Die drei von der App-Stelle: Drei Startups, drei Erfolgswege

Rückblick auf den WdM-Freitag, 8.10.2021

Den Abschluss der täglichen Daily Keynotes bei der WdM 2021 machte am Freitag die Podiumsdiskussion "Die drei von der App-Stelle". Moderator Holger Geißler sprach mit Janina Mütze von Civey, Jonathan Kurfess von Appinio und Cornelius Frey von Opinary über die Anfänge der drei Unternehmen, deren Entwicklungen, von wem sie sich am liebsten kaufen lassen würden und die Zukunft.

Zu guter Letzt möchten wir nun auch noch die Podiumsdiskussion am Freitag der WdM 2021 für alle zusammenfassen, die es nicht schafften, an dem Web-Seminar teilzunehmen.

Folgende Experten und Expertinnen waren zur Teilnahme an der Diskussion, die von Holger Geißler moderiert wurde, eingeladen:

Janina Mütze - Co-Founder & CEO von Civey
Cornelius Frey - Co-Founder & CEO  von Opinary
Jonathan Kurfess - Co-Founder & CEO von Appinio

Elevator Pitch - früher und heute

Bei der Frage nach dem Elevator Pitch der einzelnen Institute, wird deutlich, dass sich diese seit den Anfängen der drei Start-Ups durchaus veränderten.

Janine Mütze: Civey habe den Elevator Pitch in den ersten Jahren gar nicht professionalisiert und habe sich anfangs stark darauf fokussiert, die Erhebungsseite, also wie sie neue Daten erheben und warum diese Art und Weise besser und schneller ist als andere, herauszustellen. Dabei auf der Strecke geblieben sei meist die Erklärung, was mit den Daten nun anzufangen sei. Heutzutage würde Civey in der Außenkommunikation zwei Kern-Mehrwerte vermitteln: Erstens die Erhebung der Ergebnisse in Echtzeit und zweitens die Erreichung sehr kleiner, spitzer Zielgruppen.

Cornelius Frey: Der erste Pitch von Opinary hieß „Orient & Power“. Dieser sei sehr stark auf die Nutzenden bezogen gewesen. Opinary hätte damit einerseits die Hilfestellung zur Orientierung im offenen Netz bzw. auf Social Media verkörpern wollen. Andererseits sollte vermittelt werden, dass Opinary Nutzenden „die Macht der eigenen Stimme“ verleiht, sie empowert und sie dadurch sehen lässt, wie andere ticken. Opinary sei früher eher ein Hobbyprojekt neben dem eigentlichen Job gewesen und das richtige Geschäftsmodell habe sich erst auf dem Weg zum heutigen Unternehmen gefunden, weshalb sich auch der Pitch verändert habe.

Jonathan Kurfess: Auf dem NEON Treffen in Frankfurt habe der Gründer und CEO von Appinio 2015, mit dem Wissen, es sei etwas größenwahnsinnig und naiv, erzählt, dass Appinio die „Revolution“ der Marktforschung darstelle. Es sei Appinios Vision gewesen, die Marktforschung zu revolutionieren und demokratisieren, also so zu vereinfachen, dass jeder zum Marktforschenden werden könne. Der Pitch habe sich seither nicht groß verändert, nur insofern, als sie „das Versprechen heute auch einlösen“ könnten.

Woher kommt das Geld im Institut?

Jonathan Kurfess: Appinio hat zwei Kernprodukte: Zum einen die automatisierte und digitalisierte Marktforschungsplattform, auf der Unternehmen zunächst ihre Zielgruppe definieren und dann ihre Umfrage starten. Diese geht in dem Panel bzw. der App, dem zweiten Kernprodukt des Unternehmens, live. Die App-Nutzenden antworten und reagieren in Echtzeit darauf, sodass die Ergebnisse live getrackt sowie analysiert werden können. Mit diesem Kernprodukt habe das Unternehmen versucht, ein Meinungsnetzwerk zu bauen, das durch die Integration spielerischer Elemente Lust auf die Teilnahme an Marktforschung erzeugt. Kern der Wertschöpfung sei bei Appinio das Panel.

Janina Mütze: Civey klassifiziert sich selbst als Panel-Anbieter sowie Technologieunternehmen für Markt- und Meinungsforschung. Der Fokus des Instituts läge auf der Unterstützung der Kundschaft, „in Echtzeit oder sehr schnell fortlaufende Ergebnisse repräsentativ zu erheben und sehr kleine, schwer erreichbare Zielgruppen“ zu erreichen. Die erfolgreichsten Produkte, die auch für den Geldfluss verantwortlich seien, wären die Marktanteilsvermessung und Kampagnenmessung.

