Umfrage konzipieren: Wie erstelle ich einen guten Fragebogen?

Leitfaden „Umfrage erstellen“ Schritte 3-5

Wenn Sie die Forschungsfrage und Untersuchungsziele festgelegt haben sowie das Thema und die Zielgruppe konkretisiert haben, geht es an den Entwurf des Fragebogens. Welche Themenschwerpunkte können gebildet werden? Welche Frageformen und Fragetypen kommen wann zum Einsatz? Dazu ist es wichtig zu wissen, was einen guten Fragebogen ausmacht – auch aus Sicht der Befragten.

Schritt 3: Welche Themenschwerpunkte und Frageformen gibt es?

Aus den Zielen und Programmfragen wird ablesbar, zu welchen Themen Fragen gestellt werden sollten. Hierzu werden die Themengebiete sinnvoll nach einer inhaltlich stringenten Reihenfolge in Themenschwerpunkte gegliedert. Daraus können dann Frageblöcke zu den einzelnen Themenkomplexen des Fragebogens gebildet werden.

Themenschwerpunkte

(Beispiel)

A: Fragen zum Marketing Club allgemein
B: Fragen zum Service und Angebot
C: Fragen zu Medien
D: Fragen zu Betreuung und Beiträgen
E: Soziodemographische Daten der Teilnehmenden

Empfohlene Reihenfolge der Fragen:

1. Vom Allgemeinen zum Konkreten
2. Vom Einfachen zum Abstrakten

Unser Tipp: Berücksichtigen Sie immer eine Konzentration auf die Fokusthemen.

Unterschiedliche Frageformen

Umfragen bieten zahlreiche Möglichkeiten, Fragen zu stellen und Antworten zu formulieren. Unter den Frageformen wird nach direkten und indirekten Fragen unterschieden. Ausschlaggebend ist die Erwartung an die Teilnehmenden, ob sie eine Frage ehrlich und genau beantworten oder sich bei einer direkten Ansprache eher befangen fühlen.
Indirekte Fragen sind empfehlenswert, wenn zu erwarten ist, dass Befragte nicht ihre wirkliche Einstellung und ihr Verhalten offenlegen wollen oder aufgrund ihres Wissensstands die Frage in direkter Form nicht beantworten können.

  • Wie alt sind Sie?
  • Wo wohnen Sie?
  • Sind Sie mit dem Angebot des Club zufrieden?
  • Welche Neuerungen wünschen Sie sich?

Empfehlenswert bei: Fragen zu Fakten und Wünschen sowie unkritischen Fragen zu Meinungen, Einstellungen und Wahrnehmungen

  • Viele Mitglieder sind der Ansicht, dass zu wenig für die interne Betreuung getan wird. Wie ist das bei Ihnen?
  • Viele Mitglieder sind unzufrieden mit dem Veranstaltungsangebot. Welcher Ansicht können Sie am ehesten zustimmen? 
  • Antworten von „stimme ich sehr zu“ bis „stimme ich gar nicht zu“

Erwägenswert bei: kritischen Fragen zu Einstellungen, Wahrnehmungen und Meinungen

Welche Frageformate gibt es?

Bei der Formulierung der Fragen können „offene“, „geschlossene“ und „halboffene“ Fragestellungen genutzt werden, abhängig von der Art der Antwort, wir erhalten möchten. Unsere Beispiele von Umfragen zeigen, wie die unterschiedlichen Frageformate im Fragebogen dargestellt werden.

Geschlossene Fragen zeichnen sich durch konkrete Antwortvorgaben aus, bei denen der Inhalt schon weitestgehend klar ist. Befragte können zwischen verschiedenen Antwortoptionen wählen und durch ihre Markierung eine Auswahl treffen. Unterschieden werden dabei noch die Einfach- oder Mehrfachauswahl an Antwortmöglichkeiten. Bei geschlossenen Fragen müssen die Antwortmöglichkeiten gut durchdacht werden, denn die Vorgaben können die Befragten leicht beeinflussen. Geschlossene Fragen können von den Teilnehmenden schnell beantwortet werden, die Daten sind auch automatisch auslesbar, aber es gibt ein gewisses Risiko, dass die Antworten recht beliebig gewählt werden.

