Neue Töne

Claudia Dubrau, agof

Die Bundesregierung überrascht mit Statements zur aktiven Nutzung von anonymisierten Daten und "Open Data"-Ideen. Claudia Dubrau, Geschäftsführerin der agof, mit einem Kommentar zur neuen Datenstrategie der Bundesregierung.

Claudia Dubrau, agof

Ganz ehrlich, ich war überrascht. Wer sich, wie auch die agof, in den vergangenen zwei Jahren intensiv mit den Verschärfungen und Neuregelungen des Datenschutzes beschäftigt hat (Stichwort DSGVO und ePrivacy), konnte sich über die neuen Töne der Bundesregierung zum künftigen Umgang mit Daten nur wundern - und das durchaus im positiven Sinne.

Wie es scheint, hat sich auch im Kabinett von Angela Merkel eine Erkenntnis durchgesetzt, auf die viele Marktforscher aus Deutschland die Politiker aller Parteien immer wieder - und das gebetsmühlenartig - hingewiesen haben: Wir dürfen den global agierenden Big Playern nicht die Hoheit über digitale Daten überlassen und selbst mit gefesselten Händen am Spielfeldrand stehen.

Eine Pressekonferenz, die hellhörig machte

Finanzminister Olaf Scholz formulierte es auf der Pressekonferenz im Anschluss an den Digitalgipfel am 18. November im brandenburgischen Meseberg so: "Es geht um Datensicherheit. Dafür sind wir zuständig, soweit es sich um öffentliche Daten dreht. Es geht aber auch darum, dass wir die Bedeutung der Daten erkennen und sie nicht irgendwelchen großen privaten Konzernen überlassen, sodass sie die ganzen Geschäfte damit machen."

Angela Merkel wiederum hob hervor, dass die neue Datenstrategie der Bundesregierung "immer unterscheiden" müsse "zwischen individualisierten Daten und den anonymisierten Daten, die für die Schöpfung neuer Produkte verwandt werden können, für Voraussagen zum Beispiel."

Und Olaf Scholz ergänzte: "Im Übrigen ist es ganz wichtig, dass wir sicherstellen, dass wir die Daten, die wir haben und von denen wir denken, dass sie genutzt werden können, ohne auf einzelne Personen zurückgreifen zu können, auch einsetzen, damit die Qualität von Dienstleistung besser wird, die die Bürgerinnen und Bürger entweder von privaten Unternehmen oder von uns als Staat haben."

(Quelle aller Zitate: bundesregierung.de, offizielle Mitschrift der PK zum Digitalgipfel.)

Digitale Marktforschung zwar nicht erwähnt – vielleicht aber (auch) gemeint?

Nun wurden in Meseberg Sozial-, Markt- und Medienforschungs-Organisationen sowie Institute, die im digitalen Raum aktiv sind, nicht explizit erwähnt. Doch wurden von Kanzlerin und Vize-Kanzler nicht genau die Aufgaben beschrieben, denen sich unsere Zunft widmet? Wir nutzen anonymisierte Daten, um Vorhersagen zu treffen, Trends zu identifizieren, Produkte und Dienstleistungen zu optimieren, die Bedürfnisse und Einstellungen der Bürgerinnen und Bürger zu verifizieren - um am Ende Wirtschaft und Gesellschaft voranzubringen.

Und um es an dieser Stelle nur noch einmal zu erwähnen: Die Mitglieder unserer Zunft halten sich seit jeher an Gesetze und ordnen sich obendrein strengen nationalen und internationalen Standesregeln (BVM/ESOMAR) unter. Wir sind nicht diejenigen, die regelmäßig durch massive Verstöße gegen elementarste Persönlichkeitsrechte Schlagzeilen machen und deshalb Strafen in Millionenhöhe zahlen müssen. Dennoch hatte ich in so manchem Gespräch mit politisch Verantwortlichen das Gefühl, auf tiefes Misstrauen zu stoßen - und dass allein der Tatsache wegen, weil wir Informationen digital erheben. Es sei, so wurde mir mehrfach erklärt, auch irrelevant, für welchen Zweck Daten erhoben werden und von wem. Das Motto: Datensammler ist gleich Datensammler - und damit per se mit großer Skepsis zu betrachten.

