: Wie schon gesagt, durch ein wenig Zufall hat sich mein beruflicher Weg vor mehr als 10 Jahren stark verändert. Vom Profiler, zur Marktforschung, dann zu einem Gründer. Mittlerweile kann ich mir tatsächlich keinen anderen Beruf vorstellen. Inspirieren, gründen und Menschen zusammenbringen. Ich fühle mich dazu berufen.

Sind Sie gerne geschäftlich unterwegs? Oder verbringen Sie lieber Zeit im Büro? 

Khaleeq Aziz: Ich bin gerne geschäftlich unterwegs. Ich muss mich bewegen, ich brauche Dynamik und ich lasse mich auch gerne durch neue Orte und neue Menschen inspirieren.

Mit wem würden Sie gerne einmal zusammen Mittagessen?

Khaleeq Aziz: Muhammad Ali! Er hatte ein wirklich faszinierendes Leben und war nicht nur ein professioneller Boxer, sondern auch ein sehr intelligenter Menschenfreund. Er stand immer für das, woran er glaubte, und schaffte es schließlich, die Welt zu verändern, ohne seine eigenen Werte und Überzeugungen ändern zu müssen.

Gibt es ein Buch oder einen Film, der Sie verändert hat? Welcher/s und warum?

Khaleeq Aziz: "The Hard Thing About Hard Things" von Ben Horowitz war das erste Buch, welches die "wahre" Geschichte einer Firmengründung aufgezeigt hat. Ben Horowitz erzählt in diesem Buch nicht (nur) über das tolle, aufregende Leben als Gründer, sondern auch über den Kummer und über das wahre "Überleben" als Startup. Es hat mich emotional sehr angetan und hat mich auch in herausfordernden Zeiten begleitet.

Wie verbringen Sie am liebsten Ihren Sonntag?

Khaleeq Aziz: Sonntags verbringe ich am liebsten mit meiner Familie. Beginnend mit einem schönen Frühstück, das wir gemeinsam vorbereiten. Das darf nicht fehlen! Wir gehen gerne raus, spielen Fußball, lernen Skateboarden, gehen ins Freibad. Alles, was so Papas auf der Welt gerne mit ihren Kindern tun. Das sind perfekte Sonntage.

hg/sh

Veröffentlicht am: 20.07.2020

 

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