Offene Fragen bieten Teilnehmenden die Möglichkeit, in Textfeldern freiformulierte Antworten geben zu können. Sie bieten Raum für Meinungen und Einstellungen und können wertvolle zusätzliche Informationen generieren. Bei diesem Frageformat können qualitative Daten erfasst werden, aber die Auswertung ist bedeutend aufwendiger, denn die freien Texte müssen manuell gefiltert werden. Auch für die Befragten ist das Ausfüllen mit einem höheren Zeitaufwand verbunden, aber Teilnehmende möchten nach ihrer Meinung befragt werden. Offene Fragen sollten in Hinblick auf die Auswertung und den Umfang einer Umfrage nur mit Bedacht genutzt werden.

Halboffene Fragen sind die sogenannten "Hybridfragen" unter den Frageformaten. Sie können mit der Auswahl von Vorgaben beantwortet werden, aber noch durch Ausfüllen eines freien Textfelds ergänzt werden. Damit bieten sie Befragten einerseits einige Kategorien von Antworten vor, geben aber die Möglichkeit, das Thema noch individuell aus einem eigenen Blickwinkel zu beleuchten. Die Antworten bei halboffenen Fragen werden häufig in der aktiven Form formuliert, da sich die Teilnehmenden einer Umfrage dadurch besser angesprochen und abgeholt fühlen.

Welche Fragetypen können in einer Erhebung genutzt werden?

Hierbei wird zwischen Testfragen, die auf das Ziel der Umfrage ausgerichtet sind, und Funktionsfragen, die den Ablauf der Umfrage bestimmen, unterschieden.

  • Sachfragen: zielen auf die Ermittlung von konkreten Sachverhalten ab.
  • Wissensfragen: überprüfen den Kenntnisstand der Teilnehmenden. 
  • Meinungsfragen: fragen persönliche Einstellungen und Motive ab.
  • Motivationsfragen: prüfen die Motivation der Befragten auf bestimmte Anreize.
  • Verhaltensfragen: fragen ein Handeln in einer bestimmten Situation ab.
  • Eisbrecherfragen: können von jedem beantwortet werden, werden meist zu Beginn gestellt, um das Interesse der Befragten zu wecken und eine angenehme Stimmung zu erzeugen.
  • Kontrollfragen: überprüfen, ob Befragte wahrheitsgetreu antworten.
  • Überleitungsfragen: bilden das Verbindungsglied zu einem neuen Themengebiet.
  • Soziodemografische Fragen: fragen konkrete Eigenschaften der Befragten ab, um sie in verschiedene Gruppen einordnen zu können.

Begriffserläuterungen zum Fragebogen

Als Fragebatterie bezeichnet man eine Zusammenstellung mehrerer Fragen zum selben Gegenstand, also beispielsweise eine Reihe von Fragen, die die Einstellung eines Kunden zu einem bestimmten Produkt erfassen. Sie werden genutzt, wenn eine einzelne Frage nicht ausreichen, um eine treffsichere Antwort zu erhalten.
Als Item bezeichnet man eine einzelne Aussage oder Frage innerhalb eines Fragebogens.

Schritt 4: Was ist bei den Antwortvorgaben zu berücksichtigen?

Neben der Formulierung von unterschiedlichen Fragen, müssen auch die Antwortmöglichkeiten in Hinblick auf das Befragungsziel gründlich überlegt werden: Haben Teilnehmende ausreichende Vorgaben, um ihre individuellen Einstellungen ausdrücken zu können? Gerade wenn man das Ausmaß von Zustimmung oder Ablehnung zu einem Produkt erfahren möchte, bieten sich sogenannte Skalen für die Erhebung an. Sie beruhen auf einem Verfahren zur Messung persönlicher Einstellungen nach dem Sozialforscher Rensis Likert, der Likert-Skala.

