Erneut auf der Kippe!

Martins Menetekel

In seinem letzten Beitrag sprach Martin Lindner über die Möglichkeit einer kontrollierten Durchseuchung der gesamten Bevölkerung. Derzeit ändere sich das Verhalten der Virusvariante wenig, aber auch die Reaktion der Menschen auf neue Lockerungen oder Einschränkungen habe einen gewissen Nachlauf. Wie bereits im Januar 2021, liegen die Zahlen erneut auf der Kippe. Wie wird es weitergehen? Gibt es Hoffnungsschimmer in die richtige Richtung?

Kolumne Martin Lindner: Erneut auf der Kippe! (Bild: Lindner)

Wir sind in einer schwierigen Zeit, was die Interpretation der Zeitreihen sowohl für die Zuwächse (1. Ableitung), als auch deren Änderungen (2. Ableitung) der Fallzahlen betrifft.

Das ist umso verwunderlicher, als eine Seuche im Prinzip ein träger Prozess ist. Das Verhalten einer Virusvariante ändert sich wenig, auch die Reaktion der Menschen auf neue Lockerungen oder Einschränkungen hat einen gewissen Nachlauf. Das berücksichtigt, müssten alle drei Zeitreihen nicht so starke Ausschläge haben, wie wir sie in den letzten Wochen gesehen haben. Das gilt auch für die 2. Ableitung. Daher kommen die Ausschläge vor allem aus der Diskontinuität der Zahlenlieferanten selber und aus den Abweichungen bei den Wochentagen. Deshalb habe ich mich entschlossen, auch die 1. und 2. Ableitung auf der sieben-Tages-Basis zu glätten. 

Das ist eigentlich ein Widerspruch in sich, dass man einen Grenzprozess, der die Steigung in einem Punkt messen soll, von den Werten drei Tage vorher und drei Tage danach abhängig macht. Ich bin selbst gespannt, ob die Kurven plausibler werden. Aber das ist Zukunftsmusik und kostet noch einmal viel Arbeit.

Zum Stand heute

Die Fallzahlen und deren Änderungen verlassen die exponentielle Referenzkurve und zwar, in der richtigen Richtung nach unten. Grafik der Fallzahlen oberhalb des Sockels:

Das könnte einen Wendepunkt andeuten, aber sicher ist, dass noch nichts sicher ist. In der folgenden Grafik sehen Sie die Fallzahlen mit exponentieller Referenzkurve:

Noch deutlicher wird es bei den Zuwächsen:

Der Höhepunkt – wie immer – die 2. Ableitung als Indikator der Änderung der Änderungen. Und auf die kommt es an. Aber, wie im richtigen Leben, wenn es auf etwas ankommt, ist es schwer zu fassen.

Alles auf der Kippe!

Die 2. Ableitung muss negativ werden. Das aber kann die exponentielle Referenzkurve nicht leisten. Wenn der Trend, dass die Zuwächse kleiner werden und nicht mehr mit derselben festen Zahl q multipliziert werden, ist es Zeit für Verhulst mit Limitierungsfaktor l = -1/S und positivem – hoffentlich nicht zu großem – S. Natürlich, habe ich dieses S schon berechnet, aber es ist noch nicht stabil. Warten wir die nächsten zwei Wochen ab.

Noch ist alles auf der Kippe und die Fallzahlen können wieder exponentiell oder sogar hyperexponentiell wachsen. Noch ein Hoffnungsschimmer: Die Inzidenzen zeigen ein Maximum am 7. September. Die Frage: Delle nach unten oder stabiler Trend?

Da die Inzidenzen ungeglättet sind, um die aktuellsten „Trends“ zu zeigen, ist Vorsicht geboten. Wie heißt es bei einem großen Dichter: Trend oder Messungenauigkeit, das ist hier die Frage. Und davon hängt nicht nur das Schicksal von Hamlet oder Dänemark, sondern der ganzen Welt ab.

Vielleicht wissen wir in einer Woche mehr. Bis dahin mögen alle Leser nicht nur gesund, sondern auch munter sein.

Über die Person

Martin Lindner
Martin Lindner ist promovierter und habilitierter Mathematikprofessor im Ruhestand und beschäftigt sich intensiv mit nachhaltiger Wirtschaft und der Zukunftsfähigkeit unserer heutigen Lebensformen. Zusätzlich hat er eine Ausbildung und auch Berufserfahrung in Wirtschaftsmediation.

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