Opinary: Das Geschäftsmodell von Opinary umfasse, Unternehmenskunden aus den Bereichen Mobilität, Finanzen, Gesundheitswesen und Versicherungen dabei zu helfen, mit sehr großen, gezielten Nutzergruppen zu interagieren, diese zu verstehen und „direkt zu konvertieren“. So sei es das Ziel des Unternehmens, Personen, die sich eh für die zu untersuchende Fragestellung eines Unternehmens interessieren, zu verorten und mit diesen in den Dialog zu treten. Diese aber auch, und da bestünde der deutliche Unterschied zur klassischen Marktforschung, mit einem persönlich auf ihre Antwort abgestimmten Angebot auf einen Verkaufskanal oder in ein E-Mail Sign-up zu konvertieren.

Im Gegensatz zu Civey und Appinio ginge es bei Opinary weniger um die Erkenntnis aus der Umfrage, sondern eher darum, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, um dann letztlich auch dort, wo die Umfrage platziert wurde, direkt Angebote zu machen. So verdiene die Firma das Geld nicht mit Marktforschung, sondern mit Marketingbudgets und würde sich deshalb auch nicht als Teil der Marktforschungsbranche bezeichnen.

Und die anderen? Teil der Marktforschungsbranche - ja oder nein?

Janina Mütze: Civey habe einen starken Technologieanspruch, bewege sich aber mit den Produkten ganz klassisch im Feld der Markt- und Meinungsforschung, weshalb sie sich auch als Teil der Branche begreifen würden.

Herzlich in der Branche aufgenommen worden seien sie allerdings weniger, eher „mit sehr viel Aufmerksamkeit.“

Sie hätten allerdings mittlerweile ein entspanntes Verhältnis zur Branche und stünden im konstruktiven Austausch.

Appinio: Als digitales Marktforschungsinstitut sei Appinio definitiv Teil der Branche. Die Branche sei jedoch bei Einstieg des Start-Ups „nicht sehr innovationsbereit“ gewesen. Appinio hätte anfangs „erstmal ein sehr, sehr dickes Brett bohren“ müssen. Das hätte sich aber mittlerweile gewandelt. Die Marktforschungsbranche dürfte Start-Ups zukünftig mit offeneren Armen willkommen heißen, so Jonathan Kurfess. Das Institut versuche ihr innovatives Panel auch anderen Playern der Branche zur Verfügung zu stellen, damit diese kosteneffizienter und zeiteffizienter Daten, die sie vielleicht von anderen, traditionellen Instituten nicht bekommen, erhalten.

Alle sitzen im gleichen Boot, auch wenn man hier und da natürlich auch mal in Konkurrenz steht.

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Moderator Holger Geißler stellte den drei Diskussionsteilnehmenden im Rahmen des Web-Seminars vier bunt gemischte Fragen mit jeweils drei möglichen Antworten. Hier seine Fragen sowie die Antworten der drei Gäste:

1. Stellt Euch vor Ihr organisiert euer nächstes Team-Event. Was macht Ihr?

Antwortmöglichkeiten:

  1. Party in einem Club
  2. Kletterpark
  3. Ins 2-Sterne-Restaurant

Janina Mütze: „Erst Kletterpark, dann Club.“

Cornelius Frey: „Opinary kocht selbst und lässt damit das 2-Sterne-Restaurant aus und dann kommen wir zu Civey in den Club dazu.“

Jonathan Kurfess: „Wir laden alle in unser neues Office auf die Terrasse ein, donnern uns da ein paar Drinks rein und dann gehen wir auch in den Club zu Civey.“

2. Social-Media-Präferenzen?

Antwortmöglichkeiten:

  1. Twitter
  2. Instagram
  3. LinkedIn

Janina Mütze: „Politik - Twitter, Business - LinkedIn, Mischung aus allem - Instagram“

Jonathan Kurfess: „LinkedIn. Ich glaube, auch wenn LinkedIn sich ein bisschen zu einem Facebook entwickelt, hilft es uns am meisten in der relevanten Zielgruppe Reichweite zu erzeugen.“

Cornelius Frey:

„Keins der drei, TikTok! Unfassbare Reichweiten und massiv unterschätzt. So origineller, relevanter, kreativer Content.“

3. Perspektive fürs Unternehmen: Exit in zwei, fünf oder zwanzig Jahren?

Jonathan Kurfess: „20 Jahre“

Cornelius Frey: „Ich weiß nicht, ob es ein Exit sein muss, aber ich würde sagen in fünf Jahren. Denn ich weiß auf jeden Fall, ich will noch mal ein Unternehmen gründen, soweit ich die Kraft habe. Ich glaube fünf Jahre wird es noch dauern, aus Opinary das zu machen, was wir daraus machen wollen.