Mehrstufige Antwortvorgaben

Beispiel eines Items mit einer fünfstufigen Skala:
Wie zufrieden sind Sie mit dem Veranstaltungsangebot des Marketing Clubs?

1 = sehr zufrieden
2 = zufrieden
3 = weder noch
4 = unzufrieden
5 = sehr unzufrieden

Antwortkategorien nach den Kriterien MECE

Bei Antwortkategorien sollte darauf geachtet werden, dass diese „MECE“ sind. MECE steht für mutally exclusive, collectively exhaustive. Darin stecken zwei Ansprüche:

  • Erstens, dass Antwortkategorien sich nicht überschneiden sollen (mutually exclusive), oder, dass eine Antwort einen Teil einer anderen Antwort abbildet.  
  • Zweitens, dass alle möglichen Antworten abgebildet werden sollten.

So können bei der Frage nach der liebsten Automarke nicht nur drei Marken abgefragt werden. Je nach Forschungsfrage sollte hier dann auf eine offene oder halb-offene Frage gewechselt werden. Bei einer halb-offenen Fragen gibt es neben Antwortkategorien noch eine offene Antwortmöglichkeit wie „Sonstiges:". 

Negatives Beispiel auf der rechten Seite:
Hier haben sich gleich zwei Fehler eingeschlichen: Wer 25 ist, weiß nicht genau, in welche Kategorie er fällt. Und wer zwischen 55 und 64 Jahre alt ist, hat keine Möglichkeit, die eigene Altersklasse zu wählen. Eine Alternative wäre die Abfrage des Alters mit einem offenen Zahlenfeld gewesen. 

Schritt 5: Wie mache ich einen guten Fragebogen?

Ein guter Fragebogen berücksichtigt nicht nur die Sicht der Forschenden, sondern auch die Sicht der Befragten. Denn was nützt eine aufwändige Umfrage, wenn nicht genügend Personen daran teilnehmen.
Welchen Fragebogen wünschen sich Teilnehmende, um eine Umfrage motiviert bis zum Ende zu beantworten?

Kriterien aus der Sicht der Befragten

  • Fragen so kurz und verständlich wie möglich 
    (Lange Texte haben schnell eine abschreckende Wirkung und sind beliebte Abbruchstellen)
  • Erklärungsbedürftige Sachverhalte ausreichend erläutern
  • Eine sehr kurze Einstiegsseite, minimale Ausfüllhinweise und Reduktion auf die wesentlichen Texte
  • Inhaltliche Optimierung auf eine geringe Gesamtlänge
  • Einfaches Ausfüllen ermöglichen
  • Intuitives Verständnis der Teilnehmenden fördern
  • Klare und große Bedienelemente zur Meinungsabfrage anbieten
  • Leicht erkennbare Positiv-Negativ-Ausrichtung von Skalen
  • Antworten grafisch in übersichtliche Textfelder gliedern
  • Gleichförmigkeit anstreben (kein unnötiger Wechsel von Skalen oder deren Orientierung)

Spannende Dramaturgie im Fragebogen
Wechsel zwischen Faktenabfragen und Meinungsfragen
Verzicht auf sich wiederholende Kontrollfragen
Reduzieren von sehr ähnlichen Antwortoptionen
Einsatz interessanter Fragetypen (falls gerechtfertigt)
Verwendung von Bildern (falls gerechtfertigt)

  • Nicht immer möglichst wenig Fragen, sondern effiziente 
  • Intelligente Filterführung
  • Angemessene Informationstiefe
  • Gefühl der Wertschätzung der Meinung vermitteln
  • Möglichkeit bieten, mit den Antworten etwas bewirken zu können

Experten-Interview zum guten Fragebogen und erfolgreicher Umfrage

Dr. Axel Theobald ist seit 2000 bei der Rogator AG tätig und vertritt als Prokurist das Unternehmen. Im Rahmen seiner Tätigkeiten leitet er anspruchsvolle Marktforschungsprojekte und betreut Key Accounts in den Geschäftsbereichen Customer Feedback und Employee Feedback. In den letzten Jahren veröffentlichte er unter anderem das Buch „Praxis Online-Marktforschung“ sowie den Herausgeberband „Mobile Research“ bei Springer Gabler. 

