Tun wir zu viel oder tun wir zu wenig?

Martins Menetekel

Mathematikprofessor Martin Lindner betrachtet auch in dieser Woche wieder die aktuellen Corona-Zahlen. Dabei stehen die Fragen im Fokus: Wie geht es weiter? Worauf laufen die Zahlen hinaus? Könnte es nochmal zu einem Lockdown kommen? Er geht außerdem auf erhaltene Leserbriefe und Kommentare ein.

Letzte Woche habe ich mich riesig gefreut, denn ich bekam drei ausführliche Kommentare zum Corona-Beitrag. Zwei sind auch hier bei marktforschung.de als Kommentar zu lesen.

Ich habe gemerkt, dass sich sehr viele mit der Entwicklung der Pandemie auseinandersetzen und mehr Detailwissen haben als ich. Mich interessieren immer noch vor allem die Auswertung der reinen Zahlenreihen der kumulierten Fallzahlen, deren Glättung und dann deren Zuwächse, oder sogar der Änderungen der Zuwächse.

Dennoch möchte ich auf einige Bemerkungen eingehen:

  1. Für mich ist die Bekämpfung einer Seuche ureigenste Aufgabe der Exekutive. Der Bundestag sollte nicht einmal eine Notlage definieren oder beenden. Das sollte vor einer Seuche geregelt sein. In einem existierenden gesetzlichen Rahmen liegt eine Seuche von bundesweiter Bedeutung vor oder nicht, und das legt auch die Schwere aller Verordnungen oder deren Aufhebung fest. Dann muss man auch nicht auf irgendwelche Impfquoten hoffen. Wenn Inzidenzen oder Bettenbelegungen gewisse Werte übersteigen, werden Maßnahmen zur Eindämmung verstärkt und umgekehrt, wenn sie sinken, wieder aufgehoben - und das bundesweit. Es geht nicht darum, dass wir keinen „Lockdown“ haben wollen, sondern darum, das Angemessene zu tun, damit er nicht verordnet werden muss.
     
  2. Einer Meinung bin ich mit der Bemerkung, dass sehr widersprüchliche Empfehlungen oder Verordnungen erlassen wurden. Ich erinnere mich an das aussagekräftige (Fehl-)Wort von Herrn de Maiziere: "Wir können nicht die Wahrheit sagen, dass könnte die Leute beunruhigen." 'Ruhe ist die erste Bürgerpflicht' war ein Unwort der Kaiserzeit oder davor der Restauration unter Metternich nach dem Sturz Napoleons.
     
  3. Ich habe einen Vergleich der Covid-19-Pandemie mit anderen Krankheiten wie Diabetes, Krebs oder Kreislauferkrankungen nicht gerne, wie ich ehrlich zugeben möchte. Krebs ist ein ganz anderes Kaliber, es trifft Gerechte und Ungerechte, Tüchtige und Taugenichtse, Rechtschaffene und Gauner, es ist keiner dagegen gefeit. Dass in Deutschland weniger als in vergleichbaren Ländern gegen Übergewicht, ungesunde Nahrung, Massentierhaltung oder zu wenig Sportbetätigung ganzer Bevölkerungsgruppen gemacht wird, bedaure ich persönlich sehr. Wir sind wenig lösungsorientiert geworden, ein Ergebnis einer Politik der faulen Kompromisse. Demokratie lebt davon, dass eine Partei ihr Programm durchzieht, und wenn ihre Anhänger finden, dass sie das gut gemacht hat, wird sie wieder gewählt, sonst kommt eine dazu alternative Gruppe an die Macht.
     
  4. Eine letzte Bemerkung zu den Tests. Jeder Test hat eine gewisse Sensität und benötigt zum Beispiel für einen positiven Befund eine Mindestmenge an Viren. Man wird nicht positiv getestet, wenn man gerade einmal ein Virus eingeatmet hat. Es wird mehr getestet, wenn vorher die Fallzahlenzuwächse gestiegen sind. Hoffentlich erwischt man mit den heutigen Tests alle Infizierten, dazu müssten auch die Geimpften getestet werden.
     
