Jo-Jo-Spiel

Martins Menetekel

Was haben die Spindel eines Jo-Jo-Spiels und der Vorgang der Corona-Pandemie gemeinsam? Weiterhin gilt: Ohne Herdenimmunität und ohne die Einhaltung der AHA-Regeln ist kein Ende der Seuche möglich, so Mathematiker und Kolumnist Martin Lindner. Das Spiel beginne von neuem. Ist eine fünfte Welle in Sicht?

Kolumne Martin Lindner: Jo-Jo-Spiel (Bild: Lindner)

Die meisten werden das Jo-Jo-Spiel kennen: Eine aufgewickelte Spindel wird heruntergelassen, dabei dreht sie sich und verwandelt ihre potentielle Energie zu einem großen Teil in Rotationsenergie um, die am unteren Ende, wenn die Schnur abgewickelt ist, wieder für das Aufwickeln und damit ein Hochklettern der Spindel sorgt. Das würde durch Reibung bald aufhören, man muss immer wieder durch Mitgehen der Hand und kräftiges Hochheben den Energieabfluss ausgleichen.

So erscheint es auch mit der Corona-Seuche zu gehen. Immer wieder, wenn die Fallzahlen langsamer steigen, die Zuwächse wieder fallen, bekommt die Pandemie einen neuen Schub durch Eintrag von außen. Neue Varianten, durch Nachlässigkeit der Betriebe und der Bevölkerung, verbreiten sich stärker.

Keine Hoffnungen mehr 5. Welle zu entkommen?

Alle unsere Hoffnungen in ein Übergehen der Fallzahlenzeitreihe in ein limitiertes Wachstum mit oberer Schranke I + S in der Größenordnung von etwa 4.280.000 sind dahin!

Diese Schranke ist jetzt schon überschritten, und zwar mit steilem Anstieg:

Heutiger Wert (7.10.21) 4.290.515 , Zuwachs zu gestern: 9.605 (nicht geglättet)

Das geglättete Diagramm:

Es kann immer noch ein Ausrutscher sein!

Änderung der Zuwächse:

Wir sehen deutlich, dass unsere jetzige Referenz-Verhulst-Kurve ausgedient hat.

Das Dilemma ist das, wenn die Inzidenzien fallen, rufen alle nach Erleichterungen der Beschränkungen, das wird lange diskutiert, dann beschlossen. Aber in der Zwischenzeit steigen die Zuwächse wieder, aber keiner möchte die Lockerungen sofort wieder aufheben, das Virus hat Zeit sich wieder auszubreiten, Jo-Jo lässt grüßen.

Wir waren auf einem guten Weg ...

ich zeige noch einmal die extrem geglätteten Zuwächse seit März 2020:

Wir sehen, dass das Anwachsen bei der Glättung noch nicht durchgeschlagen hat. Das ist das Problem: Alle aussagekräftige Zeitreihen haben einen großen Zeitverzug gegenüber der tatsächlichen Entwicklung.

Interessant war heute die Diskussion, ob die Impfquote nicht in Wahrheit viel höher ist, als es der jetzige Stand von 64,8 Prozent angibt. Die Herdenimmunität wird aber erst ab 86 Prozent erreicht, wenn 0,14*R < 1 ist, und der Reproduktionsfaktor R der Delta-Variante zwischen fünf und sieben liegt. Damit der Reproduktionsfaktor sogar unter 0,84 fällt, ist eine Herdenimmunität von 88 Prozent nötig. Dazu muss die Impfquote bei 96 Prozent der für das Virus erreichbaren Bevölkerung liegen.

Es gilt: Ohne Herdenimmunität und ohne AHA+ kein Ende der Seuche möglich.

Jetziger Stand der Impfquote:

Sie kommt nicht voran. Ich bin gespannt, ob das RKI neue verlässliche Zahlen herausgeben wird. Es würde mich freuen.

Derzeit ist R wieder leicht über 1 und die Inzidenzen oszillieren um die 70.

Fazit:

Keine Prognose, weder nach oben oder unten, ist möglich. Das Spiel beginnt von neuem: Warten auf das Maximum der Zuwächse, sprich Wendepunkt der Fallzahlen oder Nullstelle der zweiten Ableitung.

Aber die Hoffnung stirbt zuletzt: Vielleicht ist es nur eine Delle.

Deshalb alle Fallzahlen seit März 2020:

Das Plateau zwischen der ersten und zweiten Welle war lang und ausgeprägt, zwischen 2. und 3. Welle praktisch gar nicht da, zwischen der 3. und 4. Welle wollte es sich ausbilden, aber die vierte Welle kam zu schnell. Wir werden sehen, wie stark sie sich auftürmen wird.

Über Martin Lindner

Martin Lindner
Martin Lindner ist promovierter und habilitierter Mathematikprofessor im Ruhestand und beschäftigt sich intensiv mit nachhaltiger Wirtschaft und der Zukunftsfähigkeit unserer heutigen Lebensformen. Zusätzlich hat er eine Ausbildung und auch Berufserfahrung in Wirtschaftsmediation.

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