WeChat: Das Zentrum von Chinas digitalem Leben

Chen Yiming, GIM China

Seit dem Start unserer Blog-Reihe tausche ich mich regelmäßig mit meiner Kollegin Sigrid Schmid von der GIM in Heidelberg aus. Sie hat langjährige interkulturelle Forschungserfahrung und ist deshalb eine wertvolle Sparringspartnerin für mich. Am Anfang dachten wir, dass wir unsere Diskussionen einfach per Telefon oder Skype abwickeln könnten. Aber Skypen funktioniert bei uns nicht immer und beim Telefonieren sieht man sich eben nicht. Dann fiel mir WeChat ein!

Sigrid Schmid und Chen Yiming
Dr. Sigrid Schmid (GIM) und Yiming Chen (GIM China) via WeChat (Bild: GIM )

WeChat ist eine der reichweitenstärksten Messenger-Apps der Welt und das beliebteste Chatprogramm Chinas. Der Service steht im Mittelpunkt des digitalen Lebens vieler Chinesen. Fast 850 Millionen meiner Landsleute nutzten Ende des vergangenen Jahres WeChat, außerhalb Chinas sind es inzwischen 100 Millionen User (Quelle: WeChat Data Report 2016). Auch in Deutschland kann man sich die App ganz einfach in jedem App Store kostenlos herunterladen. Die Plattform ist für Audio- und Video-Anrufe kostenlos. WeChat ist im Leben vieler Chinesen tief verankert, deshalb möchte ich darüber berichten. Heute soll es zunächst um die soziale Bedeutung von WeChat gehen, also darum, wie der Dienst das Zusammenleben der Chinesen beeinflusst. Nächstes Mal wird es um die ökonomische Relevanz gehen, also darum wie WeChat für kommerzielle Tätigkeiten genutzt wird. 

WeChat: Die ultimative Universal-App 

WeChat startete 2011 als Messaging-Dienst, ist heute aber sehr viel mehr als das. Man könnte sagen, es ist die chinesische Antwort auf Facebook, Twitter und WhatsApp – und das alles in einem! WeChat bietet seinen Nutzern allerhand: Instant Messaging als Kernfunktion, daneben viele verschiedene Zusatzdienste. Mit der App kann man Audionachrichten verschicken, Fotos, Videos und Kontakte sharen, Videotelefonate durchführen und diverse konsumrelevante Features wahrnehmen, zum Beispiel Lebensmittel oder Essen bestellen, Rechnungen zahlen, Taxis ordern und und und. Natürlich kann man auch mobile games spielen. Es ist ein Universal-Dienst, ohne den sich sehr viele Chinesen ihr Leben nicht mehr vorstellen können. Viele Marken haben WeAccounts für die Zielgruppenansprache, aber auch für unternehmensinterne Chats. Wichtig auch in letzter Zeit: WeChat baut seine Möglichkeiten als Big-Data-Quelle täglich aus. Ich selbst habe übrigens auch einen Facebook-Account. Den habe ich mir vor einigen Jahren eingerichtet, als ich in einem internationalen Team gearbeitet habe und mit den Kollegen vernetzt sein wollte. Als Chinese kann man Facebook durchaus nutzen. Man muss halt über einen VPN-Client zugreifen. Das erfordert schnelles Internet, ist aber grundsätzlich kein Problem. Ich nutze Facebook aber gar nicht so oft, weil einfach nicht so viele relevante Infos und Möglichkeiten für mich als Chinesen bietet. Hinweisen möchte ich an dieser Stelle auch auf das Thema Zensur: Sie ist Teil unseres (digitalen) Lebens – und damit auch Teil von WeChat. Es ist nicht die ideale digitale Welt, aber ich habe gelernt, in ihr zu leben. 

Beziehungsmanagement leichtgemacht

Man kann sich auf WeChat sehr einfach ein Netzwerk schaffen aus Verwandten, Freunden, Schulkameraden, Kollegen und Business-Partnern. Sogar mit Fremden kann man leicht in Kontakt treten. User wissen um die Vorteile von WeChat, was die hohe Verbreitungsrate erklären dürfte. WeChat hilft vor allem, häufig mit anderen Menschen in Kontakt zu sein. Geschätzt wird vor allem:  

  • WeChat macht es Chinesen einfacher, im Rahmen der persönlichen Kommunikation mit Unbekannten, die eigene Meinung zu äußern (Chinesen haben oft Probleme, face-to-face ihre Meinung offen zu äußern).
  • WeChat erleichtert die Kommunikation im Job-Kontext erheblich (man ist rund um die Uhr erreichbar, mit allen Vor- und Nachteilen …).
  • WeChat bedeutet auch Entspannung und Entertainment (Spiele und Social Media bieten Zerstreuung, wenn man gestresst ist – das kennt man ja auch von Facebook oder WhatsApp).
  • WeChat wirkt insgesamt wie ein sozialer Kitt (es entstehen zwischenmenschliche Beziehungen, man fühlt sich weniger alleine und anonym).