  5. Zur Impfkampagne: Auch hier eiern wir herum. Wenn die Impfpflicht (aus vielen guten und weniger guten Gründen) abgelehnt wird, hätte doch eine Pflicht für bestimmte Berufsgruppen eingeführt werden können. Ich glaube auch, dass es viele Impfmuffel gibt, die sich deshalb nicht impfen lassen, weil es nicht vorgeschrieben ist. Wenn diese Gruppe Unannehmlichkeiten hat, wird sie sich impfen lassen, wie es Beispiele aus anderen Ländern zeigen. Bei uns kommt es mit dem Erreichen einer Herdenimmunität nicht voran, und damit komme ich zu den Kurven und Balkendiagrammen, auf die alle warten.

Zuerst der Impfstatus:

Das ist nicht doll!

Wir tun zu wenig!

Jetzt kommt ein Schmankerl. Ich habe eine neue Referenzkurve N(t) als E-Funktion entwickelt und sie für die Zeit vom 14. bis 31. Oktober optimiert. Dafür gibt es gesicherte Werte. Im Unterschied zu früher habe ich aber die Quadratsumme der Differenzen der Zuwächse der Fallzahlen zu N’(t) minimiert, da es derzeit mehr auf die täglichen Zuwächse ankommt, die gen Himmel gehen.

Hier das Ergebnis für die Fallzahlen mit Sockel 4.126.580, etwas höher als vorher:

Wir werden sehen, ob blau sich unterbrochen um die neue Referenzkurve schlängelt oder sie nach oben, ganz schlecht, oder nach unten, besser, verlässt.

Aber wohlgemerkt: Eine wachsende E-Funktion mit b > 1 ist per se schlecht! Derzeit ist b = 1,045 - viel zu hoch.

Hier die neue Referenz für die Zuwächse:

Eine sehr gute Approximation, wie ich finde. Dieser Ansatz ist auch für die Änderung der Zuwächse gut geeignet:

Denken wir daran, dass es erst Entwarnung geben kann, wenn Schwarz und Blau zuverlässig und beständig unter Null liegen. Erst dann fallen die Zuwächse wieder.

Dazu noch einmal das Diagramm aller Inzidenzen seit meiner Aufzeichnung im März 2020:

Da sind die Rekordzahlen aus TV und Presse.

Mich hat auch der Quotient aus den Zuwächsen heute und vor 30 Tagen interessiert. Ist er kleiner als 1, so sinken die Zuwächse um diesen Faktor monatlich. Leider ist er es nicht:

Es gab drei zeitliche Etappen mit Quotienten unter 1, davon sind wir weit entfernt.

Fazit

In den Leserbriefen und in der Zeitung oder jetzt aus den Runden der Koalitionäre liest und hört man immer wieder, dass es in gar keinem Fall wieder zu harten Einschränkungen kommen darf. Für einige Kommentatoren werden schon jetzt viel zu viele Einschränkungen gemacht.

Die Pandemie fragt aber nicht nach unseren Wünschen. Wenn wir nicht jetzt gegensteuern, werden wir um die Rückkehr zum harten Lockdown nicht herumkommen. Das sollte vor Weihnachten geschehen, sonst ist auch das zweite Fest hintereinander vermasselt.

Ich wünsche allen Lesenden, dass sie gesund bleiben.

Über Martin Lindner

Martin Lindner
Martin Lindner ist promovierter und habilitierter Mathematikprofessor im Ruhestand und beschäftigt sich intensiv mit nachhaltiger Wirtschaft und der Zukunftsfähigkeit unserer heutigen Lebensformen. Zusätzlich hat er eine Ausbildung und auch Berufserfahrung in Wirtschaftsmediation.

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