Life-Life-Balance, oder: Wie die Generation Snowflake endlich unsere Arbeitsmentalität verändert

Markus Küppers, september Strategie und Forschung

Neulich, beim Stammtisch unter gleichaltrigen Instituts-Kollegen: Man erzählt sich aus dem Alltag und es kam, wie es kommen musste - irgendwann landeten wir thematisch beim allseits beliebten GenY-Bashing. Die Generation Y, Millenials, Digital Natives, Ypsiloner oder welches Pseudonym man bemühen mag, sind zwischen 1980 und den früher 2000ern geboren und stellen mittlerweile circa 20 Prozent der Arbeitnehmer dar.

Markus Küppers, Geschäftsführer ©september Strategie & Forschung GmbH
Markus Küppers, Geschäftsführer ©september Strategie & Forschung GmbH

GenY Bashing ist unter den " älteren" Kollegen, die der Generation X angehören, mittlerweile so etwas wie ein Identitätsgebender Sport. Er hat zwei Facetten:

1) Hohn & Spott: Den Einstieg bilden amüsierte Berichte von Vorstellungsgesprächen, in denen GenY-Bewerber ihre unverschämten Erwartungen ausbreiten: gleich zu Beginn des allersten Kennenlernens nach Arbeitszeiten oder der Anzahl der Urlaubstage zu fragen. Nach Home Office zu fragen, oder ob man einen Coach bekäme. Für jedes Problem eine eigene Weiterbildung zu wollen. Und dann sind da noch die Highlights: Junge Arbeitnehmer, die für Süßwaren-Kunden nicht arbeiten möchten, weil es ihre ethischen Grundsätze verletzt. Oder dass die Stifte, die man nutzt, nicht ergonomisch genug seien.

1) Die idealistische Selbsterhöhung: Gleich nachdem man genüsslich über die unverschämten Vorstellungen der GenY hergezogen hat, folgt das, was am ehesten an Opas Kriegsgeschichten erinnert:

Die reiferen Kollegen zählen ihre Heldentaten aus den Job-Anfängen und erfreuen sich an gegenseitigen Gruselgeschichten aus dem Mafo-Kabinett.

Wie man als Praktikant darum gebettelt habe, eine Nachtschicht erleben zu dürfen. Dass man anfangs im Keller saß und sich seine Aufgaben selbst suchen musste. Oder wie man, natürlich ohne zu murren, bereitwillig die Aufgaben der älteren Kollegen übernahm, weil noch mehr Arbeit das größte Lob an ihrer Arbeit war. Der Gipfel der Glückseligkeit der Generation X schien – glaubt man den Geschichten – darin zu bestehen, als letzter im Büro das Licht ausgemacht zu haben. Meine persönliche Lieblingsgeschichte ist die der Kollegin, die Sonntags eine Rundmail an den Kollegenkreis herumschickte mit der Info, sie habe frischen Kaffee gemacht. Überhaupt war Freizeit offenbar ein völlig überzogenes Konzept all jener armen Seelen, die keine Leidenschaft für ihren Job haben und es "nur für’s Geld" tun. Vor ein paar Jahren hat ein Vorstand eines DAX-Konzerns den "Allnighter" dadurch legitimiert, indem er sinngemäß sagte: "Die jungen Leute möchten einfach ab und zu mal eine Nacht durcharbeiten."

Nun ist die Bandbreite zwischen den Forderungen der Generation Y und den Erwartungen der Generation X äußerst groß, und es gibt ohne Zweifel viele Extremfälle, über die wir nicht diskutieren brauchen. Was die Generation X bei der Diskussion der Generation Y allerdings überhaupt nicht blickt: Die "überzogenen" Erwartungen der Generation Y sind im allergrößten Teil weder überzogen, noch sonderlich freizeitfixiert. Im Gegenteil:

Wer sich wie die Generation X für seine eigene Ausbeutung heroisiert, dem ist eigentlich nicht mehr zu helfen. Und wer glaubt, dass Loyalität und Leidenschaft nur mit Nachtschichten zu zeigen sind, muss streng genommen zum Psychologen.

Die Generation X fürchtet sich vor der Generation Y. Die Alten fürchten sich vor den Jungen, das Etablierte verteidigt sich vor der Rebellion, und das war schon immer so. Aber erst die GenY macht der Generation X bewusst, wie dumm sie eigentlich ist, und wie verblendet. "Früher war alles besser" ist in dieser Hinsicht ein Satz, den die Generation X vor sich hinmurmelt, während sie spät abends vor dem Laptop sitzt.

Wir müssen der Generation Y dafür danken, was sie in punkto Arbeitszufriedenheit und Arbeitsbedingungen für uns alle leistet, nämlich ein neues Arbeits-Selbstverständnis. Eine Mentalität, die den Menschen vor die Arbeit setzt. Man kann heute nicht mehr Talente einstellen und erwarten, dass sie sich selbst coachen. Oder dass Neue einfach von Älteren durch Abschauen lernen.

Es ist ein Prinzip des kollektiven Wahnsinns, Leistung durch Anwesenheit definieren zu wollen.

Nur, weil man nicht im Büro ist (sei es im Home Office, oder abends) heißt das noch lange nicht, dass man nicht produktiv sein kann. Die Generation Y verlangt Selbstverständliches! Weil man sich diese Forderungen damals nicht getraut hat, heißt es nicht, dass man es nicht hätte versuchen sollen.

