Wie kritisch ist die derzeitige Entwicklung?

Martins Menetekel

Seit Wochen beschäftigt sich Martin Lindner mit der Frage, ob es eine zweite Welle der COVID-19-Pandemie in Deutschland geben wird. Nun spitzt sich die Situation zu. Für marktforschung.de analysiert er die aktuellen Fallzahlen und prognostiziert die weitere Entwicklung.

Die Nachrichten überschlagen sich, was alles gemacht werden muss oder soll, um eine zweite Schließung des öffentlichen und gewerblichen Lebens zu vermeiden. Die Erfahrungen im Frühjahr waren bitter genug. Man hatte sehr viel Zeit von Mitte April bis Mitte Juni, die Lockerungen zielgenau vorzubereiten. Das wurde nicht genutzt!

Was ist passiert? Das Mittel der Zuwächse der letzten vier Tage von 5.821 ist höher als das absolute Hoch im Frühjahr, gemittelt waren es 5.803 neu gemeldete Infizierte an einem Tag. 

Hier die Fallzahlen und deren Zuwächse der letzten zehn Tage: 4. Spalte Fallzahlen 5. Spalte Zuwächse, dann kommen die geglätteten Fallzahlen und deren Zuwächse, alles gerundet auf ganze Zahlen. Die Entwicklung der Zahlen ist beunruhigend.

Die Fallzahlenkurve geht steil nach oben:

Das ist keine Wasserrutsche mit einigen Wellen. Vielmehr erinnert es mich an Wet 'n' Wild in Las Vegas. Da stellte man sich auf eine kleine Plattform direkt über eine senkrecht nach unten gehende Wanne. Dann klappte die Plattform nach unten...

Unsere Informationskurven für A, b und S, aus denen wir die Prognosekurve M(t) berechnen:

Die obere Grafik zeigt die wichtigen Zeitreihen in logarithmischer Skalierung. Erst wenn die oberste rote Kurve 2ln(N(t)) - ln(N’(t)) gerade nach oben zeigt, ist Entwarnung möglich. Überall, wo diese Zeitreihe einigermaßen gerade ist, herrscht Verhulst! Wo sie gerade nach unten zeigt, besteht Wachstum der Zuwächse, wo sie nach oben zeigt, gehen wir in die Sättigung, das heißt, die Fallzahlen nähern sich asymptotisch der Schranke S. Das alte S = 194.488 hat die gelbe Kurve bis etwa Mitte Juni begradigt, danach nicht mehr. Die gelbe Kurve geht nach oben, nur ein viel größeres S kann sie nach unten zwingen.

Die untere violette Kurve zeigt die Zuwächse in logarithmischer Skalierung. Wenn sie ziemlich gerade nach unten zeigt, können wir N’(t)  als Zerfallsreihe darstellen und bekommen gute Approximativen für die Fallzahlen selbst und das S. Davon sind wir weit entfernt.  

Die untere Grafik zeigt die Zuwächse, nach dem Hoch Anfang April und dem Fallen auf 225 am 12. Juni geht sie in Buckeln hoch. Der letzte Anstieg seit dem 20. September sieht wie der berühmte Hockeyschläger aus, das bedeutet exponentielles Wachstum. Es besteht noch Hoffnung, denn die letzten Zahlen sind noch nicht geglättet.

In den USA wurde gemeldet, dass die Sterblichkeitsrate von Januar bis September 2020 ca. 20 Prozent über den Werten in den drei ersten Quartalen 2019 liegt. Diese Übersterblichkeit liegt noch in absoluten Zahlen über den COVID-19 zugeordneten Todesfällen. Es ist interessant zu wissen, welche Daten sich für Deutschland herausbilden werden. Ich führe seit einigen Tagen auch eine Statistik über die deutschen Fallzahlen der Todesfälle. Sie zeigt gemäßigt nach oben.

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Über den Autor

Martin Lindner ist promovierter und habilitierter Mathematikprofessor im Ruhestand und beschäftigt sich intensiv mit nachhaltiger Wirtschaft und der Zukunftsfähigkeit unserer heutigen Lebensformen. Zusätzlich hat er eine Ausbildung und auch Berufserfahrung in Wirtschaftsmediation.

Aus dieser Reihe zuletzt von Martin Lindner auf marktforschung.de erschienen:

Wir sind noch nicht in einer stabilen Phase!
Möglichkeiten und Grenzen einer Prognose
Kein Wendepunkt in Sicht!

Veröffentlicht am: 16.10.2020

 

Kommentare (1)

  1. Wolfgang Neuber vor 1 Woche
    So sollte man es nicht machen! Der Nullpunkt wird beliebig auf den März 2020 festgelegt. Davor gab es keine Test, also keine Fälle. Studien aus Frankreich belegen, dass es schon Corona Fälle in 2019 gab, und wahrscheinlich schon bevor die Presse das Thema aufgegriffen hat. Durch das "Nachholen der Test" gibt es erhebliche Anstiege.
    Nicht vergessern: Test werden nur an einzelnen Personen durchgeführt, die sich - aus welchen Gründen auch immer - selber oder durch unbekannte Indikatoren zum Test anmelden. Also das Gegenteil von Repräsentativ und damit statistisch unbrauchbar.
    Seit März bemüht sich die Politik Angst vor dem Virus zu verbreiten, "Millionen Tote" und "schwerste Folgeschäden". Nichts davon ist eingetreten und wird voraussichtlich auch nicht eintreten. Laut einer Hamburger Studie zur Pathologie konnte nur in etwa 4% der Fälle keine andere Todesursache außer Corona gefunden werden. Bei Toten im 97-gen Lebensjahr kann man auch nciht mehr weiterforschen, einfach tot.
    Die aktuelle steigenden Fallzahlen hängen, wenn überhaupt statistisch, mit der Angst der Bürger zusammmen, nicht in Urlaub zu dürfen, sich weiteren Einschränkungen unterwerfen zu müssen. Die Compliance ist zur Zeit sehr hoch, nicht aus "Solidarität", sondern aus Angst der Bürger, zunehmend vor der Politik. Es wäre verheerend, wenn sich die Erkenntnis durchsetzen würde, dass wir nicht vor dem Virus Angst haben müssen, sondern vor jenen Politikern, die sich damit profilieren wollen. Das ist aber mit weitregehnd zufälligen "Fallzahlen" nicht belegbar, Kurven sehen zwar schön aus, sagen aber .... ja was eigentlich?

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