Soziale Integration von Senioren 

Sehr interessant ist auch, dass die ältere Generation immer aktiver wird auf WeChat. Noch ist zwar erst ein recht kleiner Anteil der User über 55 Jahre, aber WeChat nimmt sich einiges vor, um diese Zahl zu erhöhen. Nicht nur aus ökonomischen Erwägungen, sondern auch weil die Älteren damit sozial besser integriert werden können. Man dachte stets, dass diese gesellschaftliche Gruppe vor allem mit ihrer Gesundheit und den Enkelkindern beschäftigt sei und ihre Freizeit vor allem mit Fernsehen und Mah-Jongg-Spielen verbringen möchte. WeChat zeigt jedoch, dass sich das ändert: Chinesische Senioren kommunizieren immer häufiger mit ihren Kindern über WeChat und vernetzen sich zudem stärker mit Altersgenossen. Auf YouTube gibt es ein (Werbe-)Video, das einen guten Eindruck über die Entwicklung vermittelt: Es ist spannend zu sehen, wie WeChat unsere ältere Generation integriert und ihnen neue Möglichkeiten schafft, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Sie sind von der rasanten Entwicklung des Informationszeitalters nicht länger abgehängt, sondern können sich einklinken und aktiv werden. Auch wir Jüngeren haben auf WeChat plötzlich wieder mehr Berührungspunkte mit Älteren und können etwas von ihnen erfahren und sehen, welche Interessen sie verfolgen und welche Meinungen sie vertreten. 

YouTube-WeChat-Video
WeChat Werbe-Video auf YouTube

Positive Impulse für das "analoge Leben"

WeChat ist natürlich auch eine Plattform für viele andere Interessensgruppen. So gibt es zum Beispiel eine riesige Gruppe von Bücherfreunden namens "WeRead". In dieser Gruppe können die Teilnehmer nach Büchern suchen, Rezensionen schreiben und sich über Bücher austauschen. Sport ist ein anderes beliebtes Thema auf WeChat. WeChat selbst bietet hier sehr viel an, eine zeitlang war der Schrittzähler von WeChat DAS Ding. Jeder machte mit bei WeChats "Zeig die Zahl deiner Schritte", eine Funktion, die es den Personen im eigenen Netzwerk ermöglichte, gegenseitig die täglichen Schrittzahlen zu vergleichen. Untersuchungen zu WeChat zeigen, dass sich WeRead und der Schrittzähler zudem auch im "realen Leben" der User ausgewirkt haben: Viele Lesen mehr oder sind motiviert, mehr Sport zu treiben (Quelle: WeChat Social and Economy Influence Study, China academy of information communication).  

Innovative staatliche Services 

China's Premierminister Li Keqiang verkündete im vergangenen Jahr, dass auch chinesische Behörden stärker auf digitale Lösungen zurückgreifen sollten. Auch für den Staat sollte gelten: Internet+. Das heißt: mehr Datenaustausch per Internet, administrative Prozesse vereinfachen durch Digitalisierung und Entscheidungen "nach unten" delegieren. Auch dafür wird WeChat genutzt, da die große Reichweite und der hohe technologische Standard Vorteile bieten. Ende 2016 hatten beispielsweise verschiedene Behörden und Ämter Shanghais bereits 67 offizielle Accounts auf WeChat eingerichtet und 60.000 Posts getätigt, die 150 Millionen mal geklickt wurden. Die Stadt Shanghai hat auf WeChat auch ein "virtuelles Rathaus". Dort können Bürger unterschiedliche Behördenangelegenheiten (Alters-Vorsorgeprogramme, Einkommenssteuer, Wohnortmeldungen etc.) erledigen, ohne die eigene Wohnung zu verlassen. Für beide Seiten – Behörden und Bürger – erleichtert WeChat hier das Leben und macht es effizienter.

Im nächsten Blog-Beitrag erfahren Sie alles über die kommerziellen Funktionen von WeChat: über individualisierte Werbung, Big Data Tracking, Firmen-Seiten und vieles mehr … 

Veröffentlicht am: 11.05.2017

 

Kommentare (1)

  1. Thorsten Wilhelm am 15.05.2017
    Schöner Einblick. Ich habe mit Begeisterung durch die Lektüre des Buchs "What's App Mama" gerade erfahren und gelernt, dass eine Plattform wie WhatsApp u.a. auch deshalb genutzt wird, weil dort eben eine Generation (ggf. Kohorte) "unter sich ist" (Meine Erkenntnisse aus dem Buch gibt es hier: http://www.nutzerbrille.de/generation-whatsapp/).

    Wie schätzen Sie das für WeChat und China ein?
    Ist das dort auch so? Gibt es dort neben WeChat überhaupt Alternativen?

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