Allerdings ist die neue Arbeitsmentalität auch etwas, das nicht so ohne weiteres umgesetzt werden kann. Denn solange die Generation X die Forderungen der Generation Y belächelt, hat sie, die kraft ihres Alters häufig in der Vorgesetztenrolle steckt, ein Problem.

  • Entweder sie ignoriert sie: dann sind die wertvollen Arbeitskräfte wieder weg. Und wir wissen, dass es in der Marktforschung heutzutage gar nicht so leicht ist, gute Mitarbeiter(innen) zu finden, ganz abgesehen vom Nachwuchs.
  • Oder sie versucht sie umzusetzen. Aber dies impliziert auch ein Committment. Denn nur wer 100%ig dahinter steht, kann Prinzipien der Arbeitsflexibilität, moderne Arbeitszeitkonzepte, Remote Work und Mentorship dauerhaft und glaubhaft umsetzen. Gerade in der mittelständischen Institutslandschaft ist dies eine große Herausforderung, weil kaum jemand einen HR-Profi beschäftigt, der sich Vollzeit um Personalentwicklung kümmert. Im Nebengedanken: "HR" ist übrigens ein Begriff, der genau die falsche Mentalität wiederspiegelt. Human Resources sind genau das Gegenteil dessen, womit sich die Generation Y gerne identifiziert.

Wenn Sie, lieber Generation X’ler, sich also mal wieder im Vorstellungsgespräch mit einem jüngeren Bewerber befinden, und sie rollen innerlich mit den Augen, denken Sie daran: vielleicht sind Sie Teil des Problems, und die Lösung sitzt vor Ihnen.

Der Autor:

Markus Küppers, Jahrgang 1972, ist Mitgründer und Geschäftsführer von september Strategie & Forschung Gmbh in Köln. Er gräbt leidenschaftlich gerne nach Insights, hält Workshops und Vorträge im In- und Ausland und in seiner Freizeit schaut er mit seinen beiden Kindern gerne Ninjago-Filme.

Veröffentlicht am: 09.08.2018

 

Kommentare (7)

  1. Jessica Rainalter am 07.09.2018
    Als GenY-Arbeitnehmerin finde ich mich in vielen Punkten wieder und finde die Perspektive erfrischend! Wir lernen aus solchen Berichten wieso wir uns mit unseren Forderungen oft schwer tun. Ich hoffe aber auch, dass sehr viele Kollegen und Chefs der GenX dies lesen und sie sich in Folge auch auf ihrer Seite mehr mit diesen Unterschieden auseinandersetzen.
    In jedem Fall ist m. E. - wie so oft - offene und ehrliche Kommunikation der Schlüssel zur friedlichen Zusammenarbeit und dazu, dass die GenY der Marktforschung (und vielen weiteren "alteingesessenen" Branchen) nicht den Rücken kehrt.
  2. Heiko Rechenberger am 17.08.2018
    Es ist gut, auch von jungen Menschen lernen zu können und das Mindset dazu zu haben.
    Vielen Dank für den Artikel, Herr Küppers. Er beschreibt sehr gut, was sich durch Entwicklungen und Trends in der Abreitswelt auch zum Positiven und Vorteil des Arbeitnehmers ändern kann.
    #dankeSchneeflocke;-)
  3. Ulrike Oberascher am 15.08.2018
    Danke fuer den scharfen Blick und wunderbaren Humor. Sehr lesenswert. Da denke ich sicher wieder dran, wenn es um Home Office oder Ueberstunden geht ;-).
  4. Angelika Engelhard am 13.08.2018
    Lieber Herr Küppers,
    Chapeau für diesen tollen Artikel,
    Allerdings hätte ich doch noch gerne gewusst, wie die Generation Snowflake zu ihrem Namen kam.
    Liebe Grüße aus Straelen!
  5. Gast am 13.08.2018
    Interessanter Artikel, vielen Dank!
  6. Anja Kettern am 13.08.2018
    Vielen Dank für diesen tollen Artikel, der sehr genau meine Erfahrungen widerspiegelt. Ich arbeite in einem Unternehmen, das sich sehr stark mit dem Thema New Work auseinandersetzt. Nachtschichten spielen dabei keine Rolle, wohl aber die vielen neuen Perspektiven der Generation Y auf das Thema Arbeit, die Leistung nicht mehr über Anwesenheit oder Überstunden definiert. Von daher kann ich nur zustimmen: Vielen Dank an die Generation Y dafür, dass sie Arbeit für uns alle neu definiert und dafür sorgt, dass die meisten von uns wahrscheinlich wesentlich zufriedener mit ihrem Arbeitsleben sind auch noch zu Zeiten der Anwesenheitspflicht und der Überstunden.
  7. Marco Ottawa am 13.08.2018
    Hallo Markus,
    ich habe lange nicht mehr eine so köstliche Beschreibung der Generationen X und Y gelesen. Als Babyboomer kann ich darüber abgeklärt lachen, doch hast Du wunderbar die "Stundenklopperei" der Neunzigerjahre und das Anspruchsdenken der jüngeren Kollegen dargestellt. Herzlichen Glückwunsch dazu.
    Marco

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