Research Responsibility: Von Menschenverachtung und Steuerzahlerfeindlichkeit

Prof. Horst Müller-Peters, Herausgeber marktforschung.de

Aktuell ist durch eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung eine Diskussion zu Menschenfeindlichkeit und Ablehnung entfacht worden. Haben die Forscher ihre Fragen richtig gestellt? Haben sie bei der Auswertung der Ergebnisse persönliche Einstellung ausgeklammert? Prof. Horst Müller-Peters nimmt dies zum Anlass um zu betonen, wie wichtig der richtige Umgang mit Studienergebnissen ist.

Prof. Horst Müller-Peters
Prof. Horst Müller-Peters

Dass Forscher bei mangelnder Neutralität immer in Gefahr sind, am Ende nur "die Eier zu finden, die sie selbst versteckt haben", habe ich schon im Grundstudium gelernt. Ein interessantes Beispiel dazu liefert eine aktuelle Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung mit dem schönen Titel "Verlorene Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2018/19." Um diese Studie ist in den letzten zwei Wochen eine heftige Diskussion entbrannt, in der sich nicht nur konservative Kreise, sondern auch wesentliche Vertreter der SPD deutlich von der als einseitig empfundenen Interpretation der Ergebnisse distanziert haben.

Schon der Titel der Studie vermittelt ein eher düsteres Bild zur Lage der Republik, und - so schließen die Autoren -  die Mitte verliere "ihren festen Boden und ihre demokratische Orientierung". Diese These, die auch in der ersten Presseberichterstattung sowie von zahlreichen Politikern gerne aufgegriffen wurde, wird durch einen genaueren Blick auf die Ergebnisse dagegen fast konterkariert: Eine große Mehrheit der Befragten bekennt sich nicht nur eindeutig zu Demokratie und zur EU, sondern auch zu gesellschaftlicher Vielfalt. Der Anteil rechtsextremer Ansichten ist demgegenüber mit deutlich unter drei Prozent nicht nur verschwindend gering, sondern gegenüber Vergleichswerten aus dem vorigen Jahrzehnt auch dramatisch gesunken.

Entsprechend bezieht sich ein wesentlicher Teil der geäußerten Kritik an der Studie auf die negative Grundaussage und die als einseitige wahrgenommene Interpretation der Längsschnittergebnisse: Werden wirklich die Kernergebnisse angesprochen, oder verteidigen die Herausgeber durch ihre Gewichtung eher ihre eigenen politischen Ansichten und die Relevanz ihres Forschungsbereiches (oder künftige Forschungsgelder)?

Probleme der Operationalisierung

Aus methodischer Sicht ist daneben vor allem die Operationalisierung angreifbar. Das betrifft besonders die Fragen zur Verbreitung "menschenfeindlicher Einstellungen", die die Autoren in der Ergebniszusammenfassung besonders in den Fokus gerückt haben. Demnach sei jeder fünfte Befragte "muslimfeindlich", jeder vierte werte Sinti und Roma ab, ebenso viele seien "israelbezogen" antisemitisch und gar 54 Prozent werten Asylsuchende ab. (Sexismus, "klassischer" Antisemitismus sowie die Abwertung wohnungsloser, homosexueller und transsexueller Menschen zeigen sind im Vergleich dazu deutlich wenig verbreitet und – soweit im Längsschnitt gemessen – ebenfalls auf dem Rückzug).

Schon Elisabeth Noelle-Neumann betonte, die richtige Frageformulierung sei der wichtigste Schritt für gute Ergebnisse. Und so haben die Autoren zur Messung von "Menschenfeindlichkeit" und "Ablehnung" bewusst auf direkte und damit gegenüber sozialer Erwünschtheit anfälligen Fragen verzichtet, sondern kurze Skalen mit indirekt formulierten Items gewählt.

Das erste große Problem dabei wird am Beispiel der Fragen zur "Feindlichkeit gegenüber Asylbewerbern" deutlich:

Frage 1: "Die meisten Asylbewerber werden in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt."