Marktforschung.de konnte Herrn Dr. Theobald für ein Interview zu den wichtigsten Aspekten bei der Umsetzung einer Online-Umfrage gewinnen:

Sie sind einer der bekanntesten deutschen Experten zum Thema Fragebogen und seit vielen Jahren bei der Rogator AG für die Bereiche Kunden- und Mitarbeiterforschung zuständig. Wie wird man zu einem Spezialisten für Befragungen?

Axel Theobald: Da hat der Zufall eine große Rolle gespielt. Vor ca. 30 Jahren habe ich im Studium die Aufgabe bekommen, im Rahmen eines Drittmittelauftrages ca. 2.000 Papierfragebögen einzutippen, auszuwerten und die Ergebnisse bei der betreffenden Firma vorzustellen. Ich war sofort begeistert und habe mich im weiteren Studium auf die Marktforschung konzentriert und später dann auch Vorlesungen dazu gehalten.

Dann nahm das Internet Fahrt auf und ein paar verrückte Forschende (unter anderen ich selbst) meinten, man könne doch auch Interviews online machen. Die Online-Forschung war ja damals absolut neu und ziemlich umstritten. So bin ich dann aber zu meinem Thema für die Doktorarbeit und schließlich zur Rogator AG gekommen.

Und hier hatte ich es auf einmal mit „echten“ Projekten und gestandenen Unternehmen als Kunden zu tun, das war dann auch nochmal ein Sprung gegenüber den Umfragen, die wir an der Uni gemacht haben. Im Laufe der Jahre lernt man dann einfach beständig dazu und macht viele Erfahrungen – positiv wie negativ. Und irgendwann geht einem das Thema in Fleisch und Blut über. Ich denke, das wird vielen Fachleuten auf ihren Gebieten so gehen.

Für mich persönlich ist wichtig: Ich bin nach wie vor begeistert von der Marktforschung. Ich mache es (fast) jeden Tag gerne. Und mit der Freude an der Arbeit kommt dann fast zwangsläufig die Expertise im Fachgebiet.

Wo sollte man als Einsteigerin und Einsteiger bei der Planung einer Online-Umfrage beginnen?

Axel Theobald: Ohne Vorkenntnisse oder Erfahrungen in der Marktforschung ist es sicher nicht so einfach, einen passablen Fragebogen zu entwickeln. Einer der wichtigsten Punkte ist aber, NICHT direkt mit der Formulierung der ersten Frage zu beginnen, sondern „top-down“ vorzugehen. Also zuerst das Erkenntnisinteresse genau zu definieren, daraus die Befragungsthemen zu strukturieren und schließlich im letzten Schritt die einzelnen Fragen anzugehen.

Bei den Fragen selbst kann man natürlich auch eine Menge falsch machen. Hierfür gibt es zahlreiche Listen im Internet mit Do’s and Don’ts, die sich manchmal sogar widersprechen. Am Ende des Tages muss man so ehrlich sein und konstatieren: Viele Weg führen zum Ziel, die perfekte Lösung gibt es nicht und alle Forschenden haben ihre Vorlieben. Dennoch muss man sich – gerade als Fragebogen-Neuling – mit diesen Aspekten grundlegend befassen, um zumindest die Basics richtig zu machen.