Janina Mütze: „In den nächsten fünf Jahren werden sicherlich nochmal ein neue Milestones da sein. Ich weiß nicht, ob das direkt ein Exit ist. Und in fünf Jahren ein Exit stelle ich mir ein bisschen knapp vor, für das, was wir alles noch vorhaben.

Ich denke, es geht noch ein bisschen mehr als fünf Jahre, aber auf 20 würde ich mich jetzt noch nicht ‚commiten‘ wollen.

4. Angenommen Ihr verkauft Euer Unternehmen und es gibt faktisch drei identische Angebote von SAP, WeChat oder Facebook. Wem verkauft Ihr Euer Unternehmen?

Jonathan Kurfess: „Wem ich es am liebsten verkaufen würde, kann ich nicht sagen. Mit dem, was wir bauen wollen, nämlich ein globales Meinungsnetzwerk, wo jeder Mensch kostenlos und innerhalb von Minuten ungefiltertes Feedback von jedem anderen Menschen auf der Welt bekommen kann, passt das vom Produkt her wahrscheinlich am besten zu Facebook. Aber wenn ich mir überlege, womit wir unser Geld verdienen, wäre es wahrscheinlich eher SAP.“

Janina Mütze: „Zu WeChat und Facebook müsste ich momentan ‚nein‘ sagen. Wir haben ja ein hohes Datenschutzversprechen unseren Nutzern gegenüber. Das würde nicht funktionieren, eben auch vom Mindset her. Ob es jetzt SAP werden wird, mal gucken. Das würde mich natürlich freuen."

Cornelius Frey: „Ausschlussverfahren, - klare Privatmeinung, keine Firmenmeinung - aber nicht erst seit den letzten Congress-Hearings, sehe ich Facebook extrem skeptisch. Das passt kulturell einfach nicht. Die beiden anderen habe ich nicht in Erwägung gezogen. Da es ja nur ein Gedankenspiel ist, ich fände es persönlich einfach unfassbar spannend, WeChat mal von innen kennenzulernen.

Wenn es nur um meine eigene Neugier gehen würde, würde ich WeChat sagen.“

5. Stellen wir uns vor, Ihr habt drei identische Angebote von den Marktforschungsinstituten GfK, Kantar und Ipsos. Aus dem Bauch heraus, wem verkauft Ihr das Unternehmen?

Janina Mütze: „Da würde ich gerade gerne passen, und würde mich freuen, wenn alle drei ganz spannende Angebote schicken.“

Jonathan Kurfess: „Ne, tatsächlich überhaupt nicht. Ich habe keine Präferenz bei den Dreien. Wir haben eigentlich schon den Anspruch, das neue Kantar oder das neue GfK oder das neue Ipsos zu werden und wir machen uns da weniger Gedanken darüber, welches große Institut uns theoretisch kaufen könnte.“

Cornelius Frey: „Ich muss mich da einreihen, ich habe absolut keine Präferenz. Wir machen so, wenn Jonathan die alle überholt hat, dann machen wir den Mega-Merger und schlüpfen bei Appinio mit unters Dach.“

6. Zum Abschluss, welche Ziele wollt Ihr bis Ende 2022 erreicht haben?

Opinary:

  1. Zweistelliger Millionenbetrag
  2. Wollen mit 500 Millionen Nutzern im Monat interagieren, das wäre eine Verdopplung.
  3. Fragen, nicht nur automatisiert in den richtigen Kontext bringen, sondern auch Fragen automatisiert erstellen, und zwar am Tagesgeschehen orientiert.

Civey:

  1. Wachstumstempo der letzten drei Jahre beibehalten hin zum zweistelligen Millionenbetrag an Umsatz
  2. Technologie, insbesondere im Bereich ‚Small Area Estimations‘ optimieren hin zur Internationalisierung
  3. Persönlicher Austausch und kreatives Arbeiten in Präsenz - Teamzusammenführung nach Corona

Appinio:

  1. Etablierung auf dem US-Amerikanischen Markt
  2. Anspruch, ein globales Netzwerk zu sein, erfüllen
  3. Beibehaltung der Unternehmenskultur trotz großen Unternehmenswachstums

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