Frage 2: "Bei der Prüfung von Asylanträgen sollte der Staat großzügig sein."

Hier fragt sich, ob es sich wirklich um eine zulässige Messung von "Feindlichkeit" oder "Abwertung" handelt. Immerhin ist die erste Aussage formal richtig (zumindest wird die Mehrheit der geprüften Asylanträge tatsächlich von den Behörden abgelehnt), und die zweite Aussage fragt eigentlich nur die "Gesetztestreue" ab. Würden die Items zum Beispiel auf Steuerzahler umformuliert ("In den meisten Steuererklärungen finden sich falsche Angaben" und "Bei der Prüfung von Steueranträgen sollte der Staat großzügig sein"), würde wohl eine ebenso große "Steuerzahlerfeindlichkeit" resultieren (auch wenn Steuerzahler aus Sicht der meisten Bürger wahrscheinlich ganz nützlich für das Gemeinwesen sind).

Die Studienautoren begegnen dieser Kritik mit dem Hinweis, die Items würden zweifelsfrei mit Asylantenfeindlichkeit korrelieren. Wenn wir aber schon mit reiner Korrelation zufrieden sind und darauf verzichten, dass die Messung das Konstrukt auch in irgendeiner Form repräsentieren muss, dann könnten wir auch direkt von Bundesland, Alter oder anderen verfügbaren Informationen auf die Einstellung schließen, statt diese mühsam durch Befragung zu ermitteln. Auf jeden Fall erscheint es höchst zweifelshaft, auf Basis dieser Items 54 Prozent der Bevölkerung eine rechtspopulistische motivierte "Menschenfeindlichkeit" gegenüber Asylanten zu attestieren. Ähnliche Kritik betrifft andere Operationalisierungen in der Studie.

Das zweite wesentliche Problem betrifft die vermeintliche Vergleichbarkeit der Aussagen zu unterschiedlichen Gruppen. Während die Studie den Eindruck erweckt, Homosexuelle, Wohnungslose oder auch Sinti und Roma seien weitaus akzeptierter als Asylbewerber, zeigt ein Blick auf die Items, dass ein solcher Vergleich aufgrund der Datenlage gar nicht zulässig ist. Denn Formulierungen wie "Sinti und Roma neigen zu Kriminalität", "Die meisten Obdachlosen sind arbeitsscheu" oder "Es ist ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen" wirken im Vergleich ungleich schärfer formuliert (in Fachsprache: sie weisen einen höheren Schwierigkeitsgrad auf).

Die Verantwortung des Forschers

Egal, wie die jeweilige persönliche Einstellung zum eigentlichen Gegenstand der Untersuchung ist, und auch in Bewusstsein der Tatsache, dass sich wohl kein Meinungs- oder Marktforscher ganz immun gegen die obigen Fehler fühlen kann (schon gar nicht der Autor dieser Zeilen). Die Studie zeigt durch ihre breite Resonanz in Politik und Presse und die der Folge entstandene Diskussion, wie wichtig die Verantwortlichkeit der Forscher im Umgang mit ihren Ergebnissen ist. Und damit ist keinesfalls "politische Korrektheit" gemeint, sondern ganz klassische "Handwerkstugenden" der Empirie: Gütekriterien wie "Repräsentativität" oder hier "Validität" und "Neutralität" können und müssen weiterhin als Maßstab dienen. Gerade dann, wenn es um solche gesellschaftlich brisanten und relevanten Themen wie Demokratieverständnis, Ausgrenzung und Rechtsextremismus geht!

Ihr Horst Müller-Peters

PS: Dem Thema "Research Responsibility" wollen wir uns in Zukunft – in unregelmäßiger Folge – noch intensiver widmen. Ihre Beiträge und Anregungen dazu sind willkommen!

Veröffentlicht am: 14.05.2019

 

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