Manchen Menschen fällt es vielleicht leichter, mit Zahlen zu arbeiten als mit Worten. Diesem Gedanken folgend, gibt es auch die Möglichkeit, mit sogenannten „Dummy-Tables“ zu arbeiten. Der Gedanke erscheint zunächst widersinnig, aber es kann bei der Fragebogenerstellung durchaus helfen, wenn man sich vorstellt, welche Inhalte am Ende die Auswertung oder die Präsentation haben soll, die man zu den Befragungsergebnissen halten möchte. Das heißt, man entwirft vor der Befragung bereits pro forma eine Auswertung (in Form von Tabellen oder einer Präsentation) und befüllt diese mit Fantasiezahlen.

Dann geht man diese Auswertung durch und überlegt dabei, welche Fragen man stellen muss, um am Ende alle Informationen zu haben, um mit den späteren empirischen Daten genau eine solche Auswertung erstellen zu können. Hat man bspw. in der Dummy-Auswertung eine durchschnittliche Zufriedenheit in drei Kundengruppen vorgesehen, dann ist klar, dass man 1. die Zufriedenheit in geeigneter Form abfragen und 2. die Zugehörigkeit der Teilnehmenden zur Kundengruppe speichern muss etc. Auf diese Weise ist gesichert, dass wirklich alle Meinungen und Daten auch abgefragt werden, die für die gewünschte Auswertung unerlässlich sind. Gleichzeitig hilft das Verfahren dabei, sich auf die Fragen zu beschränken, die man auch wirklich benötigt.

Welche wichtigen Aspekte gilt es für Neulinge bei der Umsetzung zu beachten?

Axel Theobald: Wie bereits erwähnt, gibt es diverse Listen mit Tipps im Internet. Meine Top10 sind die folgenden, wobei man jeden einzelnen Punkt eigentlich umfangreich erläutern müsste, wofür hier aber der Platz fehlt:

  1. Genaue Definition von Zweck und Zielrichtung der Befragung (Wo genau möchte ich hinterher „schlauer“ sein als zuvor?)
  2. Möglichst kurzer und fokussierter Fragebogen (Ist mein Fragebogen so lang wie nötig, aber so kurz wie möglich?)
  3. Abstimmung des Fragebogens und des sonstigen Forschungsdesigns auf die Zielgruppe (Was können meine Probanden überhaupt sicher beantworten?)
  4. Einfache und prägnante Fragen (Werden alle Fragen und Antworten wahrscheinlich von allen Teilnehmenden in derselben Weise verstanden oder gibt es unerwünschte Mehrdeutigkeiten und Interpretationsspielräume?)
  5. Keine suggestiven Formulierungen (Wird die persönliche Meinung des Forschers über den Fragebogen bevorzugt?)
  6. Einheitliche Skalenlandschaft (Werden möglichst wenige, einheitlich aufgebaute Skalen verwendet oder herrscht ein Skalen-Wirrwarr?)
  7. Erschöpfende Antwortkategorien (Wird ein Themengebiet durch die vorgegebenen Antworten wirklich abgedeckt?)
  8. Motivierende Fragebogen-Dramaturgie (Ist die Reihenfolge der Fragen logisch und nachvollziehbar?)
  9. Beachtung von Kontexteffekten (Wird die Beantwortung einzelner Fragen möglicherweise von vorherigen Fragen beeinflusst?)
  10. Durchführung eines Pretests (Wurde die Verständlichkeit des Fragebogens an Personen getestet, die mit dem vorherigen Prozess nichts zu tun hatten?)

Welche Skills sind empfehlenswert für eine erfolgreiche Befragung?

Axel Theobald: Mir erscheint zum einen vor allem die Fähigkeit wichtig, seine eigene Person zurückzustellen bzw. sich in andere Personen eindenken zu können und zu erkennen, dass die persönliche Meinung und das eigene Verständnis von Texten nicht immer der Meinung anderer Menschen entsprechen.


Man sollte bei jeder Frage einen Schritt zurücktreten und überlegen, wie dies eine Person deutet, die bis zu diesem Moment nichts mit der Umfrage zu tun hatte. Wissenschaftlich würde man diese Anforderung unter dem Gütekriterium der Objektivität zusammenfassen.