Angesichts der politischen Bekundungen von Meseberg besteht Hoffnung, dass diese Art Skepsis der Erkenntnis weicht, dass es bei der Beurteilung von "Datensammlern" auf Differenzierung ankommt. Und dafür gab es auf dem Digitalgipfel tatsächlich weitere, handfeste Indizien. Es wurde nämlich auch beschlossen, ein Konzept für "Open Data" zu entwickeln, das in einem neuen Gesetz münden soll. Behörden, Verwaltungen und staatliche Institutionen, so die Idee, können danach ihre Datensammlungen, selbstverständlich anonymisiert, der Allgemeinheit zur Verfügung stellen, um, so wörtlich, "neue Produkte zu generieren." Es wurde zwar nicht näher ausgeführt, wie das Projekt technisch ausgestaltet werden soll. Wobei: der Begriff "Open Data" impliziert eigentlich eine Schnittstelle, über die Daten abgerufen und in andere Systeme importiert werden können.

Staatliches "Open Data"-Projekt kann ein großer Schritt nach vorn sein

Interessant, vielleicht sogar wegweisend, ist aber erst einmal nicht das "wie", sondern die Haltung, die hinter dem Vorschlag steckt. Und die ist aus Sicht der Sozial- und Marktforschung ausgesprochen begrüßenswert. Wenn der Staat einen Teil seiner Daten zur Verfügung stellt, damit die Allgemeinheit (also z.B. Presseorgane, Wissenschaft, Wirtschaft) die Informationen nutzen kann, müsste das prinzipielle Misstrauen gegenüber all jenen, die digitale Daten für Forschungszwecke erheben und verarbeiten, eigentlich der Vergangenheit angehören. Vielleicht ist es dann auch möglich, Datenschutzregeln zu kreieren, die seriösen Anbietern im Bereich der Sozial- und Marktforschung die Arbeit nicht unnötig erschweren oder gar unmöglich machen.

Wenn sich die Politik hierzulande (und in Europa insgesamt) gedanklich und praktisch nicht bewegt, sondern darauf beharrt, dass das Sammeln von Daten und deren Verarbeitung massiv eingeschränkt, am besten gleich ganz verboten werden sollte, freuen sich am Ende genau die, die sich oft genug nicht an Regeln halten. Solange im Datenschutz keine globalen Leitplanken eingezogen werden können, es also keine weltweit einheitlichen und gültigen Gesetze gibt, besteht immer die Gefahr, dass "gut gemeint" gegenteilige Effekte erzeugt. Denn machen wir uns nichts vor: Ohne Daten geht heutzutage nicht mehr viel. Und wenn vertrauenswürdige und seriöse Quellen aufgrund gesetzlicher (und technischer) Beschränkungen versiegen, werden eben andere angezapft. Solche, deren Methoden einer "Black Box" gleichen, für die keine oder nur sehr lasche Regeln gelten oder die schlicht so finanzkräftig und mächtig sind, dass sie Strafen aus der Portokasse zahlen.

Claudia Dubrau ist seit Februar 2009 Geschäftsführerin der agof. Die studierte Psychologin ist seit Ende 2003 in verschiedenen Funktionen für die agof tätig. Zunächst war sie in der Technischen Kommission (TK) und verschiedenen AGs aktiv, 2005/2006 war sie stellvertretende Vorstandsvorsitzende und von 2007 bis 2008 Sprecherin der Technischen Kommission, die die methodische Verantwortung für die Forschungsprojekte der Arbeitsgemeinschaft, insbesondere die Markt-Media-Studie daily digital facts, trägt.

Veröffentlicht am: 28.11.2019

 

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