Die 996-Online-Revolte in China

3 Fragen an Wutao Wen, rheingold Institut

Mit wenig Euphorie blickt China zurzeit auf die Online-Revolte, die von den chinesischen ITlern gestartet wurde. Der Name "996-Arbeitsmuster" bezieht sich auf einen inoffiziellen Arbeitsrhythmus: Es wird von 9 bis 21 Uhr täglich, an sechs Tagen die Woche gearbeitet. Heutzutage wird so ein Arbeitsrhythmus in China immer alltäglicher und entspricht mindestens 60 Arbeitsstunden pro Woche. Dies ist gesetzlich aber nicht erlaubt.

Mit der 996-Bewegung hat jetzt vor allem ein Wandel im Berufsfeld der ITler und Programmierer stattgefunden. (Bild: 1000words - Adobe Stock)

Mit der 996-Bewegung hat jetzt vor allem ein Wandel im Berufsfeld der ITler und Programmierer stattgefunden. (Bild: 1000words - Adobe Stock)

Der Name "996 icu" leitet sich von folgendem Gedanken ab: wenn weiterhin nach dem 996-Arbeitsmuster gelebt wird, besteht die Gefahr, dass Arbeitnehmer in der Intensivstation, kurz ICU (Intensiv Care Unit) landen. Heißt: man arbeitet bis zur Selbstaufgabe, bis zum absoluten Erschöpfungszustand und hat nichts mehr von Leben. 

Das Thema wird aktuell heftig diskutiert. Während Self-Made-Billionäre, wie Jack Ma, die 60 Stunden Arbeitswoche romantisieren, protestieren die jungen Programmierer nach mehr Arbeitsrecht und Ausgleich.

Frage 1: Welche Motivation steckt hinter dem hohen Arbeitspensum der Chinesen? Warum wird so viel gearbeitet?

Wutao Wen: Historisch gesehen ist es ein neues Phänomen, dass die Chinesen heutzutage diesen enormen Arbeits- und Leistungsdruck verspüren. In der Zeit der Planwirtschaft sah die Arbeitswelt der Chinesen komplett anders aus. Der Staat war der größte Arbeitgeber, der dem Volk die "eiserne Reisschüssel" (chinesisches Sprichwort) gab. Der Staat war für die existenzielle Versorgung verantwortlich, hat für das Volk gesorgt, Arbeit und somit Nahrung zur Verfügung gestellt. Gleichzeitig hat die vom Staat zugesicherte Arbeitsplatzsicherheit jedoch einen sehr beschränkenden und wenig motivierenden Charakter – die wirtschaftliche Dynamik leidet.

Nach der Wirtschaftsreform engagierten sich viele Menschen in der Privatwirtschaft und konnten Erfolge erzielen. Von 2005 bis 2015 ist der Anteil der Mittelschicht in China von fünf auf 25 Prozent in der gesamten chinesischen Bevölkerung gestiegen. Die restlichen 75 Prozent glauben fest dran, dass sie oder ihre Kinder bald in die Mittelschicht aufsteigen werden. Chinesen halten weiterhin an dem Gedanken fest, da sie in der Vergangenheit von der gesamten Entwicklungsdynamik profitiert haben.

Warum protestieren die jungen Chinesen gegen "996"? Was sagt der Protest über den Wunsch einer Arbeitsplatzbeschreibung aus?

Wuato Wen: Die Chinesen leiden unter "996", da es ihre Lebensqualität - ständiges arbeiten von neun bis 21 Uhr, an sechs Tagen die Woche - einschränkt. Mit der 996-Bewegung hat jetzt vor allem ein Wandel im Berufsfeld der ITler und Programmierer stattgefunden. Besonders in diesem Berufszweig arbeiten viele begehrte Spitzenkräfte, die die Macht und das Know-how haben, Forderungen zu stellen. Denn viele junge Chinesen sehen keinen Sinn mehr darin, bis zur Selbstaufgabe zu arbeiten. Kreativität und freie Gedanken stellen das Umdenken der jungen Generation dar - nicht permanente, stupide und schweißtreibende Arbeit.

Welche Konsequenz hat diese Protestbewegung auf das Konsumverhalten der jungen Leute in China? Was bedeutet dies für die Marken-Kommunikation?

Wuato Wen: Das hohe und permanente Arbeitsaufkommen bei jungen Chinesen befeuert deren Konsum. Nach einem langen und harten Arbeitstag sucht ein Arbeitnehmer Fluchten aus dem fremdbestimmten Alltag, will sich für sein Funktionieren entschädigen und belohnen. Frei nach dem Motto "Der Tag gehört der Arbeit und die Nacht gehört mir." (Slogan aus dem Internet) .Durch Konsum kann man seine Autonomie demonstrieren, ist in der Lage selbstbestimmt zu agieren. 


Für die Marken in China und deren Kommunikation bedeutet die Protestbewegung, stetig neue Inspirationen zu liefern, als Wegbegleiter sowie Vorbilder zu fungieren. Marken in China zeigen zukünftige Perspektiven auf: "Welches Auto passt zu mir und zu meinem Status? Welches Handy sollte ich benutzen?". Marken sind ihren Konsumenten somit immer einen Schritt voraus und zeigen Idealbilder auf, worauf man hinarbeiten kann.

Zur Person

Wutao Wen, Projektleiter bei rheingold.
Wutao Wen, Projektleiter bei rheingold.

Wutao Wen, Projektleiter bei rheingold, hat sich auf chinesische Jugend- und Medienentwicklung spezialisiert.

Veröffentlicht am: 06.06.2019

 

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