Zum anderen ist eine gewisse Befragungserfahrung günstig für den gesamten Prozess. Vor allem dann, wenn in verschiedenen Prozessphasen Hindernisse auftauchen oder wenn eine Umfrage live geht und nicht so läuft, wie man es sich vorgestellt hat. Erfahrene Marktforschende kennen zahlreiche Tricks und Kniffe, wie man auf solche Dinge reagieren kann. Als Befragungs-Novize hat man diese Erfahrungen natürlich noch nicht. Darum empfiehlt es sich, nach Möglichkeit eine Person mit entsprechendem Know-how für den Fall der Fälle „an der Hand“ zu haben.

Was sollte eine Befragungssoftware mindestens leisten können?

Axel Theobald: Es gibt mittlerweile eine Unzahl von Softwareangeboten. Und die Auswahl hängt natürlich vom Preis der Angebote ab und von den Anforderungen, die die Umfrage selbst stellt. Wichtig erscheint mir zunächst ein seriöses Datenschutzkonzept mit vom Anbieter selbst (am besten in der EU) betriebenen Umfrageservern. Der nächste Punkt ist die Verfügbarkeit benötigter Funktionen (bspw. Filter, Quotierungen, besondere Fragetypen, Verknüpfung mit bereits vorhandenen Daten, Pseudonymisierung etc.). Und schließlich die Bedienbarkeit, sprich: Wie viel Mühe kostet die Einarbeitung und die Bedienung des Tools?

Beim letzten Punkt sollte man überlegen, wie häufig man Umfragen machen möchte. Viele gute und mächtige Tools benötigen mehr Zeit für die Einarbeitung, dafür bieten sie aber auch mehr Optionen für zukünftig steigende Ansprüche. Mit einem einfacheren Tool hat man die erste Umfrage vielleicht rascher erstellt, aber beim nächsten Projekt fehlt oftmals ein dann entscheidendes Feature.

Wie erzielt man nach Ihren Erfahrungen die höchsten Rücklaufquoten und welche Bedeutung hat dabei die Länge einer Umfrage?

Axel Theobald: Die Bedeutung der Fragebogenlänge für die Rücklaufquote wird häufig überschätzt. Die meisten Abbrecher findet man so gut wie immer bei den ersten paar Fragen, in denen die Länge noch gar keine Wirkung zeigen kann.

Der wichtigste Motivator ist immer ein Thema, das die befragten Personen interessiert. Nun sind Befragungsthemen in aller Regel ja durch den Forschungszweck vorgegeben und insofern nicht wirklich veränderbar. Aber es gibt die Möglichkeit, die Einladung und den Fragebogen so interessant und abwechslungsreich und spannend wie möglich zu gestalten.

Im Grunde geht es um zwei Ziele: 1. die Teilnehmenden in den Fragebogen hineinzubekommen und 2. die Teilnehmenden im Fragebogen zu halten. Man kann es gut mit einem Film vergleichen: einen langweiligen Film sieht man sich eher nicht bis zum Ende an, auch wenn er nur eine Stunde dauert. Einen spannenden Film von 2 Stunden hält man aber locker durch.

Ein wichtiger Punkt ist also die Vermeidung von Abbrüchen. Dies bewerkstelligt man dadurch, dass man wenig Gelegenheiten bzw. Beweggründe für Abbrüche schafft. Dazu gehört das Vermeiden von langen Texten, von unverständlichen Fragen oder von großen Frageblöcken im Matrixformat, die viele Einzelentscheidungen auf einer Seite erfordern etc. Aber auch die sorgfältige Erstellung und Gestaltung der Umfrage. Schon wenige Rechtschreib- oder Grammatikfehler können destruktiv wirken, weil sie vermitteln, dass sich der Umfrageersteller offenbar wenig Mühe gegeben hat. Warum sollte sich eine Teilnehmerin dann die Mühe machen, bis zum Ende durchzuhalten?

