Hallo? Hörst Du mich? Wie die Deutschen Sprachassistenten nutzen und warum manche die Beziehung schon wieder beendet haben

Anna Schneider

Der Sprachassistent Siri wurde Ende 2011 vorgestellt, es folgten Microsofts Cortana, Googles Assistant und 2017 dann auch Samsungs Bixby. Wie sieht es nach der anfänglichen Euphorie der Technik-Fans aus? Wie viele Menschen nutzen Sprachassistenten heute noch und wofür? Und wie wird das in Zukunft aussehen? Prof. Dr. Anna Schneider, Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Fresenius, mit einer Einschätzung.

Google CEO Sundar Pichai spricht über den Sprachassistenten Google Assistant während einer Produktpräsentation. (Bild: picture alliance / AP Photo |Eric Risberg)

Barry Kripke : “You got Siwi, huh? Voice wecognition on that thing is terrible. Wook. Siwi, can you wecommend a westauwant?”
Siri: “I'm sorry, Bawwy. I don't understand "wecommend a westauwant."
Barry Kripke: “Wisten to me. Not "westauwant," *westauwant*.”
Siri: “I don't know what you mean by "not westauwant, westauwant."
Barry Kripke: “See? Total cwap. You suck, Siwi.“

Na? Kommt Ihnen das bekannt vor? Auch wenn diese Szene bereits vor über zehn Jahren abgedreht wurde, nicken einige von Ihnen bestimmt bereits wissend mit dem Kopf. Um es vorwegzunehmen: Auch heute noch, sind es vergleichbare eigene Erfahrungen mit digitalen Sprachassistent*innen, die neugierige NutzerInnen erst verzweifeln und dann an der Güte der Beziehung zweifeln lassen. Schallte vor ein paar Jahren „Voice ist the new mobile!“ über die Dächer, ist die Stimmung heute verhaltener. Stellen wir uns also an dieser Stelle die berechtigte Frage, warum die große Leidenschaft von damals derart abgekühlt ist.

Eine Marktsättigung über Nacht ist möglich, aber…

Dazu ein (versprochen!) kurzer Blick in die Geschichte… Bei Sprachassistenten, in der uns heute bekannten Form, handelt es sich um eine vergleichbar neue technische Entwicklung: Siri wurde Ende 2011 vorgestellt, es folgten Microsofts Cortana, Googles Assistant und 2017 dann auch Samsungs Bixby. Aufgrund von kontinuierlichen Updates und kurzen Produktzyklen von Smartphones und anderen „enabled devices“ wird bereits eine beeindruckend hohe Anzahl von Endgeräten genutzt, die den Assistenten „werksseitig“ bereits integriert haben. Bereits vor drei Jahren lag der Anteil an Personen in Deutschland, mit mindestens einem Gerät das Sprachassistenten vorinstalliert hatte, bei 85 Prozent.

Warum ist Adoptionsrate so niedrig?

Und dennoch kann auch heute in Deutschland immer noch nicht von einer Marktsättigung gesprochen werden. Warum? Die Adoptionsrate ist vergleichsweise gering, nur ein Drittel der deutschen Bevölkerung nutzt laut einer Untersuchung vom ARD-Forschungsdienst aus dem letzten Jahr Sprachassistenten. Dieser Wert hat sich gegenüber den Vorjahren also nicht wesentlich gesteigert. 

Würden von heute auf morgen alle Sprachassistenten aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt, könnten die Assistenten also „über Nacht“ das Leben der allermeisten erleichtern. Warum also werden Alexa, Siri und Co. nicht wachgeküsst?
Vielleicht liegt es an daran, dass sie deutlich unterschätzt werden? Trotz der unglaublichen Fülle potenzieller Einsatzmöglichkeiten sind es nämlich die eher einfachen Fragen, die Nutzende mithilfe der Assistenten beantwortet wissen mögen. Die Internetsuche, das Einstellen von Erinnerungen oder auch die Steuerung von Musik liegen weit vorne. Nichts also, dass sich mit ein paar Eingaben nicht selbst erledigen ließe, oder? 

