Solides Fundament oder noch dünnes Eis?

Martins Menetekel

In seinem heutigen Beitrag möchte Martin Lindner erneut darauf eingehen, welche Aussagekraft Zahlen und Prognosen haben, wie wichtig das Wissen über die Variationen von Variablen ist und welche Ergebnisse sich mit Hinblick auf unterschiedliche Ausgangswerte bilden lassen. Wie sind die Werte zu interpretieren? Was lässt sich mit Bestimmtheit über den Verlauf der Pandemie sagen? Bilden Sie sich gerne selbst eine Meinung.

Kolumne Martin Lindner: Solides Fundament oder noch dünnes Eis? (Bild: Lindner)

Über Beiträge meiner Lesenden freue ich mich, vielleicht haben noch mehr den Mut, ihre Kommentare an alle zu richten. Der letzte Kommentar sprach mir aus der Seele. Erwähnt wurde, dass die Dänen aufgrund ihrer hohen Impfquote alle Beschränkungen aufgehoben haben. 

Das könnten wir auch, wenn unsere Impfquote nicht so träge dahindümpeln würde:

Wie schon oft erläutert, sollte sie in Richtung höher als 85 Prozent zielen, damit der Reproduktionsfaktor R stabil unter 0,84 kommt. 

In der folgenden Grafik kann man sehen, wie sich R entwickelt hat:

Zu sehen in der Grafik: Die obere unterbrochene violette Linie ist R(t), die rote Gerade eine Annäherung. Man kann sehen, dass, wenn ich einen andere Zeitspanne für die Annäherung gewählt hätte, diese rote Linie entweder flacher oder steiler wäre.

Bei derartigen Annäherungen kann man manipulieren, je, was man zeigen will. Aber offensichtlich geht R seit Mitte August stabil nach unten.

Dünnes Eis oder solides Fundament?

Noch wissen wir es nicht.

Dennoch habe ich die erste Referenzkurve nach Verhulst gewagt. Es scheint, als wenn der 4. oder 5. September der Wendepunkt war. Seit diesem Zeitpunkt ist die zweite Ableitung negativ und die Zuwächse fallen kleiner aus. Das zeigt auch q(t) < 1 in der obigen Grafik.

Hier die Annäherung der Fallzahlen: 

Fast zu schön, um wahr zu sein!

Die obere Schranke aller Fallzahlen liegt bei dieser Referenzkurve etwas unter 4,3 Millionen gemeldeter kumulierter Fallzahlen. Das wäre toll!

Jetzt kommt das Wasser in den Wein:

Die Annäherung der 1. Ableitung dieser Referenzkurve an die Kurve der Fallzahlenzuwächse sieht schon nicht so schön aus:

Bis zum 4. September sieht es sehr vernünftig aus, aber die unterbrochene Linie ist nicht symmetrisch und damit kann Verhulst nichts anfangen.

Noch schlimmer treibt es die zweite Ableitung:

Schwarz approximiert sehr gut bis zum Wendepunkt, danach sieht es trübe aus. Trübe für die Referenzkurve, gut aber für den Verlauf der Seuche: Je negativer die zweite Ableitung, desto schneller werden die Zuwächse kleiner, umso schneller ist der Spuk vorbei.

Etwas Genaues weiß man nicht.

Fazit: Für andere Länder sieht es schlimmer aus

Alle Zeitreihen zeigen in die richtige Richtung, darunter die Inzidenzen und die akut Infizierten. Das sieht für andere Länder viel schlimmer aus, vor allem derzeit für den Iran. Bei ihm sieht man sehr deutlich, dass bei einer Impfquote von unter 33 Prozent alle Kennziffern negative Trends haben. Damit komme ich zu Dänemark zurück. Die hohe Impfquote erlaubt ihnen die Lockerungen. Wahrscheinlich sind die Dänen pragmatisch: Wenn der Staat das Impfen empfiehlt, wird er sich das gut überlegt haben. Also machen wir es.

Wir in Deutschland überlegen sehr viel mehr, was auch Vorteile haben kann. Aber nicht für das Beenden der Seuche. Alle Impfgegner riskieren, dass sich neue Mutationen auch neue Nährlösung, sprich Menschengruppen, auch Jüngere, suchen. Ein weiteres warnendes Beispiel sind die USA. Donald Trump hat mit viel Geld die Entwicklung eines Impfstoffes gefördert, und jetzt sind es ausgerechnet Republikaner, die die Mehrheit der Impfgegner stellen. Donald Trump war selber infiziert, wurde mit den aufwendigsten Methoden behandelt und hat sich impfen lassen. An ihm liegt es nicht!

Bleiben Sie gesund und mir gewogen!

Über die Person

Martin Lindner
Martin Lindner ist promovierter und habilitierter Mathematikprofessor im Ruhestand und beschäftigt sich intensiv mit nachhaltiger Wirtschaft und der Zukunftsfähigkeit unserer heutigen Lebensformen. Zusätzlich hat er eine Ausbildung und auch Berufserfahrung in Wirtschaftsmediation.

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