Welche Literatur oder Online-Veröffentlichungen können Sie empfehlen, um eine Umfrage erstmalig selbst zu gestalten?

Axel Theobald: Etwas uneigennützig würde ich mein Buch „Praxis Online-Marktforschung“ empfehlen. Aber das geht auch sehr stark ins Detail und ist zum Einstieg und für die allererste Umfrage vielleicht etwas übertrieben. Ansonsten kann man natürlich immer Google bemühen und z.B. nach „Fragebogen erstellen Dos and Don'ts“ oder „Tipps zum Erstellen eines Fragebogens“ suchen.

Allerdings findet man dann eine Vielzahl von 7-, 10- oder 20-Punkte-Listen, deren Inhalte ich in manchen Fällen für fragwürdig halte. Außerdem enthalten diese Tipps eher allgemeine Empfehlungen wie „so wenig Fragen wie möglich“. Konkrete Formulierungen sind eher selten zu finden und wenn, dann wieder in unterschiedlichsten Ausprägungen. An dieser Stelle muss man eben auch anerkennen, dass die Marktforschung in der gelebten Praxis keine exakte Wissenschaft ist. Alle machen es irgendwie anders und es gibt einfach nicht „DEN besten Fragebogen“.

Meiner Erfahrung nach kann man sich auf den Seiten der professionellen Marktforschungs-Dienstleister (z.B. DIY-Software-Anbieter, kleinere Institute etc.) ganz gut informieren. Mit studentischen Publikationen, die man auch rasch über Google findet, wäre ich eher vorsichtig.

An welchen besonderen Umfrage-Fehler erinnern Sie sich, aus dem andere lernen könnten?

Axel Theobald: Was jeder erfahrene Online-Marktforschende sicher schon erlebt hat ist, einen Filter falsch gesetzt zu haben, so dass bestimmte Fragen gar nicht oder an die falsche Gruppe gestellt wurden. Ich denke, das ist ein Klassiker. Hier helfen nur Erfahrung, eine gesunde Skepsis gegenüber den eigenen Fähigkeiten sowie eine strenge Prüfdisziplin (mindestens 4-Augen-Prinzip), bevor die Umfrage online geht.

10 Gebote der Frageformulierung nach Porst

Bei der Formulierung der Fragebogen-Fragen sollten Sie außerdem die folgenden „10 Gebote der Frageformulierung“ nach Rolf Porst berücksichtigen. Denn nur methodisch und technisch einwandfreie Fragestellungen führen zu verwertbaren Daten und motivieren die Teilnehmenden eine Umfrage vollständig zu beantworten: die Grundlage für aussagekräftige Ergebnisse zu Ihrer Forschungsfrage.

  1. Du sollst einfache, unzweideutige Begriffe verwenden, die von allen Befragten in gleicher Weise verstanden werden!
  2. Du sollst lange und komplexe Fragen vermeiden!
  3. Du sollst hypothetische Fragen vermeiden!
  4. Du sollst doppelte Stimuli und Verneinungen vermeiden!
  5. Du sollst Unterstellungen und suggestive Fragen vermeiden!
  6. Du sollst Fragen vermeiden, die auf Informationen abzielen, über die viele Befragte mutmaßlich nicht verfügen!
  7. Du sollst Fragen mit eindeutigem zeitlichem Bezug verwenden!
  8. Du sollst Antwortkategorien verwenden, die erschöpfend und disjunkt (überschneidungsfrei) sind!
  9. Du sollst sicherstellen, dass der Kontext einer Frage sich nicht auf deren Beantwortung auswirkt!
  10. Du sollst unklare Begriffe definieren!

Literaturnachweise:
Quick Guide Onlinefragebogen, 2022, U. Föhl und C. Friedrich
Marktforschung. In der Reihe "Modernes Marketing für Studium und Praxis". H.C. Weis und P. Steinmetz. Kiehl-Verlag.
Fragebogen und Fragearten – Methoden: Grundlagen der empirischen Sozialforschung (ku.de)

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