Wissenschaftliche Qualitätskriterien und die Relevanz des Postfaktischen

Kommentar von Jürgen Schupp

Die Wahl des Begriffs postfaktisch zum Wort des Jahres durch die Gesellschaft für deutsche Sprache führt bei empirisch wissenschaftlich Forschenden zu großer Nachdenklichkeit. Welche Rolle wird der evidenzbasierten Forschung heute noch beigemessen? Bedroht das postfaktische Zeitalter die Wissenschaft? Haben Gefühle oder Stimmungen mehr Einfluss auf die politische Wirklichkeit als Fakten? In einer ausschließlich auf Empfindungen aufgebauten Wirklichkeit werden seriöse Daten und Statistiken entbehrlich. Eine solche Entwicklung stellt in der Tat die Rolle der empirisch forschenden Wissenschaft grundsätzlich in Frage.

Die Suche nach Erkenntnis und Wahrheit erfordert Anstrengung und Sorgfalt und gerade in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften auch kritische Distanz zu (ideologisch) vereinfachenden Interpretationen und Lösungsansätzen sowie vor allem den Verzicht auf normative Werturteile. Als Forschende sollte uns die Überzeugung leiten, dass wir uns auf gemeinsame Qualitätsstandards zu einigen vermögen und somit auch über Kriterien verfügen, um gute von schlechter Wissenschaft unterscheiden zu können. Gerade wenn das Wissenschaftssystem zunehmend den Anreiz setzt, möglichst schnell und viel zu publizieren, muss die Produktion von falschen Wahrheiten oder die Duldung von Vorurteilen für die Wissenschaft tabu bleiben und als wichtigstes Ziel der Erkenntnisgewinn stehen. 

Im Dienste dieser Qualitätsstandards sachgerechte und aktuelle Forschungsdaten bereitzustellen, entspricht auch dem Selbstverständnis des Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) am DIW Berlin, das ja zuallererst dafür gefördert wird, der Forschung zu dienen und sie zu ermöglichen. Gerade in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften basieren die Erstellung von Statistiken sowie die Anwendung komplexer Modelle auf wichtigen Voraussetzungen. Mittels umfassender Dokumentation sowie nutzerfreundlicher Bereitstellung der Forschungsdaten – von der Stichprobenziehung bis zur Lieferung von Metadaten zur Studie – ist es unser Anspruch, die Forschungsdaten der Scientific Community zugänglich zu machen und Replikationen zu ermöglichen. Ob ein empirischer Befund auch als Stand der Forschung akzeptiert wird, hängt an den Peers, die für die Qualitätssicherung wissenschaftlicher Veröffentlichungen in Fachzeitschriften und Büchern Verantwortung tragen. Und am Ende entscheiden Zitationen darüber, ob eine Analyse Impact hat und in den Kanon des gesicherten Wissens aufgenommen wird.

Für dieses komplexe System, das mit hohem Aufwand zu verhindern sucht, dass Vorurteile, Ideologien oder Fälschungen unsere gesellschaftlichen Debatten prägen, lohnt es einzustehen und sich der Verbreitung populistischer Strömungen entgegenzustellen. Evidenzbasierte empirische Erkenntnisse aus Ökonomie, Psychologie, Soziologie oder Politikwissenschaft sind zwar kein mit den Naturwissenschaften vergleichbares Faktenwissen. Gleichwohl ist evidenzbasiertes Wissen das Gegenteil von "postfaktischer Evidenz".

Am Ende noch ein Wort zu den Gefühlen und der Relevanz von Subjektivem. In den Sozialwissenschaften gibt es ein Theorem, das besagt, dass jedes menschliche Handeln reale Folgen hat, wie irreal auch immer die zur Handlung führende "Logik" auch sein mag. Dieses nach dem amerikanischen Soziologen-Paar Dorothy und William Thomas benannte Thomas-Theorem lautet: "Wenn die Menschen Situationen als wirklich definieren, sind sie in ihren Konsequenzen wirklich". Aus dieser Erkenntnis folgt, dass auch die Ermittlung äußerst subjektiver Befunde einen Wert für das bessere Verständnis menschlicher Handlungen hat. Das Erhebungsprogramm des SOEP enthält aus diesem Grunde neben der Ermittlung objektiver Merkmale auch eine Fülle subjektiver Wahrnehmungen, Präferenzen und Einschätzungen. Vermutlich stellt die bessere Erforschung der Aneignung zunehmend "postfaktischer Wahrheiten" sowie deren Folgen eine wissenschaftliche Herausforderung unserer Zeit dar.

Der Autor

Jürgen Schupp (SOEP)

Prof. Dr. Jürgen Schupp, SOEP

Prof. Dr. Jürgen Schupp ist Direktor der Längsschnittstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Professor für Soziologie an der FU Berlin.

Veröffentlicht am: 14.02.2017

 

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