Beziehung wieder beendet

Besonders hart dürfte es die Entwicklerteams aber treffen, dass einige besonders Neugierige die Beziehung zur Sprachassistentin nach anfänglichem Interesse wieder beendet haben. Schmerzhaft, erinnert doch auch der Satz „Ich habe Dich nicht verstanden,“ nicht unbedingt an die besten Momente mit Verflossenen. Ob es am Dialekt, Sprachfehlern oder generell zu komplexen Kommunikationsversuchen liegt, spielt keine Rolle. Für die Entscheidung, Sprachassistenten auch weiterhin zu nutzen, ist es dagegen zentral. Es verwundert also nicht, dass die automatische Vervollständigungsfunktion bei der Google-Suche nach Sprachassistenten erst einmal „ausschalten“ und „deaktivieren“ vorschlägt, bevor „aktivieren“ in der Liste erscheint, oder? 

Sprachassistenten als neue Gatekeeper?

Aber die Entwickler schauen nicht untätig zu, sondern arbeiten daran, die Kommunikationserfahrung immer menschlicher zu machen. So hat Sidekicks.Ai bereits einen holografischen „Sidekick“ entwickelt, der mit eigener Persönlichkeit daherkommen soll, vollständig personalisierbar und sich insbesondere an die Jüngsten richtet. Für die Zukunft bedeutet dies wohl, dass Systeme, die ein „echtes“ conversational interface simulieren können, im Rennen um die Zuneigung vermutlich auch die Konkurrenz hinter sich lassen werden. Sollte es in Zukunft zu einer Konzentration auf ein oder zwei Systeme kommen, muss die Frage nach lock-in Effekten und der Neutralität der Systeme gestellt werden. Denn dann bilden Sprachassistenten Gatekeeper einer völlig neuer Dimension. 

In dem Sinne: „Hey Siri – schlaf gut!“ 
Siri: „Das würde ich ja gerne, aber immer wenn ich es versuche, träume ich von elektrischen Schafen.“

Über die Autorin

Prof. Dr. Anna Schneider ist Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Fresenius. Ihr zentrales Forschungsinteresse gilt den Auswirkungen der Digitalisierung auf Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Sie ist Mitglied in verschiedenen Forschungsverbänden und sitzt im wissenschaftlichen Beirat des Wissenschaftlichen Instituts für Infrastruktur und Kommunikationsdienste, einem renommierten Think Tank für Kommunikations- und Internetpolitik. Zudem engagiert sie sich als Beiratsmitglied bei AGEFORCE1, dem digitalen Ruhestands-Navi und ist als freie wissenschaftliche Beraterin tätig.

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Kommentare (2)

  1. Anna Schneider am 21.01.2022
    Wahr gesprochen Herr Strasser, es bedarf eines gewissen Trainings, bis die nötigen Befehle sitzen... Schaut man sich die heutigen (eher trivialen) Nutzungsszenarien an, stellt sich die Frage, ob die Nutzung der Sprachassistenten einen tatsächlichen Mehrwert für KonsumentInnen darstellt. Von einem durch Nicht-Nutzung ausgelösten "Leidensdruck" kann bis dato definitiv noch keine Rede sein.
    Interessant auch, dass in der von uns durchgeführten Studie, der Datenschutz zwar auch als Grund für die Nicht-Nutzung genannt wird, deutlich schwerer aber generelle Bedenken wiegen, mit "Geräten" zu sprechen. Spannend wird es also werden, sobald die Assistenten menschlicher mit uns interagieren.
  2. Jan Strasser am 21.01.2022
    Das Hauptproblem dürfte in der Tat die fehlende "Nutzer-Edukation" sein. Menschen erlernen neue Fertigkeiten nicht aus dem Nichts über Nacht.

    Es gilt, die Möglichkeiten und Grenzen der Sprachassistenten kennenzulernen und herauszufinden, wie man sie sinnvoll für sich nutzen kann. Es gilt, neue Gewohnheiten zu etablieren. Misserfolge in der Nutzung ("Ich habe dich nicht verstanden") sind Wegweiser auf dem Pfad der Adoption: Was geht, was nicht?
    Die Anbieter der Sprachassistenten tun zu wenig, um die Adoption zu unterstützen.

    Hinzu kommt ein Misstrauen gegen das permanente Lauschen der Sprachassistenten; dieses wird genährt durch einige handfeste Skandale (heimliches Abhören von Konversation zum Zweck des manuellen KI-Trainings).

    Vielleicht fehlt es den Sprachassistenten und deren Machern schlicht an sozialer Kompetenz.

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